An der Grenze zum Jenseits

FORSCHUNG ⋅ Wenn es um das Leben nach dem Tod geht, prallen Weltanschauungen aufeinander. Eine rationale Erklärung ist der Wissenschaft bislang nicht gelungen. Geändert haben sich die Fragestellungen.
30. Juni 2017, 07:38

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Es sind die Erzählungen und Schilderungen, die uns am nächsten an die grosse Unbekannte heranführen: Tausende Menschen haben schon davon berichtet, wie sie an der Schwelle zum Jenseits standen. Die Reaktionen aus der Gesellschaft sind so mannigfaltig wie die Interpretationen dieser Nahtoderfahrungen. Viele tun sie als Humbug ab, während sich andere wiederum bestätigt fühlen im Glauben, dass es nach dem Tod weitergeht – irgendwie.

Ein wichtiger Faktor spricht deutlich dagegen, dass es sich bei Nahtoderfahrungen um reine Hirngespinste handelt: Zahllose Betroffene berichten unabhängig voneinander über identische Erlebnisse an der Grenze zum Tod. Die häufigsten sind Lichterlebnisse, ausserkörperliche Erfahrungen, der Gang durch einen Tunnel oder die Begegnung mit Verstorbenen aus dem engen Umkreis. Das Gros der Betroffenen erfährt diesen Gang an die Schwelle zum Jenseits als un­beschreiblich angenehm und schön. Vereinzelt wird auch von grauenvollen, finsteren Erlebnissen berichtet.

Die Frage nach dem Bewusstsein

Das faszinierende Phänomen der menschlichen Nahtoderfahrung ist ein sehr junges Forschungs­gebiet, mit dem sich bis vor nicht allzu langer Zeit ausschliesslich Esoteriker oder spirituell interessierte Menschen beschäftigt ­haben. Erst seit etwa zwei Jahrzehnten widmet sich die Hirn­forschung diesem Gebiet und versucht, eine rationale Erklärung und sachliches Verständnis für solche Grenzerfahrungen zu finden. Zu den Exponenten, die sich wissenschaftlich auf diesem jungen Forschungsgebiet bewegen, gehört der Mediziner Robert Lüchinger, Facharzt aus Affoltern am Albis. An einem Vortrag über Nahtoderfahrungen jüngst in der Rathus-Schüür in Baar ZG sprach er in vollem Hause über die wissenschaftliche ­Herangehensweise an diese kontroverse Thematik.

«Nachdem sich nun auch die Forschung immer mehr damit beschäftigt, lautet die Frage nicht mehr ‹was ist nach dem Tod?›, sondern ‹was ist Bewusstsein?›», stellte Lüchinger zu Beginn klar. Man müsse dabei auch deutlich unterscheiden, ob man von «Nah-Tod» spreche oder von «Nach-Tod». Dass es etwas geben muss, was dem Individuum eine Identität und Kontinuität verleiht, sei unumstritten. Philosophen redeten hierbei von Geist, religiöse Menschen von der Seele oder von einer Gottheit.

Die Wissenschaft geht davon aus, dass die Hirnaktivität bei der Antwort auf diese Frage eine zentrale Rolle spielt. Aber was für eine? «Wir sind noch immer in der Phase von Hypothesen», sagt Robert Lüchinger hierzu und nennt die drei für ihn wichtigsten: 1. Das Hirn ist ein geschlossenes System. Alles lebt durch seine Aktivität. 2. Der menschliche Körper mit seinen rund 1014 Zellen bildet ein hochkomplexes, in sich geschlossenes System, von dem das Hirn Bestandteil ist. 3. Der Körper mitsamt Hirn ist ein offenes System, das mit dem Ausserkörperlichen interagiert.

«Je nach Ansatz stellen sich der Wissenschaft heute ganz andere Fragen über Identität, das Bewusstsein und auch den Faktor Zeit.» Und es ergebe sich durch diese Fragestellungen auch für die Wissenschaft eine neue Sicht auf das Phänomen der Nahtoderfahrung. Freilich ist man noch lange nicht so weit, eine schlüssige Erklärung dafür zu finden. Einzig gesetzt ist, dass es eine geben muss. Vor wenigen Jahren konnten Forscher feststellen, dass bei Ratten unmittelbar vor dem letzten Atemzug die Hirnaktivität kurzzeitig ausserordentlich stark ist. Man vermutet damit einen engen Zusammenhang mit Nahtoderfahrungen – aber vorerst bleibt es eben bei den Vermutungen.

Betroffene gehen seltener mehr in die Kirche

Der Forschung stellt sich fürderhin die spirituelle und religiöse Haltung gegenüber Tod und Jenseits entgegen. Aus dieser Sicht ist eine Trennung von Geist und Körper und somit ein Übertritt in eine andere Welt – das «Paradies», die «Hölle» ... – möglich. Hier redet Robert Lüchinger präzisierend von «Nach-Tod-Vorstellungen». In diesem Zusammenhang verweist Lüchinger auf interessante Studienresultate, die darlegen, dass unter anderem Faktoren wie Religion oder kulturelle Zugehörigkeit die Art der Nahtoderfahrung nicht beeinflussen. Weiter bringen die Studien zutage, dass nach einer Nahtoderfahrung das Interesse der Betroffenen an Spiritualität und der Glaube an ein Leben nach dem Tod zwar steigen – aber deutlich weniger von ihnen besuchen weiterhin die Kirche.

Ein einziger, gewaltiger Kosmos

Eine Nahtoderfahrung prägt die Betroffenen nachhaltig, weiss Robert Lüchinger. «Viele von ­ihnen können das Gesehene gar nicht erst in Worte fassen. Sie waren in einer Welt, für welche es ein ganz anderes Vokabular bräuchte.» Der Facharzt selbst gibt sich agnostisch: Er schliesst nicht aus, dass noch eine andere Welt existiert, welche im Wachzustand nicht wahrnehmbar ist. «Ich stelle mir vor, dass unser ganzes Dasein ein einziger, gewaltiger Kosmos ist», kommt er zum Schluss. Ein Kosmos, der auf wissenschaftlicher Ebene noch Fragen ohne Zahl offenlässt und weiterhin ein Tummelfeld für Weltanschauungen aller erdenklicher Art bleiben wird.

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