«Ostern ist ein Spiegel für uns»

OSTERN ⋅ Sie ist Bauerntochter, wurde reformierte Pfarrerin und zieht nun mit ihrem Mann zu den Jesuiten ins Lassalle-Haus ob Zug. Im Interview spricht Noa Zenger über ihren ungewöhnlichen Weg und was ihr dabei Kraft gibt.

27. März 2016, 05:00

Interview Pirmin Bossart

Noa Zenger, was bedeutet Ihnen Ostern?

Noa Zenger: Ostern ist für mich das wichtigste Fest im Kirchenjahr. Es geht noch tiefer als Weihnachten, weil es mit einer umfassenderen Lebensgeschichte verbunden ist. Sie ist ein Spiegel für uns Menschen. Diese Geschichte umfasst auch die Leiden und Krisen der Karwoche und findet mit Ostern ihre Erfüllung. Ohne den Karfreitag wäre Ostern nicht das Fest der Fülle und Freude.

Sie haben im Vorfeld einen Kurs «vorösterliche Exerzitien» durchgeführt. Was sind das für Menschen, die an solchen Exerzitien teilnehmen?

Zenger: Viele kommen, um Ruhe und Stille zu finden und so den Draht zu Gott wieder aufzunehmen. Sie wollen tie­fer schürfen zu dieser Quelle, die wir in uns tragen und aus der wir Kraft schöp­fen. Andere kommen schlicht mit einer Sehnsucht nach Stille und suchen nach Wegen, wie sie dieser Spur nachgehen können.

Exerzitien tönt streng und karg: Viele können sich nicht vorstellen, die meiste Zeit im Schweigen zu verbringen.

Zenger: Auf den ersten Blick kann das so wirken. Die meisten Teilnehmenden aber erfahren dieses Schweigen als sehr wohltuend. Man wird feinfühliger, hellsichtiger, die Antennen sind stark auf Empfang ge­stellt. Das hilft einem, den Blick zu weiten und offener zu werden für Neues, für Veränderung. Man wird sensibler für die Steine, die man sich vielleicht selber in den Weg legt. Man lernt, im stillen Gebet vor Gott loszulassen und so in eine grössere Freiheit zu finden. Ostern bekommt eine viel grössere Kraft, wenn man sich der eigenen Verletzlichkeit und Brüchigkeit bewusst wird.

Sie stammen aus einer Bauernfamilie im Berner Oberland: Wie entstand Ihr Wunsch, Theologie zu studieren und Pfarrerin zu werden?

Zenger: Ich bin nicht besonders religiös erzogen worden. Aber ich hatte eine Grossmutter, für die Spiritualität sehr wichtig war. Mein Leben ist seit jeher geprägt von dieser Sehnsucht nach Gott. Es war für mich immer klar, dass ich nicht einfach allein unterwegs bin, sondern dass es noch etwas Anderes gibt, das an­we­send ist.

Aber zuerst sind Sie Lehrerin ge­worden.

Zenger: Zu Hause hiess es: Das Gymnasium kommt nicht in Frage, studiert wird bei uns nicht. Somit blieb mir nur dieser Weg offen. Ich hatte dann einen sehr guten Religionslehrer im Lehrerseminar, wir haben in seinen Lektionen spannende Auseinandersetzungen über Religionen geführt. Er motivierte mich, Theologie zu studieren. So habe ich eine Zeit lang als Lehrerin gearbeitet, um mir das Studium zu finanzieren. Das anschliessende Theologiestudium fand ich extrem bereichernd. Ich habe mich ständig mit Fragen auseinandersetzen können, die mich schon immer bewegt haben.

Haben Sie damals unter dem bäuerlichen Umfeld gelitten, wollten Sie ausbrechen?

Zenger: Das hat wohl mitgespielt. Es zog mich hinaus, ich wollte den Horizont erweitern. In Bern, wo ich studierte, hat für mich ein neues und auch aufregendes Leben angefangen. Mittlerweile schätze ich meine bäuerlichen Wurzeln wieder, den Bezug zur Landwirtschaft, zur Natur habe ich auch nie verloren. Ich habe deswegen das Studium unterbrochen.

Was machten Sie?

Zenger: Ich habe zwei Jahre auf einem Bauernhof im Jura gelebt und gearbeitet. Es zog mich zur Scholle, zum Arbeiten mit der Erde, mit Tieren, zum Draussen­sein. In dieser Zeit ist mir definitiv klar geworden, dass ich mein Studium fertigmachen und mit Menschen arbeiten wollte.

Acht Jahre lang haben Sie als Pfarrerin in Thalwil gewirkt. Was war das für eine Herausforderung?

