Nachgefragt

Schweres Erbe von den Eltern

TRANSGENERATIONALES TRAUMA ⋅ Eine Frau fühlt sich fehl am Platz – in ihrem eigenen Leben. Sie kämpft gegen zahlreiche Schatten aus ihrer Kindheit. Bis sie ihre Vergangenheit begreifen lernt.
19. März 2017, 10:21

Susanne Holz

Elisabeth M. (Name geändert) hatte sehr lange das Gefühl, ihr Leben laufe als Film neben ihr ab. Sie fühlte sich nicht wohl in ihrer Haut, nicht zu Hause. Die heute 45-Jährige erzählt: «Meine Kindheit war leidvoll. Ich wuchs als Einzelkind auf, mit gesundheitlichen Problemen. Dass ich unter einer Erbkrankheit leide, weiss ich erst seit ein paar Jahren.»

Elisabeths Eltern waren sehr jung und überfordert mit einem Kind, das die ersten Monate oft schrie und später viel krank war. «So was wie dich wollen wir nicht noch mal», bekam sie zu hören. Hinzu kam, dass die Eltern mit sich selber zu kämpfen hatten. Die Mutter litt an Stimmungsschwankungen, der Vater lebte seine Aggressionen aus. Der Vater schlug die Mutter regelmässig – schon, als diese Elisabeth im Bauch trug. Die Mutter ertrug es still und schwieg.

Vater und Tochter – der gleiche Kampf

Jahre später erzählte der Vater seiner Tochter, als Kind sexuell missbraucht worden zu sein. Elisabeth M. wiederum realisierte mit über 40 Jahren – bei einer Therapie –, dass sie als Fünfjährige während eines Kuraufenthalts ebenfalls zum Missbrauchsopfer geworden war. Vater und Tochter: der gleiche Kampf. Doch während nur der Zufall es wollte, dass beide sexuellen Missbrauch erleiden mussten, kommt es hingegen nicht von ungefähr, dass Elisabeth die Aggressivität ihres Vaters bis heute zu Teilen in sich trägt. Ebenso ist sich die 45-Jährige bewusst, dass sie das passive Verhalten ihrer Mutter und deren Opferbereitschaft über lange Jahre kopiert hat.

Elisabeth M. blickt zurück: «Meine Mutter vermittelte mir stets, dass das Leben eben bedeute, ein Opfer zu sein. Zudem kannte sie keine Konsequenz. An einem Tag wollte sie mit mir den gewalttätigen Vater verlassen, am nächsten dann doch wieder lieber bleiben.» Ein Muster, das die 45-Jährige heute bei sich in gewisser Weise wiedererkennt: «Am liebsten würde ich ständig umziehen oder im Hotel leben.»

Leider wisse sie nichts über die Leiden der Vorahnen: «Es würde mir helfen, das Verhalten meiner Eltern besser zu verstehen.» Man übernehme Ängste und Verhalten der Eltern. In einer Therapie und im Austausch mit anderen Betroffenen hat Elisabeth M. aber gelernt, ein Muster von Gewalt, Verachtung und Missbrauch, das bei den Eltern prägend war, zu stoppen – und die eigenen Beziehungen konstruktiv zu gestalten.


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