Kommt Zeit, kommt Rad

MOBILITÄT ⋅ Jetzt schwärmen wieder die Velos aus. Was von verschiedenen Typen und ihren Besitzern zu halten ist, hat unser ausschliesslich Velo fahrender Autor augenzwinkernd unter die Lupe genommen.
19. März 2017, 10:14

Hans Graber

Alter Göppel, ungepflegt

Es sind vornehmlich jüngere und nicht so begüterte Leute, welche damit herumfahren. Ein solches Rad hat man von den Eltern geerbt, an der Velobörse gekauft oder irgendwo mitlaufen lassen. Kennzeichen der Drei- und Fünfgänger: Ausser an Rost fehlt immer irgendwas, gerne ein funktionierendes Licht. Aber man kann fahren, teils ganz flott. Negativpunkt: Diese Sorte Velofahrer sieht das mit den Verkehrsregeln eher etwas locker.

Fazit: Einigermassen in Ordnung, manchmal durch bei Rot.

Alter Göppel, gepflegt

Die Fahrer, mehrheitlich Männer, sind oft ungefähr gleich alt wie ihre Velos. Aber diese werden gehegt und gepflegt, im Winter immer schön eingekellert, im Frühling wunderbar gepützelt und gefettet. Proper auch die Fahrer. Manchmal sind sie mit zwei oder vielleicht auch nur einer Hosenklammer unterwegs, sie tragen stets den hässlichen Velohelm und halten immer schon bei Orange. Ihr Gerechtigkeitssinn verleitet sie teils zum Massregeln anderer Velofahrer, aber alles in allem sei ihnen das nachgesehen. Sie meinen es nur gut. Letztlich.

Fazit: Perfekt. Wenn nur diese Hosenklammern nicht wären.

Rennrad (Mann)

Es gibt zwei Kategorien der auch Gümmeler genannten Rennradfahrer. Zum einen die oft einsamen Bergflöhe, die Passhöhen sammeln wie andere Briefmarken, andererseits die Flachfahrer, die ihrer Figur entsprechend mehr den Rundkurs bevorzugen und fast immer in kleinen Rudeln unterwegs sind. Dubiose Gesellen hat’s auch darunter, neuerdings verschärft so Protzbrocken, die gemerkt haben, dass Golfen es doch nicht so bringt. Trotzdem sind Gümmeler in ihren leuchtenden Dresses mit diesen Werbebotschaften herrlich anzuschauen. Für alle anderen Velofahrer haben sie nur ein müdes Lächeln übrig. Das vergeht ihnen freilich, wenn man sie mit einem Göppel überholt. Versuchen Sie es unter Aufbietung all ihrer Kräfte mal. Ist neckisch. (Der Gümmeler braucht ja nicht zu wissen, dass Sie nach Ihrem kurzen Effort ganz lang Pause machen.)

Fazit: Die Könige? Naja, wo sie sind, sind auch Narren nicht weit.

Rennrad (Frau)

Ein Sonderfall. Jüngere Frauen nutzen ebenfalls Rennvelos, aber mehr als Alltagsvehikel und ohne Montur. Das sieht sehr häufig sehr gut aus. Auch von hinten. Ob es am Velo oder an der Frau liegt, ist eine ungeklärte Frage.

Fazit: Es liegt ziemlich sicher an beidem.

Mountainbike

Für ihren Wagemut und ihre gute körperliche Verfassung ist ihnen im Grunde Respekt zu zollen. Nur macht das niemand. Man sieht sie ja auch kaum je an abschüssigen Hängen oder im Wald, und wenn, ergreifen Wanderer und Wildtiere flugs die Flucht. Die fehlende Anerkennung nagt an den Mountainbikern. Auf dem Weg ins Gelände oder heimwärts von dort versucht man deshalb mit einem kompakten Auftritt Eindruck zu schinden: Zur Einheitsausrüstung und -körperhaltung gehören immer auch die spiegelnde Sportlersonnenbrille und ein zu allem entschlossenes Gehabe. Ob das auf Dauer an der vertrackten Situation etwas ändern wird, muss sich weisen. Tendenz: eher nicht.

