Alpensalz und Kurmusik

ALPENSTADT BAD REICHENHALL ⋅ Bad Reichenhall war einst mondäner Treffpunkt des Adels. Dank Sole-Fontänen kann man hier besonders gut durchatmen.
17. September 2017, 09:45

In der Südostecke Bayerns tut sich einiges im modernen Gesundheitstourismus: Bad Reichenhall meldet jährlich steigende Gästezahlen und ein Absinken des Durchschnittsalters unter 50 Jahre.

Umgeben von bis zu 2000 Meter hohen Bergen wird die Alpenstadt auch als «Meran des Nordens» bezeichnet: Die geschützte Lage im weiträumigen Flusstal der Saalach schafft ein Schonklima, das durch den Waldreichtum ringsum eine hohe Luftreinheit garantiert.

Bummelt man mit dem Reichenhaller Manfred Dirscherl, früher Lehrer, jetzt Gästeführer, durch die Stadt, erfährt man einiges zur Geschichte: Die Salzvorkommen machten die Stadt im Mittelalter zu einem reichen Salzmonopolisten. Nach ersten Trinkkuren im 18. Jahrhundert kam der Kurtourismus in Fahrt, als 1848 der bayerische König Maximilian II. fünf Wochen in Reichenhall kurte. Den Höhepunkt der Beliebtheit als mondäner Treffpunkt des europäischen Adels erreichte die Stadt vor dem Ersten Weltkrieg. Aus dieser Zeit stammen die zahlreichen Jugendstilvillen und Kuranstalten sowie das repräsentative Königliche Kurhaus und der Kuppelbau der Konzertrotunde.

Der vier Hektar grosse Kurgarten ist das Reich von Christian Braun, dem Chef der Kurgärtnerei. Im Frühjahr und Herbst, so berichtet er, werden jeweils 30 000 Pflanzen gesetzt – ein farbenfrohes Blumenmeer. Gern zeigt Braun seine Exoten: Ein rosa blühender asiatischer Blumenhartriegel. Gleich daneben der Judasblattbaum. Nicht weit davon der Taschentuchbaum mit seinen weissen Hochblättern.

Vorbei geht es am Atlasbrunnen, unter dessen Sole-Fontänen die Kur­gäste sich in Liegestühlen sonnen, zum historischen Schaustück des Kurgartens: dem 160 Meter langen Gradierwerk mit seinen überdachten Wandelgängen. Es ist das grösste Freiluftinhalatorium der Welt. Seit über hundert Jahren rieseln von April bis Oktober täglich bis zu 400 000 Liter Alpensole 13 Meter hohe Wände herunter. Sie bestehen aus übereinandergeschichteten Schwarzdornzweigen, an deren Dornen die Sole fein zerstäubt. Schon ein halbstündiger Spaziergang soll die Atemwege reinigen.

Die Bad Reichenhaller Philharmonie ist das einzige Kurorchester, das ganzjährig musiziert. Das schon 150 Jahre in sinfonischer Besetzung spielende Berufsorchester umfasst 40 Künstler. Zwei Sommeranlässe sind besonders beliebt: Das Bergpanorama-Konzert «Der Thumsee brennt» vor den Toren der Stadt und die «Philharmonische Klangwolke», ein Livekonzert, das abends, während die Menschen zwischen den geöffneten Geschäften flanieren, in der Innenstadt erklingt. Mit von der Partie ist das Orchester auch bei der «Kurgartenbeleuchtung» in den Sommermonaten. Am Abend verwandeln Tausende von Kerzen und Lampions den Königlichen Kurgarten in einen romantischen Sommernachtstraum.

Doch nicht nur Feiern ist in Bad Reichenhall angesagt. Kurdirektorin Gabriella Squarra verweist gern darauf, dass das Bayerische Staatsbad eine lange Tradition als anerkannter Atemort hat. Die Terrainkur, eine Bewegungstherapie des 19. Jahrhunderts, wurde hier nachhaltig weiterentwickelt. Heute stehen den Gästen über 60 Touren auf einer Länge von 180 Kilometern zur Verfügung. Auch mit wenig Kondition kommt man auf den 1614 Meter hohen Predigtstuhl, den Hausberg der Stadt. In neun Minuten mit der knapp 90-jährigen «Grande Dame der Alpen»: der ältesten im Original erhaltenen, ganzjährig verkehrenden Grosskabinenseilbahn der Welt. Der familienfreundliche Höhenrundweg führt an der urigen Almhütte Schlegelmulde vorbei, die deftige Brotzeiten anbietet. Vornehm speist man dagegen im Bergrestaurant an der Gipfelstation. Die Aussicht ist phänomenal: Bei guter Fernsicht reicht sie bis ins Salzkammergut und in den Chiemgau.

Alte Saline mit Salzgrotte

Vom Gipfel aus sieht man unten in Bad Reichenhall auch den Komplex der Alten Saline mit seinen vier Sudhäusern. Hier wurde bis 1929 das «Reichenhaller Salz» hergestellt. Zentrum der Anlage ist das im neoromanischen Stil erbaute Hauptbrunnhaus, unter dem die Solequellen entspringen. Beeindruckend in der grossen Halle die metallenen Wasserräder mit einem Durchmesser von 13 Metern, die sich seit über eineinhalb Jahrhunderten ununterbrochen drehen. Es lohnt sich, dieses bedeutende Industriedenkmal einschliesslich des unter- irdischen Stollensystems und der Salzgrotte zu besichtigen.

Feuer in der Saline hatte 1834 einen Brand ausgelöst, der weite Teile der Stadt zerstörte. Der grosszügige Wiederaufbau ebnete Reichenhall den Weg zur Badestadt. Vom Feuer verschont blieb die malerische Oberstadt rund um den Florianiplatz. Giebelständige Häuser mit vorspringenden Flachsatteldächern, Sprossenfenstern und Fensterläden. Farbenfroh die Häuser, in den Blumenkästen Geranien und Begonien. Kaum Autos, die Zeit scheint stillzustehen. In der Platzmitte als Brunnenfigur der Heilige Florian, Schutzpatron der Feuerwehr. Die Oberstadtler ver­ehren ihn. Ob er sie vor dem Brand geschützt hat?

Norbert Linz


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