«Es gibt in jedem Menschen eine Dunkelkammer»

VERGESSEN ⋅ Philosophin Christine Abbt forscht an der Universität Luzern über das Vergessen. Sie sieht in unseren Lücken auch positive Seiten, und ein transparenter Mensch ist für sie nicht wünschenswert.

02. Oktober 2016, 11:00

Fortsetzung auf Seite 37

Christine Abbt, erinnern Sie sich an das letzte Mal, da Sie etwas vergessen haben?

Ja, natürlich. Gerade durch die Auseinandersetzung mit dem Thema ist mir sehr bewusst geworden, dass man ständig sehr viel vergisst und auch mehr, als man sich erhofft. Ich denke, wir vergessen ständig, ohne es zu bemerken. Gestern habe ich einem Kollegen von einem Buch erzählt und konnte den Namen des Autors nicht mehr nennen. Bis jetzt ist er mir nicht eingefallen. Irgendwann wird er vermutlich auftauchen.

Man kann sich also erinnern, dass man vergessen hat: Wie hängen Vergessen und Erinnern zusammen?

Dass wir bemerken können, dass es da eine Lücke gibt, ist extrem faszinierend. Das heisst auch, dass Vergessen und Erinnern enger aufeinander bezogen sind, als man intuitiv vielleicht meint. Wer sich an etwas Vergessenes zu erinnern versucht, weiss immerhin, dass der Inhalt fehlt. Vergessen ist nicht nur ein Defizit, sondern auch ein Zuwachs an Wissen.

Trotzdem haben viele Menschen Angst vor dem Vergessen, Stichwort Demenz.

Ja. Das ist auch schlimm, wenn die Anteile, die man nicht mehr aktualisieren kann, ständig und sprunghaft zunehmen. Das führt zu einer radikalen Infragestellung der Identität. Bei Demenz sind ab einem gewissen Punkt viele Sachen einfach weg. Wo zu viel wegbricht, ist auch die Wechselwirkung zwischen Vergessen und Erinnern aufgebrochen.

Wir alle sind beeinflusst von vielen nicht komplett überschaubaren Wechselwirkungen. Ist das ein Makel, stört Sie das als Wissenschaftlerin?

Nein, ich sehe darin im Gegenteil einen wichtigen ethischen Aspekt unserer Arbeit. Wer das Vergessen anerkennt und in das Denken einbezieht, gelangt zu einer bescheideneren Vorstellung seiner Grösse, zu einer Form von Selbstbegrenzung. Das Vergessen ermöglicht vieles, aber es zeigt auch Grenzen auf.

Etwas zu vergessen, ist manchmal etwas Erschreckendes, manchmal etwas Erfreuliches, manchmal etwas Entlastendes. Was hat Vergessen für eine Funktion?

Das Vergessen ist wie eine Art Verdauungsprozess von Informationen. Unwichtiges wird aussortiert. Dieser Prozess ist ständig in Gang. Was emotional ganz wichtig ist oder ständig eingeübt wurde, hat länger Bestand. Aber hier bewegen wir uns schon ausserhalb der Philosophie.

Wie sehen denn die Philosophen das Vergessen?

Die Philosophen beschäftigen sich mit der Analyse der Denkprozesse und der Sprachverwendung. In meiner Forschungsarbeit habe ich aufgezeigt, dass auch in diesem Bereich das Vergessen wichtig ist. Wir können uns nur auf etwas konzentrieren, wenn wir viel anderes ausblenden, also vergessen können.

Vergessen als eine positive Kraft?

Ja. Leute, die sich gut auf etwas fokussieren, also vergessen können, sind effizienter. Das Gedächtnis lässt sich trainieren, wie die Geriatrieforschung zeigt.

Was vergessen ist, kann immer wieder hochkommen. Oft braucht es nur einen bestimmten Geruch als Auslöser. Könnten wir theoretisch alles Vergessene wieder aktivieren?

Interessanterweise hat das Individuum keinen absoluten Überblick darüber, was es erinnern kann und was es vergessen hat. Das heisst auch: Es gibt eine Dunkelkammer in jedem Menschen. Kein Mensch kann sagen, er wisse alles oder er wisse etwas mit absoluter Sicherheit. Als Einzelner kann ich nie den vollständigen Überblick über mich erlangen. Das scheint mir gerade in unserer digital geprägten Zeit sehr wichtig zu sein.

Wie meinen Sie das?

Ich rede vom Bestreben, inflationär Daten zu speichern, um so einmal alles wissen zu können. Der Traum von einem transparenten Menschen ist für mich ein Trugbild und auch nicht wünschenswert. Was darunter leidet, ist die individuelle Freiheit des Einzelnen, der auf diese Vorstellung eines totalen Wissens nicht angemessen reagieren kann. Jeder Einzelne hat Bereiche, die weder für ihn noch für andere einsehbar sind. Das ist etwas, was uns menschlich macht, im Unterschied zur Maschine.

Die Digitalisierung schreitet voran, Millionen von Daten werden gespeichert. Wird dieses digitale Gedächtnis das menschliche Gedächtnis einmal ersetzen?

