Facebook-Posts

Ich bring dich um, und die Welt schaut zu

FacebookBeinahe zwei Stunden lang war ein Video eines Mordes zu sehen, das vom Täter auf Facebook gestellt worden ist. Der US-Konzern verspricht nun, seine Plattform schneller von Gewaltdarstellungen zu säubern – eine schwierige Aufgabe.
19. April 2017, 05:00

Bruno Knellwolf

Es ist eine Chronik des Grauens, welche die Polizei in Cleveland im US-Bundesstaat Ohio und Facebook gestern veröffentlicht haben: Am Sonntagnachmittag kündigt der mutmassliche Täter in einem ersten Facebook-Video an, einen Mord begehen zu wollen. Bereits zwei Minuten später lädt er das Mordvideo hoch, auf dem zu sehen ist, wie ein 74-jähriger aus nächster Nähe erschossen wird. Zufällig sei das Opfer ausgewählt worden, meldet die Polizei.

In einem dritten Video auf Facebook gesteht der Mörder seine Tat und kündigt sogleich weitere Morde an: «Ich habe 13 getötet und arbeite an der 14, während wir reden», versichert der 37-Jährige. Er fahre einfach durch die Gegend und schiesse auf Menschen: «Ich bin ausgerastet, Mann,» Er sei wütend auf seine Freundin, deshalb bringe er nun Menschen um.

Gestern hat sich der mutmassliche Täter nach einer kurzen Verfolgungsjagd im Bezirk Erie in Pennsylvania selbst getötet, wie die Polizei meldet.

23 Minuten nach der ersten Meldung gelöscht

Neben der Tat selbst, gibt vor allem das Mordvideo auf Facebook zu reden. Laut dem Facebook-Vizechef Justin Osofsky erhielt Facebook erst nach etwa 105 Minuten eine Meldung. 23 Minuten danach habe das Unternehmen das Konto gesperrt, sagt Osofsky. Beinahe zwei Stunden war das Mordvideo also zu sehen – für viele zu lange.

Die tägliche Datenmenge auf Facebook mit seinen weltweit etwa 1,8 Milliarden Nutzern ist gewaltig. Seit Jahren sei bekannt, dass Facebook die Nutzer überwache, sagt der deutsche Digital-Experte Georg Przikling. «Es kümmern sich rund 300 Personen im Konzern darum.» Sie versuchten Verdächtiges zu löschen, wie zum Beispiel Links, die Anwender auf verseuchte Webseiten führen. «Nebst dieser Truppe, die sich gegen Cyberkriminalität richtet, existiert auch eine Art Sittendezernat, das sich um Anstössiges kümmert.» Den Fahndern stehen Algorithmen zur Verfügung, die auf Sex, Hass, Horror und Gewalt reagieren ­sollten.

«Die von Facebook verwendete Spezialsoftware zum Aufspüren von Sexualstraftätern überwacht die Chats und schlägt Alarm, wenn bestimmte Faktoren eintreffen. Das können Schlüsselwörter sein», sagt Przikling. Oder auch das unterschiedliche Alter der Chatteilnehmer. Daraus lässt sich schliessen, wenn jemand via Facebook versucht, Kontakt zu Minderjährigen aufzunehmen. «Mit Algorithmen lässt sich viel erreichen, die letzte Entscheidung liegt aber bei den Menschen», sagt der Experte. Deshalb sieht sich am Schluss ein Mitarbeiter aus Fleisch und Blut den Chat nochmals genauer an – und handelt dann. «Die Richtlinien dafür sind schriftlich verfasst und nur für den internen Gebrauch.» Firmen wie Facebook lagern solche Säuberungsarbeiten aber auch an externe Firmen aus. Dort müssen sich die Mitarbeiter stundenlang Videos mit Enthauptungen und Kinderpornos an­sehen.

Schwerpunkt nicht mehr nur bei nackten Tatsachen

Die Richtlinien der digitalen sozialen Netzwerke sind wenig transparent. Die Grundlage für sämtliche Veröffentlichungen sind die Nutzungsbedingungen der Firmen – und die müssen laufend angepasst werden. «In der Vergangenheit lag das Hauptaugenmerk auf ‹nackten Tatsachen›, doch das wandelt sich langsam. Mittlerweile spielen, nicht zuletzt aufgrund der hohen Flüchtlingszahlen, Fremdenhass und rechtsextremes Gedankengut eine zunehmende Rolle. Facebook wurde von dieser Entwicklung etwas überrascht. Forderungen aus der Politik zwingen das Unternehmen aber, rasch zu handeln», sagt Digital-Experte Georg Przikling.

Der Experte geht davon aus, dass auch die Methoden der Säuberung bei Youtube und Instagram ähnlich sind. Er vermutet gar, dass sie bei letzteren komplizierter als bei Facebook sind. Denn beide funktionierten ausschliesslich über Fotos und Videoclips, und dort sei es noch schwieriger, bestimmte Botschaften mit Hilfe von Algorithmen aufzuspüren.

Der Vizechef von Facebook, Justin Osofsky, hat gestern angekündigt, den Umgang mit Gewaltvideos zu überprüfen. Nutzern müsse es künftig möglich sein, «so einfach und schnell wie möglich, Beiträge zu melden, die unsere Standards verletzen». Es sei erfreulich, dass Facebook auf aktuelle Entwicklungen reagiere, sagt Przikling. «Dass sich Änderungen nicht von heute auf morgen realisieren lassen, sollte allen Beteiligten einleuchten.»

Wer Anstössiges auf Facebook entdeckt, kann das mit zwei Klicks melden. Gleich neben dem Bild auf «Optionen» klicken, dann auf «Melden» und schon erscheint die Frage: «Was ist los?»


Login

 
Leserkommentare

Anzeige: