Allein zu neuen Horizonten: Zwei Reisende berichten

ERLEBNISSE ⋅ Für viele Menschen sind die Ferien die hohe Zeit des Zusammenseins mit Familie und Freunden. Es geht aber auch anders. Bekenntnisse von zweien Reisenden, die den Reiz des allein Unterwegsseins entdeckt haben.
08. August 2017, 16:00

Blind Date mit sich selbst

Meine erste Alleinreise war ein Fiasko. Allein auf die portugiesische Blumeninsel Madeira, das hatte ich mir anders vorgestellt. Eine Grippe fesselte mich ans Hotelbett. Und niemand da, der mich tröstete und aufpäppelte. Selten so einsam gefühlt. Warum, fragte ich mich, war ich nur auf die blöde Idee gekommen, allein an diesen Ort zu reisen? Als die Grippe weg war, ging ich in ein Restaurant. So ein Dinner for One kann aber eine trostlose Angelegenheit sein. Vor allem, wenn man umgeben ist von Pärchen. «Wollen Sie sich zu uns setzen?», fragte eine Deutsche, deren Mitleid ich erregt hatte. Die Kellner warfen mir irritierte Blick zu; offensichtlich hielten sie mich für schrullig. In mediterranen Gefilden wird die Familie glorifiziert und das Alleinsein als persönliches Problem betrachtet. Als wäre es unmöglich, mal einfach einen Moment mit sich selber zu sein.

Wo steht geschrieben, dass man immer im Rudel unterwegs sein muss? Als einsamer Wolf am Tresen zu hängen, wird in unserer Gesellschaft leider eher Männern zugestanden. Dabei ist es auch Frauen ein Bedürfnis, hin und wieder an der Bar ein Glas Rotwein zu trinken – mit sich allein. Und sich dabei vergnügt und in bester Gesellschaft fühlen. Viele schrecken davon zurück. Weil sie nicht verzweifelt wirken wollen. Weil sie befürchten, als Sonderling dazustehen, der keine Freunde hat. Dabei sind Bars gute Orte, um sich zu entspannen und etwas zu erleben. Wer weiss, auf welche Ideen man kommt? Ob interessante Leute reinspazieren? Klar kann es einer Frau passieren, dass sie da angebaggert wird. Wenn einer nervt, kann sie ihn ja in Schranken weisen. Dumm nur, dass man als Alleinreisende in anderen Kulturen oft als Freiwild betrachtet wird. Manche Frau zieht daher einen falschen Ehering an oder erklärt, der Ehemann reise später nach.

Auch manche Mütter gönnen sich gelegentlich eine befreiende Auszeit vom Alltag mit Mann und Kindern. Andere begeben sich aus pragmatischen Gründen allein auf die Reise, weil gerade niemand Zeit hat. Eine Alleinreise ist ein Blind Date mit sich selbst. Im Idealfall kehrt man ein bisschen gereifter zum gewohnten Leben zurück. So erging es mir, als ich auf den Jakobsweg aufbrach, von Lausanne nach Genf. In einem Bed and Breakfast erzählte mir ­ die 76-jährige Hausherrin amüsante Anekdoten über ihre Gäste. Von einem «ledigen jungen Anwalt» etwa. «Wäre ich dreissig Jahre jünger gewesen, ich wäre mit ihm durchgebrannt», sagte Madame, während ihr Mann im Zimmer nebenan Zeitung las. Solche Begegnungen hätten sich kaum ergeben, wäre ich im Doppelpack gereist. Unvergessen ist mir auch ein Abend in einer Pinte in Perroy. Die Dorfbewohner liessen draussen neben dem Brunnen die Gläser klirren. Und plötzlich hielt auch ich ein Glas in der Hand und verbrachte den Abend in bester Gesellschaft.

Seither breche ich immer wieder allein auf in die Berge. Es gefällt mir, in die Stille und Weite der Landschaft einzutauchen. Wer mag, kann abends in der Berghütte neue Bekanntschaften schliessen. Beim Alleinreisen bleibt man ohnehin selten lang allein. Nicht einmal auf der menschenleeren Greina-Ebene, über die ich kürzlich vom Tessin nach Graubünden wanderte. Als ich auf einer Wiese ein Nickerchen machen wollte, war ich plötzlich umzingelt – von Murmeltieren!

