Das «weisse Gold» machte auch Schweizer reich

GESCHICHTE ⋅ Das «weisse Gold» Baumwolle trug massgeblich zum Wohlstand Europas und zur globalen Entwicklung des Kapitalismus bei. Was das mit der Schweiz zu tun hat, weiss ein Historiker aus Harvard, der in Luzern zu Gast ist.
10. Oktober 2017, 08:25

Interview: Susanne Holz

susanne.holz@luzernerzeitung.ch

Ohne Baumwolle und Sklavenhandel hätte kein europäischer Kapitalismus entstehen können – dies verdeutlicht der deutsche Historiker und Harvard-Professor Sven Beckert in seinem 2015 mit dem Bancroft-Preis ausgezeichneten Buch «King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus». Heute Abend hält Beckert einen öffentlichen Vortrag an der Universität Luzern. Dort freut man sich, einen «international so renommierten Forscher zu Gast zu haben».

Als «weisses Gold» bestimmt die Baumwolle fast während eines Jahrtausends die Geschichte der Industrie – und begründet unseren heutigen Wohlstand mit. Jedoch auf Kosten afrikanischer Menschen und amerikanischer Ureinwohner: Ab 1600 gewinnen Baumwolltextilien in Europa rasant an Bedeutung – europäische Händler erwerben in Indien Stoffe, um sie in Afrika als Tauschmittel gegen Sklaven zu verwenden. Diese Sklaven werden auf amerikanischen Plantagen eingesetzt, wo sie Agrarprodukte für Europas Verbraucher herstellen.

In Europa entsteht zeitgleich ein Baumwolle verarbeitendes Gewerbe: Spinner und Weber arbeiten in Heimarbeit auf dem Land. So schafft sich die Industrialisierung ein freies Lohnsystem, denn in den Städten werden die Löhne von den Gilden bestimmt. Über das «weisse Gold» und über die Schweiz zur grossen Zeit der Baumwollverarbeitung sprachen wir mit Sven Beckert.

 

Sven Beckert, das «weisse Gold» Baumwolle bestimmte ein Jahrtausend die Geschichte der Industrie – wann genau?

Die Verarbeitung von Baumwolle zu Textilien war die weltweit wichtigste Industrie von etwa 1000 bis 1900. Millionen von Menschen in Asien, Afrika und Amerika waren mit dem Anbau, dem Spinnen und Weben von Baumwolle beschäftigt. Baumwolle war wichtiges Handelsgut und wurde als Tauschmittel verwendet. Im achtzehnten Jahrhundert schliesslich stand die Baumwolle im Zentrum der industriellen Revolution, die von England ihren Ausgang nahm.

Und später?

Auch die Schweizer industrielle Revolution nahm Anfang des neunzehnten Jahrhunderts ihren Ausgang mit der Baumwollfabrikation. Und weil europäische Fabriken immer mehr Rohbaumwolle benötigten und fast alle Baumwolle bis 1865 von Sklaven angebaut wurde, dehnte sich das System der Sklavenwirtschaft in den USA immer weiter aus.

Wählten Sie darum das Beispiel der Baumwolle für Ihre Geschichte des Kapitalismus?

Ja, die Baumwolle war für die Wirtschaftsgeschichte der vergangenen Jahrhunderte so bedeutsam, dass man an ihrem Beispiel den Aufstieg der modernen Welt, wie wir sie heute kennen, untersuchen kann. Der moderne Kapitalismus begann mit der Baumwolle, und eine Beschäftigung mit der Geschichte dieser Industrie erlaubt uns, wichtige Elemente in der Geschichte des Kapitalismus zu verstehen: die globale Ungleichheit zum Beispiel, die Bedeutung der Landwirtschaft für die Industrie, die Frage der Gewalt in der Geschichte des Kapitalismus und natürlich die Rolle des Staates.

Was passierte in der Schweiz in dieser Hinsicht?

Die Schweiz wurde zu einem der wichtigsten baumwollverarbeitenden Ländern der Welt. 1801 hatten Kaufleute aus St. Gallen die Einrichtung der ersten schweizerischen Spinnerei finanziert, der Spinnerei-Aktiengesellschaft. 1827 zählte die Schweiz schon 400 000 Spindeln in ihren Fabriken, 1857 waren es 1,35 Millionen.

