Jetzt muss noch ein Wunder her

SELIGSPRECHUNG ⋅ Im Vatikan läuft das Kanonisierungsverfahren für den Gymnasiasten Carlo Acutis. Der Knabe, der 2006 im Alter von 15 Jahren verstorben ist, hat Aussichten, Schutzpatron des Internets zu werden.

25. November 2016, 08:38

«Carlo war ein ‹ragazzino› (kleiner Bub) wie alle anderen auch», sagte seine Mutter Antonia diese Woche dem «Corriere della Sera». Das heisst: Er spielte mit der Playstation, er liebte seine Katzen und seinen Hund, er schaute Actionfilme, er spielte mit seinen Freunden Fussball – und er sass oft am Computer.

Darin war der Mailänder Schüler besonders gut: Am PC, den ihm seine Eltern gekauft hatten, als er neun Jahre alt war, programmierte Carlo Acutis schon bald komplizierte Algorithmen, erstellte Websites mit Multimedia-Inhalten und fertigte Layouts für Internetzeitungen an. Er soll am Computer Dinge beherrscht haben, für die andere erst mehrere Semester Informatik hätten studieren müssen.

Noch heimischer als in der virtuellen Welt fühlte sich Carlo freilich in der spirituellen Welt. Schon als Siebenjähriger habe er eigens ein Kloster besucht, um vorzeitig die Kommunion zu erhalten; danach sei er täglich mindestens einmal in die Kirche gegangen, um zu beten, sagt Mutter Antonia. Darin unterschied sich Carlo dann doch erheblich von den anderen «ragazzini». Als Gymnasiast habe er neben seinen schulischen Verpflichtungen begonnen, sich um Obdachlose, Flüchtlinge und andere Bedürftige in seinem Quartier zu kümmern. Zu seinem Begräbnis im Oktober 2006 seien Hunderte von Menschen gekommen – Menschen, die sie zuvor noch nie gesehen habe, wie die Mutter dem «Corriere della Sera» sagte.

Carlo war im Alter von erst 15 Jahren einer schweren Leukämie erlegen. Angesichts seiner tiefen Frömmigkeit hat ihm der Vatikan 2012 den Titel «Diener Gottes» verliehen, und ein Jahr später leitete die Diözese von Mailand das Seligsprechungsverfahren auf Bistumsebene ein. Dieses Verfahren ist nun abgeschlossen; die ­Akten werden heute an den Vatikan geschickt, wo sich von nun an die Kongregation für Selig- und Heiligsprechungsprozesse um das Mailänder Computergenie kümmern wird. Als Erstes wird Carlos «heroischer Tugendgrad» abgeklärt; anschliessend müsste für die Seligsprechung noch ein Wunder gefunden werden, das auf die Intervention des Verstorbenen zurückzuführen wäre.

Neben seinem Einsatz für Bedürftige hat der Mailänder Gymnasiast in seinem kurzen Leben ein beträchtliches geistiges Erbe hinterlassen. Unter anderem hatte er eine virtuelle Ausstellung über rund 140 eucharistische Wunder zusammengetragen, die sich nach katholischer Auffassung in der ganzen Welt ereignet haben. Zur Ausstellung, die sich immer noch gratis im Internet herunterladen lässt ( www.miracoli­eucaristici.org /), hat Kardinal Angelo Comastri, Stellvertreter des Papstes im Bistum Rom und Erzpriester der päpstlichen Basilika, das Vorwort geschrieben. Sie ist inzwischen in Tausenden Pfarreien auf dem ganzen Globus gezeigt worden.

«Wer weiss, vielleicht wird Carlo, wenn er einmal seliggesprochen ist, zum Schutzpatron des Internets ernannt», erklärte der brasilianische Kurienprälat Dario Edoardo Viganò, Präfekt des Sekretariats für Kommunikation am Heiligen Stuhl, gegenüber dem «Corriere della Sera».

Natürlich ist der Weg dorthin noch lang; gerade bei der Überprüfung der Wunder nimmt man es im Vatikan sehr genau. Allerdings: Viele halten es schon für ein Wunder, dass ein 15-Jähriger im 21. Jahrhundert noch täglich in die Kirche gegangen ist.

Dominik Straub/Rom


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