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Wenger braucht vorläufig kein Taxi

13. April 2017, 08:40

«Taxi für Arsène», hiess die Schlagzeile im Daily Star. Der Arsenal-Manager bleibt weiterhin massiv unter Druck, obwohl er im Medienbriefing nach der 3:0-Niederlage gegen Crystal Palace seine Zukunft «nicht zur Diskussion stellen» wollte. Ich muss zugeben, die Ohrfeige war schallend: Mit einer hochkarätigen Aufstellung – Özil, Sanchez, Walcott, Welbeck, Xhaka etc. – und einem 3:0-Triumph gegen West Ham im Rücken, konnte in meinen Augen nichts schiefgehen. Man muss ganze 38 Jahre zurückgehen, um eine Partie zu finden, in der das Londoner Nord-Süd-Derby zu Gunsten von Palace ausfiel.

Die Unberechenbarkeit des Fussballs gehört zu seinen Anreizen, und niemand will öde Routine auf dem Rasen. Ausserdem ist Erfolg schliesslich oft eine direkte Folge einer mentalen Grundeinstellung. Aber hier liegt genau mein Problem: Was geht nur vor in den Köpfen der Arsenal-Spieler? Schwappt die unermüdliche Medien-Spekulation rund um die Zukunft von Boss Wenger in eine Motivationslähmung auf dem Spielfeld über? Verschwörungstheorien haben im Moment Hochkonjunktur rund ums Emirates-Stadium. Senden die Stars mit ihren seltsam unbeholfenen Eskapaden eine Nachricht Richtung Chefetage? Schwer zu sagen. Die Fakten hingegen sind unzweideutig: Wir sind sieben Punkte hinter der Champions-League-Qualifikationszone, eine Situation, die es unter Wenger schlicht und einfach noch nie gegeben hat.

Im englischen Fussball existiert eine klare Messlatte, wenn es um den Erfolg eines Managers geht: Hat er die Umkleidekabine im Griff? «Nicht mehr», kommentiert der ehemalige Arsenal-Spieler Ian Wright die Situation auf Twitter. Meiner Ansicht nach gibt es in der Tat drei klare Anzeichen, dass Wenger den Fokus jetzt auf sein Verhältnis mit dem Team lenken muss.

Erstens: Theo Walcotts Kommentar nach dem Spiel: Der Captain kam darin zum Schluss, dass Crystal Palace den Sieg «schlussendlich mehr wollte». Damit ebnete Walcott den Weg für die Spekulation, dass es im Arsenal-Team momentan tatsächlich am Hunger auf Punkte fehlt. Die Sportpresse beschrieb Walcotts Äusserungen mit dem unschmeichelhaften Adjektiv «verdrossen».

Zweitens: Alexis Sanchez und seine Gesten mit dem Arm: Der 28-jährige Chilene konnte mehrmals beobachtet werden, wie er ungläubig beide Arme in die Luft warf. Seine Körpersprache schien dabei «Was kann ich dafür?» zu sagen. Wenger wird sich hüten wollen, die andauernden Spekulationen um die Zukunft von Sanchez bei den Gunners quasi aus Versehen zusätzlich anzufeuern. Sanchez geniesst vor allem bei jungen Arsenal-Fans enorme Sympathien, und es scheint mir fahrlässig, seine Vertragssituation in der Luft hängen zu lassen.

Drittens: Granit Xhakas Anlaufschwierigkeiten: Der Schweizer Mittelfeldspieler handelte sich in dieser Saison bereits zwei rote Karten ein und schaffte es seit seinem Millionentransfer letzten Sommer nur punktuell, vom Druck loszukommen, sein massives Preisschild zu rechtfertigen. Auch gegen Crystal Palace wirkte er erstaunlich ideenlos und verlor den Ball in Situationen, in denen die Gegenseite kaum Präsenz markierte. Wenger wird gut daran tun, dem 24-Jährigen seine väterliche Seite zu zeigen und moralische Aufbauarbeit zu leisten.

Die Internet-Gerüchte, wonach erzürnte Fans den Arsenal-Mannschaftsbus ins Wackeln brachten, sind glücklicherweise pure Erfindung. Auch meine Überzeugung, dass wir’s vor Saisonende noch unter die lukrativen besten Vier der Premier League schaffen werden, bleibt unerschüttert. Es steht und fällt nun alles mit der Moral im Umkleideraum. Wenger braucht vorläufig kein Taxi, sondern lediglich den richtigen Ton.

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