Geistiger Härtetest für Muslime

RAMADAN ⋅ Auf Essen und Trinken verzichten und körperliche Höchstleistungen vollbringen? Der Ramadan, der morgen beginnt, stellt die muslimischen Fussballer an der WM vor eine schwere Entscheidung.

27. Juni 2014, 08:24

In der kommenden Nacht werden Millionen von Muslimen sehr früh aufstehen: Kurz vor vier Uhr beginnt nämlich der Fastenmonat Ramadan. Viele werden die Gelegenheit benutzen, kurz vorher nochmals kräftig zu essen und zu trinken. Für die nächsten 30 Tage sind dann Essen, Trinken und Geschlechtsverkehr tagsüber verboten. Die Fastenpflicht gilt jeweils zwischen Beginn der Morgendämmerung und dem Einbruch der Nacht (siehe Kasten).

«12 Stunden ohne Essen geht nicht»

Gleichzeitig einer normalen Arbeit nachzugehen, ist anspruchsvoll – deshalb nehmen viele Muslime während des Ramadan Ferien. Jeder kann sich das allerdings nicht erlauben – erst recht nicht jene Profifussballer, die zurzeit an der WM in Brasilien körperliche Höchstleistungen absolvieren müssen. Auch in der Schweizer Nationalmannschaft gibt es mehrere Muslime – so etwa Xherdan Shaqiri, Haris Seferovic, Gökhan Inler und Granit Xhaka. Shaqiri und Xhaka hatten zum letztjährigen Ramadan-Beginn Glücks- und Segenswünsche per Twitter verschickt, und auch Seferovic ist gläubiger Muslim. Fasten wird der Luzerner während der WM aber nicht, wie sein Vater Hamza Seferovic auf Anfrage sagt. «12 Stunden ohne Essen, das geht für Sportler nicht.»

Clubs bieten Spezialdiät an

Auch andere europäische Nationalmannschaften haben ausgeprägte muslimische Vertretungen – zum Beispiel den französischen Nationalspieler Karim Benzema. Dieser hält die Fastenzeit jeweils ein. Die Ärzte seines Clubs Real Madrid haben für ihn und andere muslimische Spieler sogar ein spezielles Ernährungsprogramm kreiert, das die körperliche Leistungsfähigkeit trotz täglichen Fastens sicherstellen soll. Ob Benzema auch diesmal fastet, ist nicht bekannt. Der französische Trainer Didier Deschamps liess kürzlich verlauten: «Ich habe den Spielern keine Vorschriften zu machen.» Ob sie fasten oder nicht, sei ihnen überlassen. Die algerische Nationalelf hat hingegen bereits angekündigt, dass man den Ramadan einhalten werde – egal, ob die Mannschaft in die Achtelfinals kommt oder nicht.

Gemäss dem Weltfussballverband Fifa ist die Einhaltung des Ramadan für Fussballspieler problemlos möglich. «Wenn der Ramadan korrekt befolgt wird, gibt es keine Minderung der körperlichen Leistungsfähigkeit», sagte der Fifa-Chefarzt Jiri Dvorák Anfang dieser Woche. Zu diesem Schluss sei man nach ausführlichen Untersuchungen gekommen. Erleichternd kommt hinzu, dass die Juli-Tage in Brasilien wesentlich kürzer sind als bei uns im Norden – entsprechend kürzer ist auch die tägliche Fastenzeit.

Erste «Ramadan-WM» seit 1986

Die WM in Brasilien ist die erste seit 1986, die gleichzeitig mit dem Ramadan stattfindet. Und seither hat sich die muslimische Präsenz deutlich verstärkt: Iran und Algerien sind islamische Länder, in Bosnien, Kamerun, Nigeria und der Elfenbeinküste gibt es hohe islamische Bevölkerungsanteile. Die meisten dieser Länder sind inzwischen ausgeschieden. Der Ramadan betrifft deshalb vor allem diejenigen europäischen Mannschaften mit vielen muslimischen Secondos – also Schweiz, Frankreich und Deutschland. Der deutsche Spieler Mesut Özil sagte kürzlich, dass für ihn Fasten während der WM nicht in Frage komme.

Ausnahmen sind möglich

Die Problematik hat inzwischen sogar islamische Geistliche auf den Plan gerufen. Der Zentralrat der Muslime in Deutschland erlaubt den muslimischen Fussballspielern offiziell, auch während des Ramadan zu essen und zu trinken. Der Entscheid werde auch durch die einflussreiche Al-Azhar-Moschee in Kairo und den Europäischen Rat für Fatwa und Islamische Studien gestützt, schreibt die Fifa auf ihrer Homepage.

Denn obwohl die Fastenpflicht im Koran verankert ist, gelten zahlreiche Ausnahmen. Manche islamische Gelehrte sind beispielsweise der Ansicht, dass Leute, die schwere körperliche Arbeit verrichten müssen, von der Fastenpflicht ausgenommen sind. Fussballer fallen natürlich in diese Kategorie. Zudem muss auch nicht fasten, wer sich auf einer Reise befindet – was bei Sportlern, die viel unterwegs sind, ebenfalls zutrifft.


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