Zenger: Ich habe noch nicht ganz abgeschlossen, bis Juni bin ich in Thalwil in einem Teilpensum tätig. Ich habe mit Menschen zu tun, die am Rand der Kirche stehen und den Bezug zur Glaubenspraxis verloren haben. Ich bin mit vielen Fragen konfrontiert: Was hat die Kirche noch für eine Relevanz? Warum Religion? Was hat uns die Bibel heute zu sagen?

Haben Sie stets eine Antwort?

Zenger: Ich will bei diesen Begegnungen meine Überzeugung glaubhaft weiter­geben, ohne immer explizit davon reden zu müssen. Das empfinde ich als sehr erfüllend. Ich mache Angebote, denen man nachgehen und die man als bereichernd erfahren kann, ohne sich vereinnahmt zu fühlen. Es braucht ein feines Gespür. Und auch die richtige Sprache. Das ist eine echte Herausforderung.

Sind die Gottesdienste gut besucht?

Zenger: Die reformierte Kirche in Thalwil ist sehr gross und bietet gut 1000 Menschen Platz. Vielleicht besuchen durchschnittlich 50 Personen den Gottesdienst, es können auch mal 80 oder 100 sein. Immerhin aber ist an Heiligabend und an Konfirmationen die Kirche voll. Natürlich kann einen der Rückgang manchmal mit Sorge erfüllen. Aber für mich ist es der falsche Blick, nur auf die Zahlen zu schauen und darob zu resignieren.

Was setzen Sie denn dagegen?

Zenger: Egal, mit wie vielen Menschen: Ich versuche, ganz präsent zu sein, auf das zu achten, was im Moment passiert, und an dem dranzubleiben, was ich als wesentlich empfinde. Die Kirche wandelt sich. Auch wenn es schwierige Prozesse sind, kann ein guter Weg daraus werden. Wir müssen neue Formen suchen, wie wir miteinander den Glauben feiern. Vielleicht wird das in Zukunft weniger an Institutionen und deren Personal gebunden sein.

Welche Botschaft von Jesus ist für Sie zentral? Was ergreift Sie daran?

Zenger: Mich fasziniert, wie Jesus mit Menschen in eine Begegnung tritt. Wie er sie mit ihrer Verletzlichkeit erkennt und sie dort anspricht, wo sie Heilung suchen, ganz werden möchten. Sein Leben ist ein Weg der Liebe. Sie ist die zentrale Botschaft. Wir können mit Christus zu liebesfähigen Menschen werden.

Was sagen Sie, wenn Sie die täglichen News sehen, wo es ganz und gar nicht liebesfähig zu- und hergeht?

Zenger: Natürlich ist mir das bewusst.

Was tun Sie angesichts dieser Situation?

Zenger: Man kann die Liebe im kleinen Umfeld erproben und leben lernen. Auf Menschen zugehen und Mitgefühl empfinden, ist eine hohe Kunst. Die Kraft dafür suche ich in Gott, für mich eine reale Kraft. Ich finde sie im täglichen Gebet, im stillen Sein.

Wie sind Sie zu Ihrer Tätigkeit als Kursleiterin im Lassalle-Haus gekommen, dem Bildungshaus des katho­lischen Jesuitenordens? (Anmerkung: siehe Hinweis am Schluss)?

Zenger: Als ich studierte, hatte ich in den ersten zwei Jahren eine grosse Krise. Ich brachte Kopf und Herz nicht zusammen. An einem Studentenfest lernte ich Franz-Xaver Hiestand kennen, Jesuit und katholischer Hochschulseelsorger. Durch ihn bin ich erstmals ins Lassalle-Haus gekom­men. Hier spürte ich, was ich brauchte, und entdeckte die Kontemplation – kurz gesagt, das schweigende Dasein vor Gott. Ich habe gemerkt, wie mit diesem Schatz der Stille etwas ins Fliessen kam, das mir guttat. Es sind auch Tränen ge­flossen.

Wie ging es dann weiter?

Zenger: Christian Rutishauser, der heu­tige Provinzial der Jesuiten, hat mich über Jahre unterstützt und mich geistlich begleitet. Er hat mich auch gelehrt, selber Menschen geistlich zu begleiten, und so habe ich den Weg in die Kursleitung im Lassalle-Haus gefunden. Es geht dabei immer darum, zur inneren Quelle zu finden. Dazu braucht es übrigens keine weite Reise – sie ist in uns angelegt.

Wie fühlen Sie sich, als Reformierte und Frau, bei den Jesuiten? Das sind ja, innerkirchlich betrachtet, Welten?

