Bangkoks Schlangen schlagen zurück

LEBENSRAUM ⋅ Thailands Hauptstadt wächst und wächst, auch in Richtung Sumpfgebiet. Anstatt sich zu verkriechen, tauchen die schuppigen Bewohner der Metropole immer öfter in Wohnungen auf.
04. Dezember 2017, 07:52

Ulrike Putz, Singapur

Was Panarat Chaiyaboon am 3. Juli dieses Jahres widerfuhr, wäre Stoff für einen Horrorfilm. Die Thailänderin verrichtete auf ihrer Toilette daheim gerade ein Geschäft, als sie ein scharfer Schmerz durchzuckte: Eine etwa zwei Meter lange Python war durch das Fallrohr in die Toilettenschüssel vorgedrungen und hatte die Frau an empfindlicher Stelle gebissen. Zum Glück ohne schwere Folgen: Ein kurzer Besuch im Krankenhaus, dann wurde Panarat zurück nach Hause geschickt, um sich von dem Schreck zu erholen. Doch keine Woche später hieb eine zweite Python ihre Fangzähne in die Wade von Panarats 15-jähriger Tochter, als die sich gerade die Hände wusch. Wie sich herausstellte, hatte der Architekt des luxuriösen Apartmentkomplexes, in den die Familie kürzlich gezogen war, geschlampt. Die Fallrohre waren nicht gegen lange, dünne Eindringlinge gesichert.

Zahl der Notrufe hat sich verdreifacht

Bangkok, Thailands Hauptstadt, steckt im Würgegriff seiner schuppigen Bewohner. Die Zahl unerfreulicher Begegnungen zwischen Menschen und Schlangen nimmt in der 10-Millionen-Metropole rapide zu. Gingen 2012 noch 10 500 Anrufe bei den Behörden ein, um eine Schlange im Haus zu melden, wählten dieses Jahr bereits 32 000 Bürger die Telefonnummer 199, um Hilfe anzufordern.

Der Grund dafür, dass die Serpentes den Homo Sapiens auf die Pelle rücken: Bangkok wächst und wächst. Die ins Sumpfland gezimmerten Neubauviertel zerstören den Lebensraum vieler Tierarten. Also ziehen die Schlangen in die Neubauten ein. Dort schlingen sie sich um Gardinenstangen, schlafen in Schuhen und vertilgen ab und an ein Haustier. Im September filmte ein entsetzter Tierfreund, wie eine fünf Meter lange Python seine zuvor verschwundene Katze hervorwürgte – an einem Stück zwar, aber tot.

Von den 300 in Thailand heimischen Schlangenarten sind etwa 10 Prozent giftig, einige sind gar tödlich. Ein guter Grund, zum Telefon statt zur Würstchenzange zu greifen, um einen ungebetenen Gast zu beseitigen. Nun gehört die Nummer 199 eigentlich der Feuerwehr. Doch die bekämpft in Bangkok inzwischen hauptsächlich züngelnde Schlangen statt züngelnde Flammen, wie Prayul Krongyos, stellvertretender Direktor der Feuerwehr, sagt. Bilanz eines Tages jüngst im November: 173-mal Reptilien-Notruf versus fünfmal Brandalarm.

Die Feuerwehr hat sich in­zwischen auf die tierischen Notfälle eingestellt. Sie bildet eige­- ne Kammerjäger, Spezialgebiet Schlange, aus. Einer der Pioniere des Berufs ist Pinyo Pookpinyo, der schätzt, dass er Bangkok in den vergangenen zwölf Jahren von etwa 10 000 Schlangen befreit hat. «Uns bleibt nichts anderes übrig, als zu lernen, wie man mit Schlangen umgeht», sagt der Feuerwehrmann, dessen linke Hand von dem Lehrgeld zeugt, dass er gezahlt hat. Anfang des Jahres erwischte ihn eine Python, die Bisswunden sind noch deutlich zu sehen. Gefährlicher allerdings war der Biss einer hochgiftigen Grubenotter, die dem Feuerwehrmann zu Beginn seiner Laufbahn als Schlangenjäger über den Weg kroch. Nur weil ein Motorradfahrer ihn damals sofort ins nächste Krankenhaus brachte, wo ihm ein Serum verabreicht wurde, überlebte Pinyo die Attacke.

Tiere zu quälen, ist ein Tabu

Die gefangenen Schlangen werden von der Feuerwehr in Auffanglager gebracht, wo sich Hunderte Schlangen in Käfigen knäulen. Dann bringen Laster die Fracht in Dschungelgebiete weit weg von Bangkok, wo die Tiere ausgesetzt werden. Thailand ist ein buddhistisches Land, Tiere zu quälen sei tabu, erklärt Pinyo die Umstände, die sich die Schlangenjäger mit ihrer Beute machen. «Schlangen zu töten, würde nur böses Karma geben. Sie freizulassen, ist der beste Weg.»

Anzeige: