Alkohol als Helfer im Studium

DÄNEMARK ⋅ Studierende, die Bier und Wein trinken, haben laut einer dänischen Studie bessere Chancen an der Hochschule. Die Forscher warnen vor gesellschaftlichen Konsequenzen für Abstinenzler.
10. Oktober 2017, 08:31

Niels Anner, Kopenhagen

Rund ein Drittel aller dänischen Studierenden, ob an Universitäten oder Fachhochschulen, brechen ihre Ausbildung ab; der Grossteil bereits im ersten Jahr. Nun haben Forscher vom unabhängigen Evaluierungsinstitut für Bildungsfragen (EVA) in Kopenhagen in einer Studie mit 14 000 Teilnehmern untersucht, inwiefern Alkohol dabei eine Rolle spielt. Sie fanden einen überraschenden Zusammenhang: Wer einen durchschnittlichen Alkoholkonsum aufweist, hat grössere Chancen, im Studium zu bleiben. Wer hingegen viel oder aber wenig bis gar nichts trinkt, hat ein erhöhtes Risiko auf einen Studienabbruch.

Bei Personen, die viel trinken, überraschen negative Konsequenzen nicht. Die Studie des EVA nennt als Hauptproblem gesundheitliche Folgen des Alkoholkonsums. Vieltrinker können in Rückstand geraten und lernen möglicherweise weniger konzentriert. Dass aber Abstinenzler und Wenigtrinker Probleme bekommen, ist auch für die Forscher unerwartet.

Soziale Gruppen sind fürs Studium wichtig

Zwar haben sie nicht messen können, ob Bier, Wein und Drinks der direkte Grund für einen Studienabbruch sind, aber sie fanden einen statistischen Zusammenhang zwischen Alkohol und Abbruch. Dies auch dann, wenn Sonderfaktoren wie aus religiösen Gründen abstinente Personen berücksichtigt werden. Die Erklärung der Forscher ist, dass dem Alkohol abgeneigte Studierende Mühe haben, in soziale Gruppen aufgenommen zu werden. Es fällt ihnen damit schwerer, neue Freundschaften aufzubauen – was aber eine wichtige Voraussetzung für Zufriedenheit im Studium ist und laut der Studie oft eine grosse Rolle für die Fortführung einer Ausbildung spielt.

Nun wird in Dänemark wie in anderen Ländern besonderer Wert auf die Einführungszeit an den Hochschulen gelegt, noch bevor die Vorlesungen beginnen. Aktivitäten in kleinen Gruppen und Partys sind dabei enorm wichtig – und viel Alkohol gehört wie selbstverständlich dazu, bei mehrtägigen Trinktouren oder an mehrmals pro Woche stattfindenden Festen.

Trinker sind gesellig und gut integriert

Die Erkenntnisse der Forscher decken sich auch mit einer älteren deutschen Studie, die feststellte, dass Studierende im Vergleich zur Durchschnittsbevölkerung doppelt so häufig ein riskantes Trinkverhalten aufweisen. Und die Trinker, so diese Analyse, seien gesellig und gut in soziale Gemeinschaften integriert.

Dass dies vom Alkohol abhängen kann, ist laut dem Leiter der dänischen Studie bedenklich: «Wir müssen uns überlegen, ob der Alkoholkonsum nicht eine zu dominierende Rolle einnimmt», sagte Bjarke Hartkopf. Dies zeigt sich möglicherweise auch in der Gesamtgesellschaft.

Die Dänen weisen im Vergleich mit ihren skandinavischen Nachbarländern den höchsten Konsum auf: 9 Liter reinen Alkohol werden pro Jahr und Kopf getrunken. In der Schweiz waren es zuletzt noch 7,9 Liter.


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