Zenger: Als reformierte Bernerin kam ich in eine neue Welt. Ich habe das Rituelle entdeckt und auch die Stille und gemerkt, dass mir das mehr entspricht als der nüch­terne reformierte Gottesdienst. Durch die intensivere Auseinandersetzung habe ich auch wieder stärker zu einer reformierten Identität gefunden und das Wertvolle im Reformierten realisiert.

Nun sind die beiden Welten versöhnt?

Zenger: Ich fühle mich im Lassalle-Haus willkommen und erfahre eine hohe Wertschätzung. Ich kann mich einbringen als Theologin. Trotzdem setzt die Struktur auch schmerzhafte Grenzen. Es ist klar, dass ich in der Liturgie nicht den gleichen Platz habe wie ein katholischer Priester. Trotzdem weht in diesem Haus ein freier Geist, reformierte Abendmahlfeiern sind möglich. Dass ich hier sein kann, ist ein starkes Zeichen und zeugt davon, dass wir trotz aller Unterschiede gemeinsam unterwegs sind.

Was können Sie von den Jesuiten lernen? Wo gibt es Berührungspunkte zu Ihrem bisherigen Leben?

Zenger: Ich schätze ihre Maxime «contemplativus in actione». Es gehört beides zusammen: die Stille und die Aktion. Einerseits pflegen Jesuiten den inneren Weg und ziehen sich zurück. Aber gleichzeitig sind sie als gelehrte Menschen auch in der äusseren Welt aktiv und setzen sich mit den Themen auseinander, die unsere Gesellschaft bewegen. Das prägt mittlerweile auch mein Leben.

Sie haben Ihren Lebensmittelpunkt ins Lassalle-Haus definitiv verlegt und werden mit Ihrem Mann hier wohnen. Was bedeutet dieser Schritt?

Zenger: Das bedeutet, vom grossen Pfarrhaus in Thalwil in eine bescheidenere Wohnung zu wechseln. Wir kommen in ein Umfeld, wo wir viel stärker in eine Gemeinschaft eingebunden sind. Morgens meditieren wir mit der Lassalle-Haus­gemeinschaft, wir essen oft zusammen und werden auf einen gewissen Teil unserer Privatsphäre verzichten. Für mich ist es auch eine finanzielle Veränderung. Ich werde weniger Einkommen haben.

Warum haben Sie sich dafür ent­schieden?

Zenger: Als ich vor drei Jahren angefragt wurde, spürte ich unmittelbar eine positive Resonanz. Wir haben keine Kinder. Es ist eine bewusste Entscheidung, um unsere Leben anderweitig fruchtbar werden zu lassen. Ich sehe meine Aufgabe in der intensiven Begleitung von Menschen, was in einer Familie nicht möglich wäre. Dazu kommt: Mein Mann und ich sind beide 40 geworden und wollten nicht einfach Doppelverdiener sein, immer bürgerlicher werden und sich alles leisten können. Die Reduktion tut uns gut, es ist eine bewusste Wahl. Wir gewinnen etwas an Wesentlichkeit und können uns dem zuwenden, was für uns Sinn stiftend ist.

Wie sieht das Ihr Mann? Ist er auch auf einem spirituellen Weg?

Zenger: Er ist sehr mit der Natur verbunden und als Erlebnispädagoge in der Erwachsenenbildung oft draussen unterwegs, wo er Menschen begleitet. Er ist nicht Theologe und hat einen andern Zugang zur Spiritualität. Fürs Lassalle-Haus werden wir immer wieder gemeinsam mit Gästen draussen unterwegs sein und können so unsere beiden spirituellen Zugänge zusammenführen.

Könnten Sie sich vorstellen, in einem Kloster zu leben?

Zenger: Es hat diese Phase gegeben. Sie brachte auch Schwierigkeiten in unsere Beziehung. Meine Leidenschaft gehört nicht meinem Mann allein, da ist auch und zuerst meine Beziehung zu Gott. Das hat mein Mann eine Zeit lang als Konkurrenz empfunden. Ich bin glücklich, dass wir eine Lebensform gefunden haben, die für beide stimmig ist. Das ist ein Geschenk.

Interessieren Sie auch östliche Anschauungen, Philosophien?

Zenger: Sie interessieren mich sehr. Aber es gibt so vieles in unserer eigenen Tradition, das ich entdecke und vertiefen möchte.

Was hält Sie denn auf dem christ­lichen Pfad?

Zenger: Es sind nicht zuerst Argumente, es ist eine Herzensangelegenheit. Das Ganze ist eine Liebe, die mich ergriffen hat, wie in einer Partnerschaft. Es brennt in mir ein Feuer, die Liebe zu Christus, zu diesem Weg. Es ist für mich keine Frage, ob ich dem treu bleiben möchte oder nicht. Das heisst aber nicht, dass ich andere Religionen abwerte oder ablehne.

