Gericht bestätigt Abstandsregel

VERKEHR ⋅ Auf der Autobahn muss man mindestens halb so viele Meter Abstand halten, wie der Tacho Stundenkilometer anzeigt. Auch bei dichtem Verkehr, wie das Bundesgericht jetzt entschieden hat.

30. September 2016, 11:37

Es herrschte dichter Verkehr auf der Autobahn A 4 morgens früh am 24. September 2012. Da passierte es. Auf der Überholspur kam es im Abschnitt Gisikon/Rüti­hof (Fahrtrichtung Zug) zu einem Auffahrunfall, in den sechs Autofahrer involviert waren.

Der dritte in der Reihe wehrte sich bis vor Bundesgericht gegen einen Strafbefehl und eine Busse von 500 Franken wegen ungenügenden Abstandhaltens – vergeblich. Die Richter in Lausanne hiessen das Verdikt der Luzerner Staatsanwaltschaft gut. Dies geht aus einem Urteil hervor, das diese Woche publiziert wurde. Das Bundesgericht bestätigte damit die Regel «halber Tacho». Sie besagt, dass man zum Vordermann mindestens halb so viele Meter Abstand halten muss wie das Tempo, das der Tacho anzeigt.

Ausnahmen gibt es im dichten Stadtverkehr

Der Gebüsste fuhr mit 80 km/h, aber bloss 30 anstatt mindestens 40 Meter hinter einem älteren Herrn, in dessen Auto er krachte. Der Gebüsste argumentierte, die Regel «halber Tacho» sei lebensfremd, mit ihr bringe man den Verkehr bei hohem Verkehrsaufkommen zum Erliegen. Bei dichtem Stadtverkehr lasse die Rechtsprechung Ausnahmen zu; diese müssten auch auf Autobahnen gelten. Der Gebüsste sagte, er habe nicht damit rechnen können, dass der Fahrer vor ihm brüsk und grundlos eine Vollbremsung mache. Der ältere Mann habe die Situation völlig falsch eingeschätzt.

Das Bundesgericht hat alle Einwände weggewischt. Man könne die Ausnahmen im Stadtverkehr allein wegen der höheren Geschwindigkeiten nicht auf die Autobahn übertragen. Dass der Vordermann grundlos abgebremst habe, sei nicht nachvollziehbar. Schliesslich sei er in das vor ihm fahrende Auto geprallt.

In der Tat wirkt die Argumentation des Gebüssten, der Vordermann habe völlig grundlos gebremst, obwohl er selber ins Auto vor ihm donnerte, bizarr. Sie ist es aber nicht. Diesen Schluss lassen polizeiliche Einvernahmen zu, die unserer Zeitung vorliegen. Sie sind zum Teil widersprüchlich. Klar ist: Die erste Kollision erfolgte nicht zwischen dem älteren Herrn und dessen Vordermann, sondern zwischen dem Gebüssten und dem älteren Herrn. Der erste Fahrer in der Reihe gab zu Protokoll, der ältere Herr sei erst wenige Sekunden nach dem Unfall mit dem Gebüssten in ihn geprallt. Auch habe er nie eine Vollbremsung gemacht, wie der ältere Herr gegenüber der Polizei zu Protokoll gab.

Der ältere Herr erklärte, der Gebüsste habe ihn ins Heck seines Vordermanns «geschubst».Gleichzeitig erklärte er, er habe nach einem «Schlag von hinten» ein Blackout von wenigen Sekunden erlitten. Die These, er sei vom Gebüssten in den Vordermann gestossen worden, steht somit eher auf wackligen Füssen.

Kari Kälin


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