Gezwitscher macht glücklich

NORWEGEN ⋅ Laut einer britischen Studie ist glücklicher und gesünder, wer häufig Vögel sieht. Die Norweger perfektionieren das: Dort gibt es Vögel live und nonstop im Fernsehen zu sehen – die «Piip-Show».
18. März 2017, 08:46

Niels Anner

Wenn es in unserer Nähe zwitschert, piepst und flattert, macht uns das froh und entspannt. Das liegt laut britischen Forschern nicht primär am Frühling, sondern an den Vögeln. Eine neue Studie ergab nämlich: Wer viele Kleinvögel wie Meisen, Rotkehlchen, Spatzen oder Amseln um sich herum hat, mindert das Risiko, gestresst, verängstigt oder depressiv zu werden. In einer seltenen Zusammenarbeit haben Ornithologen und Psychologen in Grossbritannien in 270 Fällen die mentale Gesundheit von Menschen und das Vogelleben in ­deren Umgebung verglichen. Wo es viele Vögel gibt, wachsen auch viele Büsche und Bäume, und die Natur hat laut den Forschern ­einen positiven Effekt.

Andere Faktoren wie sozioökonomische oder demografische, die die Psyche beeinflussen können, wurden in der Stich­probe ausgeschlossen, worauf sich ein deutlicher Zusammenhang zwischen Vogeldichte und gesunder Psyche herauskristallisierte. «Dies zeigt, dass die Natur eine Schlüsselkomponente für die mentale Verfassung der Menschen ist», erklärte dazu Studienleiter Daniel Cox von der Universität Exeter.

Dabei gibt es laut den Forschern keine speziell «gesunden» Vögel: Das Resultat wird nicht durch bestimmte Arten beeinflusst, aber durch die Anzahl der gefiederten Tiere. Cox’ Forschungsteam ist zur Überzeugung gelangt, dass, obwohl die Ursachen für Depressionen kompliziert sein können, dennoch ein einfacher Zusammenhang zwischen Naturerlebnis und psychischem Wohlbefinden bestehe. Interessant ist die Tatsache, dass die untersuchten Personen nicht etwa auf dem Land, sondern in den drei englischen Städten Milton Keynes, Bedford und Luton lebten. Es komme aber darauf an, schreiben die Wissenschaftler, wie es in den dichtbebauten ­Gebieten aussehe; entscheidend sei das Vorkommen von viel ­Vegetation, die Lebensraum für Vögel schaffe. Damit erhielten Stadtplaner ein Werkzeug, um für eine Verbesserung der Volksgesundheit zu sorgen.

Engere Beziehung zur Natur

Die Studie knüpft an eine frühere Untersuchung an, die sich mit Menschen beschäftigte, die im Winter Vögel füttern. Dabei zeigte sich, dass das Verabreichen von Futter einen entspannenden Effekt hat sowie eine engere Beziehung zur Natur gibt. Ob den Vögeln allerdings auch ein Gefallen getan wird, ist umstritten: Es gibt keine klaren Erkenntnisse, ob es schlecht für ihr natürliches Verhalten ist, wenn man ihnen Körner aufs Vogelbrett legt.

Nun hat Norwegen die Vogelbeobachtung in einer speziellen Art und Weise perfektioniert – mit dem sogenannten Slow-TV, bei dem der Fernsehen NRK eine Vorreiterrolle einnimmt. Es handelt sich um lange Live-Sendungen über Ereignisse, bei denen keine bestimmt Story abläuft, die aber ungewöhnlich sind und ­deshalb ein grossen Publikum fesseln. Meistens spielt die atem­beraubende Natur des Landes ­dabei eine wichtige Rolle.

Im Jahr 2009 hat NRK mit einer siebenstündigen Live-Übertragung die Zugfahrt Oslo–Bergen dokumentiert, gefilmt mit vier Kameras im Zug. Es folgte eine mehrtägige Live-Sendung der Fahrt eines Hurtigruten-Schiffes der norwegischen Küste entlang, aufgezeichnet von 11 Kameras – 3,2 Millionen schauten zu. Auch Lachs fischen, Holz ­hacken und stricken wurde stundenlang gefilmt.

2014 lancierte NRK die «Piip-Show», bei der eine Kamera die Aktivitäten auf einem Futterhäuschen für Vögel festhielt. Im Internet konnten so während dreier Monate Meisen, Spatzen, Elstern und auch Eichhörnchen beim Fressen, sich Putzen und Herumturteln beobachtet werden. Im TV wurde die «Piip-Show» 14 Stunden lang live gezeigt, mit 243 000 Zuschauern. Letztes Jahr wurde das Konzept auf die unbewohnte arktische Vogelinsel Hornöya übertragen: 7 Kameras brachten während der Sommermonate das Leben Tausender Seevögel live ins Internet und mit beeindruckenden Nahaufnahmen in die Stuben der Norweger.


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