Tödliche Schönheit

SAN FRANCISCO ⋅ Die Golden Gate Bridge ist nicht nur bei Touristen beliebt, sondern auch bei Selbstmördern. Ein neues Auffangnetz soll das jetzt ändern.
19. April 2017, 09:52

Thomas Seibert, Washington

Ein junger Mann in weissem ­T-Shirt, dunklen Shorts und Turnschuhen steht an der Aussenseite der Brüstung der Golden Gate Bridge in San Francisco, 67 Meter über dem Meer. Es ist der 11. März 2005. Kevin Berthia ist an diesem Morgen über das Brückengeländer geklettert, um sich das Leben zu nehmen. Der 22-Jährige weiss weder ein noch aus, weil er die Behandlung für seine frühgeborene Tochter nicht bezahlen kann. Berthia hält sich nicht fest, nur der Wind drückt ihn gegen das Metall des Geländers und verhindert, dass er in die Tiefe stürzt.

Mit ihren mehr als 200 Meter hohen Pfeilern, dem Schwung ihrer Halteseile und der Lage vor den Toren San Franciscos ist die Golden Gate Bridge eines der bekanntesten Bauwerke der Welt. Zehn Millionen Besucher bestaunen sie jedes Jahr, rund 40 Millionen Fahrzeuge nutzen sie. Die Golden Gate Bridge ist aber auch ein Magnet für Selbstmörder: An keinem anderen Ort der USA bringen sich so viele Menschen um. Durchschnittlich alle zwei Wochen springt ein Verzweifelter in den Tod.

Im März 2005 sieht auch Kevin Berthia keinen Ausweg mehr. Den gesenkten Kopf zwischen die Pfosten des Geländers gesteckt, balanciert er auf einem schmalen Rohr an der Aussenseite der Brücke. Kevin Briggs, ein Beamter der Autobahnpolizei, bemerkt den jungen Mann und verwickelt ihn in ein Gespräch. Anderthalb Stunden später zieht Briggs den Selbstmordkandidaten mit Hilfe eines Kollegen über die Brüstung in Sicherheit.

Begehbar für Fussgänger und Velofahrer

Auch heute, zwölf Jahre später, betreten viele Menschen mit Selbstmordabsichten die tagsüber für Fussgänger und Radfahrer geöffneten Gehwege auf der Ost- und Westseite der gut 2,7 Kilometer langen Brücke. Mehr als 1700 Menschen sind seit 1937 hier in den Tod gesprungen. Allein letztes Jahr waren es 39. Eine Vollsperrung der Brücke für Fussgänger und Velofahrer kommt für die Menschen in der Stadt dennoch nicht in Frage. Dabei sind Hinterbliebene überzeugt, dass die gute Erreichbarkeit der Brücke die schnelle Umsetzung von Selbstmordabsichten fördert und keine Zeit für Zweifel lässt.

Patrouillen von Helfern der Freiwilligen-Truppe «Bridgewatch Angels» können die Lebensmüden nicht immer aufhalten. Die «Angels» schauen sich vor allem Menschen genauer an, die allein auf der Brücke unterwegs sind oder die unentschlossen hin- und hergehen. Im vergangenen Jahr konnten 162 Menschen gerettet werden.

Nun aber ist Kevin Berthia sicher, dass die Brücke bald ihren Ruf als tödliche Schönheit ablegen kann. Nach langer Diskussion soll die Golden Gate Bridge bis zum kommenden Jahr mit stählernen Fangnetzen von etwa drei Meter Breite an ihren beiden Seiten ausgestattet werden. «Das Netz hätte auch mich vom Sprung abgehalten», sagt Berthia.

«Springt nicht, denn es wird wehtun»

Das ist der Abschreckungseffekt, auf den die Behörden setzen. Ewa Baur, Chefingenieurin der Brücke, geht davon aus, dass die über 200 Millionen Dollar teure Konstruktion die Selbstmordwelle auf der Brücke stoppen wird. Für Selbstmordkandidaten, die vorhaben sollten, sich künftig zuerst auf die dünnen Stahldrähte des Netzes fallen zu lassen, um dann von dort aus ins Meer zu springen, hält sie eine Warnung bereit: «Springt nicht, denn es wird wehtun», sagt sie in einem Video.

Beim offiziellen Baubeginn für das Fangnetz vergangene Woche betonte Dianne Feinstein, die Kalifornien im Senat in Washington vertritt, das Netz werde hoffentlich dazu beitragen, dass die Zahl der Selbstmorde an der Brücke auf null sinke. Der Optimismus von Feinstein, Baur, Berthia und anderen gründet sich auf Ergebnisse von Untersuchungen, wonach neun von zehn Überlebenden eines Suizidversuchs neuen Lebensmut fassen und es nicht noch einmal versuchen.

Manche Überlebende berichten, dass sie im entscheidenden Augenblick plötzlich die Gewissheit hatten, doch nicht sterben zu wollen. Wie Kevin Hines. 2000 brach sich der damals 19-Jährige nach dem Sprung von der Brücke beim Aufprall auf das Wasser das Rückgrat, doch er wurde gerettet. «Was habe ich getan? Ich will nicht sterben. Gott stehe mir bei», habe er gedacht, nachdem er das Geländer losgelassen hatte.

Ingenieurin Baur steht jetzt vor der Aufgabe, das Netz so zu konstruieren, dass es einen Menschen auffangen und dem starken Wind an der Brücke standhalten kann. Zudem soll die weltberühmte Silhouette der Brücke so wenig wie möglich durch Netze beeinträchtigt werden. Kritiker hatten immer wieder auf die hohen Kosten und die unsicheren Erfolgsaussichten verwiesen. Doch Berthia lässt die Einwände nicht gelten. Das Netz ist die Lösung, da ist er sich sicher: «Ich bin ausser mir vor Freude.»


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