Wildtiere im Zirkus: Monte Carlo bläst zur Gegenoffensive

ZIRKUSFESTIVAL ⋅ Lange gehörten Wildtiere zum Zirkusbetrieb wie Guuggenmusigen zur Fasnacht. Dann kam der Wertewandel. Bis auch bei uns der Zirkus Knie auf Elefanten verzichtete. Doch jetzt kommt die Gegenoffensive; aus einem Mekka der Zirkuswelt.
04. Februar 2018, 05:00

Thomas Bornhauser

Auch bei uns gab es eine Zeit, als etwa einer wie Fredy Knie junior mit Nashorn und Giraffe gemeinsam im Zirkus auftrat. Doch das sind Tempi passati. Längst hat der Protest von Tierschutzaktivisten in Westeuropa zum Verschwinden vieler Wildtiere aus der Zirkuswelt geführt. Im Zirkus Knie mit seiner grossen Elefanten-Tradition läutete am 22. November 2015 für die Grosssäuger das letzte Zirkus-Stündchen. In Lugano verabschiedeten sich die zwei Dickhäuter Delhi und Ceylon vom Publikum und gingen danach in den Kinderzoo Rapperswil in Pension.

Arche Noah in Monte Carlo

Umso erstaunlicher ist, was sich jetzt an einem Orientierungspunkt der westeuropäischen Zirkuswelt tut. So trumpfte das 42. Festival du Cirque de Monte Carlo im Januar mit Wildtieren aller Art gross auf: Da trat der Dompteur Joseph Richter vom ungarischen Nationalzirkus mit einer Tiernummer auf, die an die Arche Noah erinnerte: Tiere aller Art kreuzten in der Manege ihre Wege, darunter Elefanten, Giraffen, Kamele und Zebras. Man erahnte als Beobachter die Geduld, die es etwa in der Arbeit mit Giraffen braucht, dass diese im Gegenverkehr durch die Gasse von zwei parallel stehenden Elefanten gehen. Doch Richter zeigte in Monte Carlo, dass auch das – in aller Ruhe – möglich ist.

Mit derlei Kunststücken hatte es in Monte Carlo keineswegs sein Bewenden. So sorgte auch die ostdeutsche Carmen Zander mit einer Tigernummer für Aufsehen. Mit «verliebt, verlobt, verheiratet», hatte die Frau gegenüber Medien ihre Beziehung zu den Tieren umschrieben, die sie offenbar selbst mit der Flasche grossgezogen hat. In der Manege «spielte» sie leichtfüssig mit ihren Tieren in scheinbarer Vertrautheit, tätschelte ihre Raubkatzen an den Flanken, streichelte sie, nahm sie zwischen ihre Beine und tauschte mit ihnen Küsschen.

In Monte Carlo will man jetzt mit dem ganzen Prestige dieser jahrzehntealten Institution ein neues Kapitel aufschlagen. So ist parallel zum Zirkusfestival im Januar eine Petition für Wildtiere im Zirkus lanciert worden.

Dabei kann der Zirkus auf prominenten Sukkurs zählen. «Ich werde mit allen Mitteln (jusqu’au bout) kämpfen, damit die Tiere im Zirkus bleiben», machte die monegassische Prinzessin Stéphanie in der Zeitung «Monaco-Matin» klar. Stéphanies verstorbener Vater Fürst Rainier hatte in den 70er-Jahren eine massgebliche Rolle gespielt beim Aufbau des Zirkusfestivals von Monte Carlo. Und seine jüngere Tochter will nun ihren Beitrag leisten für die Weiterführung dieser Kultur.

Adressat des Vorstosses: Emanuel Macron

Die in Monte Carlo lancierte Petition hat innert weniger Tage offenbar Tausende von Unterschriften zusammengebracht. Sukkurs erhält der Vorstoss auch im Internet, namentlich vom Aktionsbündnis «Tiere gehören zum Circus». Im Gespräch mit unserer Zeitung macht der artistische Direktor des Festivals, der Schweizer Urs Pilz, klar, dass die Petition weit über Monte Carlo hinauszielt. Die Initianten würden sich nun auf der Basis der Petition direkt an den französischen Staatspräsidenten Emanuel Macron wenden. Man will ein Gegengewicht schaffen zu den grossen internationalen Tierschutzorganisationen von «Peta» über «Vier Pfoten» bis zum WWF, die ein generelles Verbot von Wildtieren im Zirkus fordern.

Spuren von Selbstzensur

In der Tat bleibt der Druck dieser Organisationen in der Öffentlichkeit nicht ohne Auswirkungen auch auf die mediale Wahrnehmung. So berichtet zum Beispiel die renommierte «Frankfurter Allgemeine Zeitung» FAZ, dass das erste deutsche Fernsehen ARD zwar auch das diesjährige Festival von Monte Carlo umfassend übertragen wolle – allerdings ohne die Tiger-Nummer. Und dies bislang offenbar ohne jede öffentliche Begründung, sozusagen in stillschweigender Selbstzensur.

So könnte der Zirkus ohne Wildtiere letztlich auch ohne gesetzliche Verbote Tatsache werden. Umso mehr streben Pilz und seine Mitstreiter von Monte Carlo jetzt die Trendumkehr an. Bei Zirkusleitungen, die freiwillig ihre Arbeit mit Wildtieren herunterfahren, sieht Pilz Anzeichen für «den Weg des geringsten Widerstandes». Vor allem aber betont er in der Sache, dass in der öffentlichen Diskussion der massgebliche Unterschied übersehen werde zwischen in freier Natur geborenen Wildtieren und jenen, die in menschlicher Obhut aufgezogen und geprägt worden sind. Wie konkret zum Beispiel die Tiger von Carmen Zander.

In der Schweiz ist es einer wie der Direktor des Circus Royal, Oliver Skreinig, der den Einsatz von Wildtieren im Zirkus als Kulturgut öffentlich verteidigt. Folgerichtig tourte er im vergangenen Jahr mit fünf Bengalischen Tigern durch die Schweiz. Auch er erlebt immer wieder Anfeindungen von militanten Tierschützern. Aber er will sich nicht in die Knie zwingen lassen. So bescheinigte ihm im vergangenen Jahr ein unabhängiges Gutachten des Bundes offenbar ein sehr gutes Zeugnis für den Umgang mit seinen Raubkatzen.

«Sollten wir dann all diese Tiere töten?»

Wie Pilz verweist Skreinig darauf, dass auch für seinen Zirkus kein einziges Wildtier in freier Natur gefangen worden sei. Mit Blick auf ein allfälliges Verbot fragt er deshalb rhetorisch: «Sollten wir dann all diese Tiere töten, die ohne menschliche Betreuung gar nicht lebensfähig wären?» Folgerichtig will auch er mit Raubkatzen weitermachen. 2018 gebe es zwar eine Pause. «Im nächsten Jahr aber», stellt er in Aussicht, «werden wir eine grosse Tiernummer mit Raubkatzen vom Zirkus Krone präsentieren.»


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