Selbst wenn genügend Speicherkapazitäten für alles und jedes vorhanden wären, stellt sich die Frage, was man mit diesen Daten alles macht. Erinnern und Vergessen sind einander wechselseitig durchdringende Prozesse. Auch in einem digitalen Gedächtnis finden fortlaufend Prozesse der Selektion und der Priorisierung statt. So lautet auch hier die zentrale Frage, was erinnert und was vergessen wird. Vor allem aber: Wer entscheidet über die ständig stattfindende Selektion im digitalen Gedächtnis und nach welchen Kriterien? Wer sich das digitale Gedächtnis als unendlichen Speicherraum vorstellt, in dem beliebig Sachen hervorgeholt und wieder gelöscht werden können, macht es sich zu einfach. Vielleicht mehr denn je sind heute Interessen im Spiel, welche Informationen aufbewahrt oder welche von vornherein als nicht relevant erklärt werden.

Wie sind Sie als Philosophin zum Forschungsgebiet Vergessen gekommen, was interessiert Sie daran?

Mich haben schon immer die Ränder des Denkens interessiert, auch das Nichtwissen. Ich erachte es als einen Fortschritt, zu realisieren und differenziert anzuerkennen, dass man nicht alles weiss. Das Wissen über das Nichtwissen ist denn auch ein vernachlässigter Forschungsbereich in vielen Wissenschaften. «Vergessen» ist so ein Thema. Es erscheint zunächst einmal eher negativ und wie das Gegenteil des Denkens. Also denkt man: Warum soll sich die Philosophie damit beschäftigen?

Sind Sie denn als Philosophin des Vergessens eine Exotin?

Es gibt heute nicht viele Philosophen, die über das Vergessen forschen. Da bin ich tatsächlich eine Ausnahme. Aber das Thema ist alt in der Philosophie. Plato, Aristoteles, Plotin oder Augustinus haben sehr viel über das Gedächtnis nachgedacht und geschrieben. Denken und Vergessen gehört bei ihnen eng zusammen. In der gegenwärtigen Philosophie ist es kein grosses Thema. Das hat man meines Erachtens zu Unrecht den Kognitions- und Neurowissenschaften überlassen.

Erinnern und Vergessen spielen auch im gesellschaftlich-politischen Kontext eine Rolle, etwa bei der Aufarbeitung von schrecklichen Ereignissen. Es heisst dann etwa, dass man das nie vergessen darf. Gibt es eine Erinnerungspflicht?

Der Anspruch von Betroffenen, die Leid erfahren haben, dass man nicht vergessen darf, ist absolut verständlich und berechtigt. Die Aufarbeitung der Geschehnisse im Zweiten Weltkrieg war wichtig für Deutschland und Europa und natürlich auch für die Opfer und die Überlebenden. Nicht zuletzt ist unter dem Eindruck der schrecklichen Ereignisse ja auch das Bewusstsein für die Menschenrechte stark bekräftigt und 1948 in einer Erklärung festgehalten worden. Es ist relevant für eine Gesellschaft, zu formulieren, dass bestimmte Vergehen nicht wieder passieren dürfen.

Das ist besser als verdrängen?

Historisch hat es auch die Strategie des Vergessens gegeben, wobei Verdrängen nicht das Gleiche wie Vergessen ist. So kam der Friedensvertrag im Spanischen Bürgerkrieg nur zu Stande, weil beschlossen wurde, dass man sich gegenseitig die begangenen Taten nicht mehr aufrechnet. Beide Seiten haben das Vergangene ruhen lassen. Das ist etwas anderes, als wenn eine Siegermacht sagt, wir reden nicht mehr darüber, was einer Minderheit passiert ist. Oder wenn, wie in Deutschland nach dem Krieg, die Ex-Nazis wieder Rektoren und Richter waren und man so tat, als ob nichts gewesen wäre.

Was ist der beste Weg, um Ereignisse wie den Holocaust oder andere Genozide und Gräueltaten überwinden zu können? Vergessen oder Aufarbeiten?

Generell ist das schwierig zu sagen. Historisch gibt es für beides Beispiele. Oft ist man weitergekommen, indem man die Geschehnisse akribisch aufgearbeitet hat. Für den Zweiten Weltkrieg würde ich das so sagen, auch wenn das, wie etwa Italien, nicht alle Nationen gleich stark gemacht haben. Aber es gab historisch auch Momente, in denen man nur weitergekommen ist, weil man bestimmte Sachverhalte nicht mehr thematisiert hat. In der Antike gab es neben dem Erinnern und Vergessen noch einen dritten Begriff: «das Schlechte nicht mehr erinnern». Es kam häufig zu Richtersprüchen, die diesen Grundsatz forderten, damit es überhaupt zu einem Frieden kommen konnte.

Zurück zum individuellen Vergessen: Ist das Vergessen notwendig für unsere denkerischen Leistungen?