Melissa Müller

 

 

Solo erlebt man mehr

Die Piazza del popolo in Anghiari straft ihren Namen Lügen, sie liegt menschenleer. Nur das Krächzen der Schwalben und das Scheppern einer ­Kaffeemaschine. Plötzlich aber streben Leute herbei und verschwinden in der Musikschule. Nach einer Viertelstunde sind sie wieder da, jeder mit einem Wasserfläschchen und Röhrchen. Schon Pause, denke ich, aber das ist es nicht, sie blasen ins Röhrchen, summen dazu, eine Atemübung, irgend so etwas. Mich schaudert, das ist die per­fekte Karikatur von Gruppenferien, «Singen in der Toscana».

Sie werden schwärmen hernach, und ich gönne es ihnen. Aber mein Ding ist das nicht, Ferien mit anderen zu ver­bringen. Ich bin überglücklich, allein auf meiner Bank in einer Ecke der Piazza, wo ich mein Buch zuklappen kann, wenn ich will. Wo ich noch eine Stunde sinnieren – oder kurz entschlossen in die Bar hinüberwechseln kann, wenn mir danach ist. Ob mit der Partnerin oder in einer Gruppe, das bedeutet ja zwangsläufig, dass man sich von morgens bis abends auf Programme und Zeitpunkte einigen muss. Davon aber habe ich zu Hause im Arbeitsalltag genug, davor fliehe ich ja gerade in die Ferien. Ich bin in Volterra einmal mit einem Beizer ins Gespräch gekommen. Eine schillernde Figur, hatte seinen Dienst als Polizist quittiert, um die Beiz und ausserhalb der Stadt ein Weingut zu übernehmen. Auf dieses lud er mich ein, um drei am andern Tag wollte er mich abholen. Ich freute mich, doch gleichzeitig machte sich ein Unbehagen breit. Ein Termin, mitten in der Schwerelosigkeit der Ferien, das empfand ich plötzlich als Belastung.

Ferien sind Distanznahme vom Alltag. Das geht am besten allein. An einem Ort, an dem man niemanden kennt. Und an dem einen niemand kennt. Bin ich mit Bekannten aus dem alltäglichen Umfeld auf Reisen, dann schleppe ich auch den ­ganzen Ballast aus jener Welt mit. In Poschiavo habe ich einmal den Dialog eines Paares am Nebentisch mitbekommen. Es ging um gemeinsame Erlebnisse, sie fragte: Erinnerst du dich? Er zählte auf, sie fuhr ihm stets dazwischen, nein, das meine ich nicht, siehst du, du kannst dich nicht erinnern, du kannst dich nie erinnern! Du meine Güte, dachte ich, was müssen das für anstrengende Ferien sein, wenn man stets darauf achten muss, sich das Richtige zu merken! Ich sass abseits, glücklich, zu denken und zu sehen, was ich wollte.

Und ich finde ausserdem: Man sieht mehr, wenn man allein ist. Im Wissen, auf sich gestellt zu sein, ist man aufmerksamer, wacher, man muss sich schliesslich selber zurechtfinden. Ich vergesse nicht mehr jene Männergruppe auf der Piazza Duomo von Syrakus, auf diesem Platz aller Plätze, wo man einfach nur den Atem anhalten und staunen will. Aber die Männer hatten kein Auge für die Grandiosität des Platzes, sie sassen hinter ihren Heineken-Kübeln und verhandelten, wo in Recklinghausen man die besten Küchenmesser bekommt.

Einmal war ich mit einer Gruppe in Barcelona, eine Reise mit Journalistenkollegen. Anregende Gesellschaft, tolles Programm, aber immer hiess es gleich wieder: Einsteigen in den Bus, nächste Sehenswürdigkeit. Ich kam mir vor wie eine ein­gesperrte Katze, die hinter dem Stubenfenster dem Treiben der Vögel im Garten zusieht. Was für eine Sehnsucht, ­allein zu sein, mich treiben zu lassen.

Beda Hanimann


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