Auf den Spuren des weissen Goldes

GRENZGEBIET ⋅ Die Franche-Comté in Frankreich und den Schweizer Jura verbindet ein gemeinsames kulturelles Erbe, das Vermächtnis des Salzes.
08. Oktober 2017, 09:33

Ochsen ziehen einen Wagen einen grün bewaldeten Hang hinauf. Er ist beladen mit Salzfässern. Der Wagen ächzt und schwankt unter dem Gewicht, die Ochsen schnaufen schwer und die Räder des Wagens drohen auf den nassen Steinen im Waldboden abzurutschen. Doch dann finden sie Halt in den in Stein gehauenen Spurrillen. Solche Szenen haben sich gemäss Erkenntnissen von Historikern und Archäologen im Mittelalter auf der Salztransportroute in Vuiteboeuf zwischen Yverdons-les-Bains und Sainte-Croix abgespielt. Die sogenannten Karrgleise sind Zeuge der Handelsroute des Salzes. Heute führt die Via Salina über grüne Hügel, vorbei an charmanten Dörfern und Städtchen am Flussufer der Loue zu Unesco-Welterbe-Stätten und traditionsreichen Kurorten. Die Salzgewinnung in der Schweiz war erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts möglich. Bis dahin wurde das damals kostbare Gut aus Frankreich oder anderen Ländern importiert. Salz war rar, die Gewinnung mühevoll und somit so wertvoll, dass es auch «weisses Gold» genannt wurde.

Unterirdisch Ingenieurskunst entdecken

Ein Grossteil des importierten Salzes stammte aus den Salinen genannten Produktionsstätten in Arc-et-Senans und Salins-les-Bains. In der Grossen Saline in Salins-les-Bains wurde bereits vor 1200 Jahren Salz produziert. Besucher steigen hinab in den Stollen und erleben, wie das noch immer funktionierende hydraulische Pumpsystem aus dem 18. Jahrhundert das salzhaltige Wasser an die Oberfläche befördert. Das hölzerne Wasserrad knorzt, zu Demonstrationszwecken ist es aber nach wie vor im Einsatz. Das Rad mit dem Hebelwerk stellt die Verbindung zur Pumpe her. Durch die mehrere Meter hohen und mit Steinen und Rundbögen ausgekleideten Hallen aus dem 12. bis 15. Jahrhundert kann heute jedermann wandeln.

Monumentale Bauten als Zeitzeugen

Über den Hallen befindet sich das Sudhaus, in welchem das Salzwasser in einer riesigen Pfanne so lange erhitzt wurde, bis nur noch das Salz übrig blieb. Die Produktionsstätte in Salins-les-Bains zählt ebenso wie die Königliche Saline in Arc-et-Senans zum Unesco-Welterbe und lässt erahnen, wie anstrengend die Salzgewinnung bei 45 Grad und einer Luftfeuchtigkeit von bis zu 75 Prozent im Sudhaus war. Als in der Umgebung der Grossen Saline das Holz für die Öfen unter der Siedepfanne langsam ausging, suchte Frankreichs König nach einem neuen Standort. Louis XV. hatte die Königliche Saline in Arc-et-Senans vom seinerzeit visionären Architekten Claude Nicolas Ledoux planen lassen. Gebaut wurde die im Halbkreis angeordnete Anlage inklusive Wohnhäuser von 1775 bis 1779, rund zehn Jahre vor der Französischen Revolution.

Dem Architekten und seinen Modellen ist vor Ort eine permanente Ausstellung gewidmet. In den Gemäuern des ehemaligen Direktorenhauses lassen Exponate frühere Zeiten aufleben. So sind beispielsweise Leitungen aus Holz zu sehen, die das salzhaltige Wasser transportierten. In den herrschaftlichen Räumen wird heute geschlafen, gegessen und musiziert. Die Saline wird als Veranstaltungsort für Konzerte, Kongresse und temporäre Ausstellungen genutzt und beherbergt ein Hotel und ein Restaurant.

Entlang der Handelsroute gibt es nebst den Salinen weitere Trouvaillen zu entdecken: im Städtchen Ornans an der Loue etwa das Museum des Malers Gustave Courbet oder die Menhire am Ufer des Neuenburger Sees. In der Altstadt von Yverdons-les-Bains vermitteln Strassencafés, Galerien und Spezialitätenläden bereits französisches Flair.

Grösste Holzkuppel Europas in der Saline Riburg

Vorbei sind die Zeiten der Manufakturen und der hölzernen Leitungen. In den drei Schweizer Produktionsstätten, namentlich der Saline Riburg, im Bergwerk in Bex und in Schweizererhalle in Pratteln erhalten Besucher Einblick in die moderne Salzgewinnung und in die dafür genutzte Technik. Die Dimensionen sind gewaltig. Mehrere Stockwerke hohe Tanks sind zur Produktion notwendig. Die Lagerhalle in Riburg mit der grössten Holzkuppel Europas ist beispielsweise knapp 33 Meter hoch und hat einen Durchmesser von 120 Meter. Pro Jahr produzieren die Schweizer Salinen rund 600 000 Tonnen Salz.

Sandra Peter

Dieser Beitrag ist im Rahmen einer Pressereise entstanden, zu der die Verantwortlichen des Projektes Terra Salina eingeladen hatten. www.terrasalina.eu

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