Stille Tage im Curryland

ENTSPANNUNG ⋅ Bei einer Ayurvedakur in Sri Lanka mutiert man ganz relaxt zur Ölsardine und befreit den Körper von Altlasten. Zu Hause lassen sich die Currys problemlos selber zubereiten.
16. April 2017, 09:49

Ingrid Schindler

Die Bikinifigur liegt eine Ewigkeit zurück. Mit 50+ hinterlässt das Leben seine Spuren. Erst recht, wenn es ein pralles, schnelles, ungeregeltes ist. Chronischer Zeitdruck, Schlafmangel, Trainingsdefizit, spätes Essen, viel Kaffee und Wein, kurz, Lebensstilsünden en gros, Essen und Trinken ist schliesslich mein Spezialgebiet. Nicht erst seit das schlechte Gewissen unnachgiebig wie der Hosenbund zwickt, schwebt mir eine Ayurvedakur als eine Art Wiedergutmachung an Körper, Geist und Seele vor. Als ich einen Bericht über eine strenge, klassische Panchakarma-Kur in Indien lese, ist klar: So eine Grundreinigung muss sein! Nur will ich keine fünfstellige Summe für Diät mit Darmsanierung auf Indisch ausgeben. Also surfe ich im Ozean der Ayurveda-Angebote durch das Web und bekomme auf Anfragen kryptisches Kauderwelsch oder Wellnessofferten zurück. Ayurveda stelle ich mir anders vor.

Dann treffe ich Nicola Tiggeler. Die Schauspielerin («Sturm der Liebe») kommt gerade aus Sri Lanka zurück. Blendendes Aussehen, tiefenentspannt und gefühlt zehn Jahre jünger, dabei ist sie knapp älter als ich. Janina Hartwig alias Schwester Hanna («Um Himmels willen»), Peter Lohmeyer oder Andrea L’Ar­ronge («Soko Kitzbühel») kuren im selben Hotel. Zwei Wochen später gehe ich mit einem Privatchauffeur auf eine viertägige Touri-Tour, Tempelbesuch, Maskentanz, Teeplantage, Elefantenritt und Safari inklusive. Im Hochland fällt es leicht, von Kaffee auf Ceylontee umzusteigen, und auf Wein macht das Tropenklima erst gar nicht Lust. So stimme ich mich langsam auf Panchakarma ein. Mein Mann und ich haben gewettet, wer mehr abnehmen wird: er zu Hause ohne Kohlenhydrate oder ich.

Ein Konzert der Vögel und «Relax! Relax!»

Der Strand des Ayurveda-Hotels ist traumhaft. Dass aber die Saison Mitte März zu Ende ist, weil starke Strömungen und brachiale Wellen das Bad im Meer unmöglich machen, hat die Reiseveranstalterin nicht gesagt. Ebenso wenig, dass es sich um kein reines Ayurveda-Resort handelt, und ich staune, dass sich ausser mir nur eine Pferdeflüsterin aus Niederbayern und eine Wies’n-Bedienung aus München zur Kur einfinden, während der Rest der Gäste lustig Ferien macht.

Meine Tage beginnen morgens um sechs mit heissem Wasser zum Trinken bei polyfonem Vogelkonzert. Die Sittiche, Kakadus, Kingfisher, Eisvögel, Schwalben, Reiher, Raben, Drosseln, Tauben oder Pfauen singen, kreischen, gurren, krächzen und schreien, dass es eine Freude ist und ich lieber ihnen zuhöre, als dem monotonen «Relax! Relax!» des Yogalehrers. Die Luft ist angenehm, es ist die Stunde des goldenen Lichts, in die man alles packen möchte: Yoga, Strand, Meerwasserpool. Mehr ist da nicht – und soll auch gar nicht sein. Selbst Lesen und Schwimmen seien an manchen Tagen zu viel, meint Dr. Nishanti, die nach Pulsdiagnose und Anamnese meinen Behandlungsplan erstellt und mir eine Palette bitterer Pillen und Tränke verschreibt.