Spirituelle Einkehr und Achtsamkeit sind heute «en vogue». Welche Haltungen werden dadurch gefördert?

Zenger: Es geht nicht um eine Nabelschau. Indem ich mich zurückziehe und in stiller Kommunikation mit Gott bin, lerne ich mich besser kennen, auch meine Ver­wundungen und Verletzungen, wie wir sie alle haben. Wir können so mitfüh­lender werden und lernen, selber Verantwortung zu tragen in dieser Welt, in der Umgebung, die einem möglich ist.

Was heisst das zum Beispiel konkret für die Flüchtlinge und die wachsenden Migrationsbewegungen? Wie reagieren Sie darauf?

Zenger: Bei Abstimmungen können wir eine menschliche Haltung einnehmen und deutlich machen, dass diese Menschen willkommen sind und dass sie unsere Unterstützung brauchen. Es ist aber auch so, dass Menschen aus andern Kulturen, mit ihren schlimmen Erfahrungen aus Armut und Krieg, Angst machen können. Ich finde es wichtig, diese Angst wahrzunehmen und hinzuschauen, statt sie einfach schönzureden. Angst gehört zum menschlichen Dasein. Aber man soll sich nicht davon lähmen lassen und daraus eine politische Haltung entwickeln, die einfach die Türen schliesst. Ich möchte den Menschen trotz aller Schwierigkeiten freundlich und offen begegnen.

Wie verbringen Sie Ihre Freizeit?

Zenger: Von Kindsbeinen an gehe ich gerne in die Natur. Sie ist für mich eine wichtige Lehrmeisterin. Sie lehrt mich, gegenwärtig zu sein, was ich auch in der Kontemplation übe. Die Natur besteht für mich nicht einfach aus Objekten. Sie ist belebte Schöpfung. Aus jedem Baum kommt mir etwas entgegen, die Stille, das Neuwerden. Und aus dem Berg die Ewigkeit – etwas, das weit über mich hinausführt und mich verbindet mit dem ganzen Kosmos.

Besuchen Sie kulturelle Veranstaltungen? Kino? Konzerte?

Zenger: Ich mag Veranstaltungen im kleinen Rahmen, wo man zusammen essen und dann ein Konzert oder sonst eine Aufführung geniessen kann. Fein zu essen, ist zentral für mich. Gute Pro­dukte, regional und saisonal ausgewählt und schön zubereitet, mit einem guten Wein dazu, das ist grossartig. Ich besuche auch gerne Kunstausstellungen. Ich liebe klassische Musik, vor allem geistliche Chorwerke. Die Matthäuspassion im KKL letztes Jahr war für mich eine Offenbarung.

Welche Filme mögen Sie?

Zenger: Ich lese intensiv Kritiken, bevor ich einen Film anschaue. Ich möchte es vermeiden, mich Bildern auszusetzen, von denen ich mich nicht prägen lassen will. Es dürfen durchaus auch schwierige Themen sein. Aber es soll nicht platt oder einfach gestrickt daherkommen. Mich interessieren das menschliche Wesen, die verschiedenen Charaktere, wie sie sich verändern und wandeln. Der Film «Des hommes et des dieux» hat mich zum Beispiel nachhaltig bewegt.

Was sind Ihre Pläne für die nächsten Jahre? Suchen Sie noch eine ganz andere Herausforderung?

Zenger: Nein. Dass wir jetzt im Lassalle-Haus sind, ist Herausforderung genug.

Zur Person

pb. Noa Zenger (41) ist im Berner Oberland auf einem Bauernhof aufgewachsen. Nach der Ausbildung zur Primarlehrerin studierte sie Theologie in Bern und Zürich. Sie hat Auszeiten in Klöstern gemacht und sich mit den orthodoxen und mystischen Traditionen auseinandergesetzt. Nach acht Jahren im Pfarramt in Thalwil wird sie im Juni 2016 ganz im Lassalle-Haus ob Zug wirken, auch dort mit ihrem Mann wohnen, für die Langzeitgäste verantwortlich sein und den Bereich Kontemplation und Natur prägen.

Hinweis

Das Lassalle-Haus Bad Schönbrunn in Edlibach ZG ist Drehscheibe für den interreligiösen Dialog und namhaftes Bildungszentrum. Letztes Jahre wurde das denkmalgeschützte Gebäude in der Hügellandschaft ob Zug umfassend renoviert, es öffnet an Pfingsten offiziell wieder seine Tore. Mehr dazu unter www.lassalle-haus.org
 

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