Fazit: Als Biker sollte man in jeder Hinsicht etwas masochistisch veranlagt sein.

Citybike

Sieht oft ganz toll aus und ist mit allen Schikanen ausgestattet. 30-Gang-Schaltung von Shimano, ewig brennendes Standlicht, Scheibenbremsen usw., usw. Nur ist das Velofahren in der City halt verdammt gefährlich, und wer heil ans Ziel kommt und sein Bike dort abstellt, muss jederzeit damit rechnen, dass es geklaut wird. Aber eigentlich wollen etwelche Citybike-Besitzer ja auch gar nicht richtig Velo fahren.

Fazit: Ein Widerspruch in sich.

Tourenvelo

Was andere in einem Camper mitschleppen, hängen Tourenfahrer an ihr Velo. Mehrere prallvolle Saccochen links und rechts, dazu dicke Lenkertaschen und meterhohe Aufsätze auf dem Gepäckträger machen sie zu den 40-Tönnern unter den Radlern. Ihr Selbstwert steigt, je mehr Kilometer sie in den Ferien «machen». Wer weniger als 1000 «gemacht hat», sollte unter Gleichgesinnten am besten schweigen. Das angeeignete Praxiswissen in Sachen Logistik machen sich Tourenfahrer auch im Alltag zunutze. Grosseinkäufe, zwei Harassen Mineralwasser inklusive, werden selbstverständlich mit dem Velo erledigt, und selbst vor grösseren Möbeltransporten schrecken sie nicht zurück. Geht doch! Nur eines scheint nicht zu gehen: dass Tourenfahrer einmal entspannt und glücklich dreinschauen. Was man aber irgendwie verstehen kann.

Fazit: Weitermachen.

Liegevelo

Mitte der 1990er-Jahre habe ich mal in einem Buch den folgenden Satz gelesen: «Liegefahrradfahrer hatten in der Regel eine schwierige Kindheit.» Dem ist auch heute wenig beizufügen.

Fazit: Mit einem Liegevelo ist man immer etwas unten durch.

Fixie

Das federleicht wirkende Fixie hat keine Gangschaltung und auch keine Bremsen. Hier beginnt das Problem. Man kann zwar mit Gegendruck auf die Pedalen die Fahrt verlangsamen – theoretisch, in der Praxis aber ist mal einer Zentimeter neben mir mit Vollkaracho in ein Schaufenster gedonnert. Der Neigungswinkel der steilsten Altstadtgasse hatte ihn heillos überfordert. Die Ambulanz musste ausrücken. Er hat’s überlebt. Fixie-Fahrer sind der Kategorie Kamikaze zuzuordnen. Man muss einfach darauf hoffen, dass ihr Oberstübchen nicht ganz so schlicht ausgestattet ist wie ihr Rad.

Fazit: Ganz weit oben auf der Kandidatenliste für Bussen wegen «Nichtbeherrschen des Fahrzeugs».

E-Bike bis 25 km/h

Meine neuste Anschaffung. Seither ist mir tiefe Verachtung vorab von Hardcore-Velofahrern unter den Kollegen gewiss. Es sind wie ich reifere Herren, aber sehr viel fitter. Ob man jetzt demnächst schon für einen Rollator sammeln müsse, fragte einer höhnisch. Ich kann den Spott verstehen. Die neue Leichtigkeit des Seins bzw. des Velofahrens macht mich erhaben darüber.

Fazit: Man ist schneller, wird dafür zur Schnecke gemacht. Die Vorteile überwiegen aber klar.

E-Bike bis 45 km/h

Das ist unter anderem etwas für Leute, die sich wünschen, dass nochmals so richtig die Post abgeht in ihrem Leben. Dass auffällig viele nicht mehr ganz junge Damen darunter sind, sollte nicht nur Verkehrspsychologen zu denken geben.

Fazit: Uiuiui, wenn das nur gut geht, Frau Frehner.

E-Mountainbike

«Auf der Alm da gibt’s koa Sünd», heisst ein aus Bayern stammendes Sprichwort. Welches hiermit definitiv widerlegt ist.

Fazit: Nein, ehrlich, das geht nun wirklich nicht.


Login

 
Leserkommentare

Anzeige: