Die Schattenseiten des Glücks

PSYCHOLOGIE ⋅ Um zufrieden zu werden, muss man die Dinge manchmal einfach laufen lassen. Denn wer das Glück zu stark herbeiwünscht, erreicht unter Umständen genau das Gegenteil.
17. März 2017, 07:32

Michael Baumann (Text) und Stephan Schmitz (Illustration)

wissen@luzernerzeitung.ch

Wir alle wünschen uns ein erfülltes und zufriedenes Leben. Dagegen ist eigentlich nichts einzuwenden: Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen, dass zufriedene Menschen gesünder sind und länger leben. Doch zu diesen Auserwählten zu gehören, ist gar nicht so einfach. «Das Glück zu suchen, macht nicht glücklich», sagt Pasqualina Perrig-Chiello, Psychologin an der Universität Bern. Die verkrampfte Suche könne sogar das Gegenteil bewirken: Wer ständig danach trachte, sich Momente des Wohlbehagens zu verschaffen, werde immer unzufriedener.

Das bestätigen verschiedene Studien. Beispielsweise fanden Psychologen der Universität Denver im Jahr 2012 heraus, dass der starke Wunsch nach Glück Menschen einsam macht. In ihrem Versuch fragten die Forscher über 200 gesunde erwachsene Probanden zuerst, wie wichtig es ihnen ist, glücklich zu sein. Danach mussten diese während zweier Wochen jeden Tag dokumentieren, wie einsam sie sich fühlten. Das Ergebnis war deutlich: Die Teilnehmer, die sich am meisten wünschten, glücklich zu sein, fühlten sich am einsamsten.

Intensiveres Glück – mehr Risiko und Alkohol

Der exzessive Wunsch nach Glück macht aber nicht nur einsam, er könnte sogar in Zusammenhang mit psychischen Erkrankungen stehen. Das zeigt eine Untersuchung von Psychologen der Universität Berkeley mit über 500 Erwachsenen. Durch Befragungen identifizierten die Forscher jene Probanden, die Symptome einer Depression zeigten. Dieselben Personen gaben auch an, dass es ihnen enorm wichtig ist, glücklich zu sein.

Zudem scheint es auch ein Zuviel an Glück zu geben. So sind Menschen, die Glücksgefühle viel intensiver empfinden als der Durchschnitt, anfälliger für riskantes Verhalten. Das belegt eine neuere Studie der Universität London, in der 106 Studenten an einer Bierdegustation teilnehmen sollten. Tatsächlich wollten die Psychologen aber beobachten, wer wie viel Alkohol trinkt.

Es zeigte sich, dass jene Probanden, die zuvor angaben, Glücksmomente besonders intensiv zu erleben, deutlich mehr Bier tranken als die anderen. Andere Studien zeigen, dass solche Menschen auch in Situationen mit grösserer Tragweite bereit sind, Risiken einzugehen. Sie haben beispielsweise eher ungeschützten Geschlechtsverkehr mit Unbekannten oder sind anfälliger für den Konsum von Drogen.

Mal traurig sein ist auch okay

Viele Menschen wären am liebsten nie unzufrieden, sagt der Glücksforscher und Ökonom Bruno Frey von der Uni Basel. Für ein gesundes Gefühlsleben brauche es aber Ausgewogenheit: «Um glücklich zu sein, muss man auch wissen, was Leid ist.» Daher solle man kurze Phasen von Traurigkeit nicht durch Ablenkung oder gar Medikamente verdrängen, sondern zulassen. Andernfalls brauche man immer intensivere Glücksmomente, um sich wirklich gut fühlen zu können.

Negative Gefühle auszuleben, ist in unserer Gesellschaft allerdings oft schwierig, sagt Frey. «Es herrscht heute ein ungeheurer Druck, glücklich zu sein.» Gerade deshalb, weil es in der Schweiz den meisten Menschen an fast nichts fehlt. Tatsächlich gehören Schweizer zu den Glücklichsten überhaupt. Das zeigt der alljährlich erscheinende Bericht der Vereinten Nationen, der «World Happiness Report», der kommende Woche wieder erscheint. Darin belegt die Schweiz regelmässig Spitzenplätze.

Doch die Top-Platzierung in der Rangliste der glücklichsten Länder hat eine Kehrseite, sagt Psychologin Perrig-Chiello: «Wenn rundherum alle happy sind, kann man sich mit seinen Problemen völlig neben den Schuhen vorkommen.» Das zeigt sich sogar in der Schweizer Suizidrate, die über dem weltweiten Durchschnitt liegt.

Dieses von Psychologen als Suizid-Paradox bezeichnete Phänomen gilt auch für die anderen europäischen Anführer des «World Happines Reports», etwa Dänemark, Norwegen und Schweden. Betroffen sind insbesondere Jugendliche, die sich über Facebook und weitere soziale Netzwerke mit anderen vergleichen, die vermeintlich glücklicher sind als sie selbst.

Zwei Arten von Zufriedenheit

Was also ist das Rezept, um glücklich zu sein? Für Psychologen besteht es aus zwei Zutaten – und beide davon braucht es. Einerseits das sogenannte hedonistische Wohlbefinden: Dieses erleben wir etwa, indem wir uns ein gutes Essen, eine Party oder Konsumgüter gönnen. Das ist schön, aber flüchtig.

Je älter Menschen werden, desto wichtiger wird ihnen deshalb zusätzlich die zweite Art der Zufriedenheit: das sogenannte eudämonische Wohlbefinden. Dieses erreichen Menschen, indem sie beispielsweise soziale Verantwortung übernehmen, sinnvolle Tätigkeiten ausüben oder an ihren schlechten Charaktereigenschaften arbeiten.

Diese Art des Wohlbefindens sei viel nachhaltiger, sagt Perrig-Chiello: «Wenn man nach einem sinnvollen Leben strebt, muss man das Glück nicht suchen – es kommt von alleine.» Trotzdem lassen sich gewisse Dinge nicht erzwingen, etwa der perfekte Partner oder der Traumberuf. «Das kann man nicht einfach herzaubern», sagt die Psychologin. So bleibt vielleicht eine der wichtigsten Zutaten für ein erfülltes Leben denn auch – ein bisschen Glück.


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