Um acht ist es bereits drückend heiss. Gesalzene Suppen mit Reis, Spinat, Kokos, Mungbohnen oder Linsen bilden als Magenwärmer nebst Früchten den Grundstock für den Tag. Zum Trinken ist frischer Mango-, Papaya-, Melonen- oder Maracujasaft erlaubt.

In Blüten baden und mit Rasam anstossen

Bis zum Mittag kneten mich Tag für Tag Therapeutinnen mit goldenen Händen durch. Je nach Verordnung und Stand der Kur stehen neben vierhändigen Ganzkörpermassagen Stirnölgüsse (Shirodhara), Inhalationen, Dampf- und Kräuterbäder, Packungen, Nasen-/Stirnhöhlenreinigungen (Nasya), Öleinläufe (Vasti), Augenbäder, Mundspülungen oder Fermentationen mit heissen Reis-, Zwiebel-, Kräuter-stempeln auf dem Plan, um Wasser und Giftstoffe auszuleiten, Spannungen zu lösen, die Durchblutung zu fördern, Fett abzubauen und vieles mehr. Krönender Abschluss der Kur ist das Blütenbad, Höhepunkt der Purgation Day, «a special day for you», wie Frau Doktor sagt. Zwei Tage zuvor trinke ich frühmorgens Ghee, damit die warme, geläuterte Butter die im Darm gesammelten Giftstoffe binden und abtransportieren kann.

Ghee finde ich noch unangenehmer als fettige Haare. Diese triefen kurz nach dem Waschen gleich wieder von neuem vor Öl, auch die Unterhosen fallen reihenweise den Ölorgien zum Opfer. Nach der Behandlung hülle ich mich in ein langes Tuch und schleiche unter der sengenden Sonne wie eine Ölsardine mit schmatzenden Flipflops in meinen Bungalow zurück. Trotz des Nichtstuns hat man das Mittagessen verdient, denn man spürt, der Körper schafft.

Mit Rasam prosten wir drei uns am Mittag zu. Der Magenöffner, eine geballte Ladung Koriander, Kreuzkümmel, Chili, Curryblätter, Tamarinde, Bockshornklee und Senfsaat, schmeckt täglich besser. Was anschliessend auf den Tisch kommt, ist basisch, leicht verdaulich, vegetarisch bzw. vegan und schmackhaft: Reis mit Currys, von Auberginen, Eiern, Kürbis, Kochbananen, Bohnen, Linsen bis hin zu Lotuswurzeln oder Luffagurken. Sie sind mild gewürzt, Kokosmilch, Knoblauch, Zimtstücke und Curryblätter immer dabei. Abends bekomme ich Kräutersuppe mit Reis vorgesetzt. Dazu Sagopudding, Fruchtmus oder Büffeljoghurt mit Honig zum Dessert. Alkohol, gekühlte Getränke, Kaffee, Schwarztee, Brot, Wurst und Süssigkeiten sind tabu, weisses Fleisch und Fisch in Massen nach der Kur erlaubt.

Die Ernährung spielt im Ayurveda eine zentrale Rolle, da sie das Gleichgewicht der im Körper wirkenden Energien Pitta, Kapha und Vata herstellen. Eine Dysbalance der Doshas führt letztlich zu Krankheit. Am Ende der Kur sind meine Doshas im Lot. Mit einem Sack voller Gewürze, Öle und Tabletten, verjüngter Haut, glänzendem weichem Haar, einem schönen Gefühl der Leichtigkeit und dem Vorsatz, über Ostern hinaus ayurvedisch zu kochen, kehre ich zurück. Die Wette hat mein Mann gewonnen, bei wem das Abnehmen aber nachhaltiger ist, wird sich zeigen. Schoggihasen stelle ich natürlich trotzdem auf.


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