Italiens «Silicon Valley» auf der Überholspur

TRENTINO ⋅ Die einst rückständige italienische Provinz Trentino setzt heutzutage konsequent auf Innovation. Besonders erfolgreich ist die Kombination von Hightech, traditionellem Handwerk und italienischem Design.
01. April 2017, 05:00

Dominik Straub, Rom

 

Porsche, Lamborghini, Maserati, BMW: Es gibt weltweit wohl nicht allzu viele Betriebe mit bloss 40 Angestellten, die auf einen derart illustren Kundenstamm zählen können. Ignazio Pomini, Gründer und Chef der Hightech-Firma HSL in Trento, kann das. Und er beliefert dazu noch diverse andere weltweit tätige Grossunternehmen: Auch Formel-1-Rennställe, Luxus-Werften sowie Elektronik- und Medizinaltech-Unternehmen gehören zu Pominis Abnehmern. Es sind meist komplizierte Teile und Komponenten, welche die Kunden bei HSL bestellen. Sie werden in 3D-Druckern hergestellt; für die oben genannten Autohersteller produziert Pomini zum Beispiel die Prototypen für Frontscheinwerfer und Rücklichter.

Pomini war im Jahr 1988 der erste italienische Unternehmer überhaupt gewesen, der in die Produktion mit 3D-Druckern eingestiegen war. Die Technologie war damals noch weitgehend Neuland gewesen, was sich auch im Firmennamen niederschlug: HSL ist die Abkürzung für «hic sunt leones» («hier sind Löwen»). Mit dieser Bezeichnung hatten in der Antike die Römer die noch unerforschten Territorien Afrikas auf ihren Landkarten markiert. Auch ­Pomini wagte sich auf unbekanntes Terrain vor – und wurde zum Pionier eines neuen Geschäftsmodells, das in der autonomen Provinz Trentino gerade auf einer Erfolgswelle reitet: demjenigen der «digitalen Handwerker». In den letzten Jahren sind vor allem im Provinzhauptort Trento (Trient) und im benachbarten Rovereto Dutzende von Hightech-Unternehmen entstanden.

«Erst handwerkliche Kreativität verleiht Produkt seinen Wert»

Der grösste Stolz Pominis sind freilich nicht die Prototypen für Lamborghini & Co. Immer wichtiger werden bei HSL Designerprodukte. Der Auslöser war die Krise des Autoherstellers Fiat im Jahr 2004, damals Pominis wichtigster Auftraggeber: HSL büsste 60 Prozent seines Umsatzes ein. «Wir mussten uns neu erfinden», sagt Pomini. Er begann, mit seinen 3D-Druckern auch Designerlampen und Schmuck herzustellen. Er konnte dabei auf die lange Tradition zurückgreifen, die Design und Kunsthandwerk in Italien haben. «Es ist ja nicht die Maschine, die gestaltet, sondern der Mensch. Erst die handwerkliche Kreativität verleiht einem Produkt seinen Wert und macht es marktfähig», betont Pomini.

Tatsächlich kommen die wenigsten der von Pomini hergestellten Produkte fixfertig aus dem 3D-Drucker: Gedruckte Lampenschirme erhalten noch ein von einem einheimischen Schreiner gefertigtes Bein aus Trentiner Holz, Lamborghini-Rückleuchten und Maserati-Scheinwerfer müssen noch poliert und aus mehreren Teilen zusammengesetzt werden. Und so handelt es sich bei der Hälfte der HSL-Belegschaft nicht um Softwareentwickler oder Ingenieure, sondern um Handwerker. Mit seinen Designerlabels «.exnovo» und «.bijouets» hat Pomini bereits diverse Preise gewonnen und in Museen der ganzen Welt ausgestellt. Neuerdings gehören auch poppige Brillengestelle mit auswechselbaren Verzierungen zum Sortiment, natürlich ebenfalls aus dem 3D-Drucker. Insgesamt beträgt der Umsatz von HSL rund 60 Millionen Euro. Pominis Erfolg steht beispielhaft für den Wandel der Region. Aus dem Trentino, das für den Rest Italiens während Jahren bloss aus «montagne, masi e mele», also aus Bergen, Bauernhöfen und Äpfeln bestand, ist ein Zentrum der digitalen Innovation geworden.

Zwar ist die prächtige Berglandschaft noch immer die Grundlage des florierenden Tourismus; ebenso allgegenwärtig wie die schroffen Felswände und Berggipfel sind auch die Bauernhöfe mit ihren riesigen Apfelkulturen geblieben. Doch die Hightech-Unternehmen und die «digitalen Handwerker» haben begonnen, dem Fremdenverkehr und der Landwirtschaft den Rang als wichtigster Wirtschaftszweig abzulaufen. Bereits sind in der 530 000 Einwohner zählenden Provinz Trentino über 5000 Personen im Hightech-Sektor beschäftigt. Der Boom ist das Resultat einer konsequenten Förderungspolitik der Provinzregierung: In der einst ­ärmlichen Region, die bis zum Zweiten Weltkrieg noch durch eine massive Auswanderung ausgeblutet worden war, werden 2 Prozent des Bruttosozialprodukts für Forschung und Entwicklung ausgegeben – mehr als doppelt so viel wie im übrigen Italien und mehr als in Deutschland und Frankreich. Die Universität von Trient zählt zu den hundert besten der Welt; mit 7 Prozent hat sie den höchsten Anteil an ausländischen Studierenden aller italienischen Universitäten, bei den IT-Doktoranden beträgt der Anteil der Nicht-Italiener sogar 70 Prozent.

Italiens Insel der Glückseligen

Die Provinzregierung fördert aber nicht nur Bildung und Forschung, sondern unterstützt auch kreative Jungunternehmer. In Rovereto ist mit den Geldern der Provinz und der EU einer der grössten Hightech-Parks des Landes entstanden, der «Polo Meccatronica». Hier finden die Start-ups alles, was ihr Herz begehrt und was sie in der Aufbauphase selber nicht finanzieren könnten: Forschungslabors, 3D-Drucker und einen Super-Computer. «Digital Facturing, Biotech, Robotik: Wir entwickeln hier gerade ein neues Handwerk, das für die nächsten Jahrzehnte aktuell bleiben wird», betont der 34-jährige Betriebsökonom Jari Ognibeni, der mit seiner privaten Beraterfirma Industrio im «Polo Meccatronica» junge Unternehmen «von der Garage zur Marktreife» begleitet.

Dank einer Politik, die auch im Gesundheitswesen und in der öffentlichen Infrastruktur konsequent auf Qualität setzt, ist das Trentino im krisengeschüttelten Italien zu einer Art Insel der Glückseligen geworden. Die Arbeitslosigkeit beträgt 6 statt wie im Landesdurchschnitt 11 Prozent, von den Jugendlichen sind 12 statt 40 Prozent ohne ­Stelle. Wartelisten für medizinische Behandlungen sind praktisch unbekannt, der öffentliche Verkehr ist pünktlich, die Kehrichtabfuhr funktioniert, die Kriminalität liegt unter der Wahrnehmungsgrenze. Das haben auch Hightech-Giganten wie IBM und Microsoft gemerkt, die sich in den letzten Jahren im Trentino niedergelassen haben. Die kleine Provinz ist zum «Silicon Valley Italiens» geworden.


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