Das Vergessen ist wichtig für das freie Denken und die Kreativität. Um neue Ideen zu generieren, muss man gewohnte Pfade verlassen können und braucht es ein gewisses Vergessen. Nur wer vergessen kann, ist fähig, denkerisch Neues zusammenzusetzen. «Querdenken» ist ein guter Begriff für diese Fähigkeit. Das Vergessen ist philosophisch erst in der Neuzeit wieder wichtig geworden. Im Mittelalter war das Erinnern dominant. Man orientierte sich im vorgegebenen Kontext der Traditionen. Mit dem Anspruch «Ich denke», wie er mit der Aufklärung entstanden ist, löste man sich aus dem Tradierten und profilierte das Eigene. Auch deswegen forderten die frühen Aufklärer den Bruch mit der Vergangenheit, mit den Traditionen und Autoritäten.

Seit 2015 sind Sie Förderprofessorin in Philosophie an der Universität Luzern. Wie gefällt Ihnen das hiesige Umfeld?

Die Universität Luzern ist sehr gut aufgestellt. Der interdisziplinäre Charakter, wie er etwa an der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät (KSF) gepflegt wird, ist schweizweit einzigartig. Hier können interdisziplinär historische, empirische und systematische Perspektiven entwickelt und Kooperationen eingegangen werden, wie das andernorts nicht der Fall ist. Luzern ist diesbezüglich bemerkenswert! Ich würde mir wünschen, dass die Universität für diese Eigenheit öffentlich noch mehr Werbung macht.

Was sind Ihre Schwerpunktgebiete, wofür setzen Sie sich ein?

Ich beschäftige mich mit poli­tischer Philosophie, mit dem ­Verhältnis von Philosophie und Literaturwissenschaft (Literaturphilosophie), mit Fragen der Ästhetik und Kulturphilosophie. Mein aktuelles Forschungsgebiet fragt nach der Bedeutung des Fremden für die Verwirklichung demokratischer Freiheit. Wir gehen davon aus, dass eine offene Gesellschaft nicht ohne das Fremde sein kann. Schon Diderot (1713–1784) hat das unmissverständlich formuliert. Er sagte: Wenn es das Fremde nicht gibt, muss man es schaffen.

Was für Bücher liegen zurzeit auf Ihrem Tisch?

Was ich gerade lese, hat mit der Vorbereitung von Vorträgen oder der Lehre zu tun. Dazu gehört «Das Paradox über den Schauspieler» von Diderot oder «Winterreise» von Elfriede Jelinek. Auch «Susanna» von Gertrud Kolmar liegt auf dem Tisch. Regelmässig lese ich Zeitungen und Zeitschriften.

Haben Sie einen Lieblings­autor?

Georg Büchner. Er ist eindrücklich vielseitig, scharf analytisch und auch witzig. Er hat ein Gespür für Menschen und politische Zusammenhänge. Seine Überlegungen sind existenziell. Er hat auch sehr früh die psychischen Abgründe des Menschen thematisiert. Ich finde auch Albert Camus sehr spannend, ein weiterer Vertreter, bei dem Philosophie und Literatur zusammenkommen. Ich mag Menschen, die mit allen Sinnen offen und intensiv denken und leben.

Wie wichtig sind für Sie die Social Media? Sind Sie eine begeisterte Teilnehmerin dieser Plattformen?

Twitter finde ich teilweise interessant. Bei Facebook bin ich nicht dabei, auch WhatsApp ist nicht mein Ding. Ich bin nicht einverstanden, wie bei diesen Plattformen die Daten gehandhabt werden. Das sind keine vertrauenswürdigen Firmen. Sie haben das Anrecht auf sämtliche Daten. Es ist für mich rätselhaft, wie viele Leute da unreflektiert mitmachen.

Was interessiert Sie ausserhalb Ihrer Fachgebiete? Wie verbringen Sie gerne Ihre Freizeit?

Ich schwimme gern, spiele Tennis und fahre auch sehr gerne Ski. Gerne bin ich mit Menschen zusammen, die etwas zu erzählen haben oder die ich mag. Ich glaube, ich bin eine gute Zuhörerin und verbringe gern Zeit im Gespräch. Zudem mag ich unseren Garten sehr. Wir haben vor allem Blumen, ein wenig Gemüse, Früchte und Beeren. Das Gärtnern entspannt mich und ist eine super Abwechslung für meine vorwiegende Schreibtischtätigkeit.

Und was sonst noch?

Ich liebe Düfte und spreche an auf die Sinnlichkeit von Parfüms, Blumen, Blüten, Kräutern. Ich bin wohl ein ausgeprägter Nasenmensch. Zudem reise ich sehr gerne und bin durch meine Auslandaufenthalte an anderen Universitäten auch viel herumgekommen.

Haben Sie Wunschdestinationen auf der Welt, wo Sie unbedingt einmal hin möchten?

So wunderschön die Schweiz ist: Während meiner insgesamt acht Jahre im Ausland habe ich realisiert, dass es auch anderswo viele tolle Orte gibt. Vielleicht ist La Réunion eine Wunschdestination. Dort war ich noch nie.

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Interview: Pirmin Bossart


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