War das viel im internationalen Vergleich?

Ja, die Schweiz war schon 1830, gemessen an ihrer Einwohnerzahl, das Land mit der zweithöchsten Dichte an Spindeln, nach England. Zehntausende Schweizer waren in der Baumwollproduktion tätig, Anfang des neunzehnten Jahrhunderts noch als Heimarbeiter in den Stuben der Bauernhäuser, dann immer stärker in Fabriken. Schweizer Baumwollprodukte wurden weltweit gehandelt.

Wie sah das globale Handelsnetz aus, das die Winterthurer Textilhändlerfamilie Volkart errichtete?

Die Schweiz wurde nicht nur wichtiges Zentrum der Baumwollproduktion, sondern auch des globalen Handels. Die Volkarts spielten hier ab den 1850er-Jahren eine besonders wichtige Rolle, da sie zu einem der bedeutendsten Baumwollhändler in Indien wurden. Sie investierten in die Baumwollproduktion in verschiedenen Teilen Indiens und verschifften die Baumwolle von dort global. Der Grossteil der von der Firma gehandelten Baumwolle traf übrigens nie auf Schweizer Boden ein.

Wie konnte die Handelsfirma aus Winterthur in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einem der wichtigsten Akteure in Indien werden?

In den ersten achtzig Jahren der industriellen Revolution, also bis etwa 1860, kam fast die ganze in Europa verarbeitete Baumwolle aus den USA, wo sie von versklavten Arbeitern angebaut wurde. Dies änderte sich im Zuge der Emanzipation im Jahre 1865. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Volkarts schon eine wichtige Präsenz in Indien, was für den globalen Baumwollhandel zunehmend bedeutsam wurde. Die Volkarts waren zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.

Was machten sie daraus?

Sie schufen ein globales System des Baumwollhandels, in welchem sie engen Kontakt zu Baumwollhändlern im indischen Hinterland pflegten, dort Baumwollkompressen errichteten und zugleich in der Lage waren, diese Baumwolle an europäische Abnehmer effizient zu verschiffen.

Basler Kaufleute umgingen im 18. Jahrhundert die Zunftbeschränkungen, indem sie im deutschen Wiesental Bauern für das Spinnen und Weben mobilisierten. Sie nennen das die «innere Kolonisierung Europas» – haben Sie weitere Beispiele?

In der Frühphase der europäischen Baumwollindustrie war das grosse Problem europäischer Hersteller, sich gegen die hochwertigen und billigeren indischen Textilien durchzusetzen. Da die Verarbeitung von Baumwolle arbeitsintensiv war, mobilisierten die Kaufleute Arbeitskräfte auf dem Land. In den armen Gebieten des Schwarzwaldes, der Vogesen, aber auch der Schweiz konnten viele Familien nur überleben, indem Frauen und Kinder anfingen, für entfernte Kaufleute zu spinnen und zu weben. Das war das grosse Zeitalter der Heimindustrie. Solche Entwicklungen gab es in ganz Europa – im Hinterland Mailands, in Lancashire in England, in Katalonien, in Sachsen und anderswo.

In der Schweiz wurde Kinderarbeit erst im 20. Jahrhundert abgeschafft – wie sah es im restlichen Europa aus?

Die Frühphase der industriellen Revolution beruhte stark auf Frauen- und Kinderarbeit. Selbst in den meisten Fabriken war die überwiegende Zahl der Arbeiter sehr jung, sprich im Kindesalter. Dies war der Fall in ganz Europa. Oft wurden Kinder zur Arbeit gezwungen, englische Fabriken waren voller Waisenkinder, die zur Arbeit an den Spinnmaschinen keine Alternative hatten. Die Arbeitsbedingungen waren grauenhaft, die Bezahlung gering.

Was meint «Zähmung des frühen Kapitalismus»? Gab es die auch in der Schweiz?

Textilarbeiter organisierten sich im Laufe des neunzehnten Jahrhunderts in Gewerkschaften. Ende des neunzehnten Jahrhunderts erreichten sie endlich Verbesserungen bei Arbeitsbedingungen und Löhnen. Gleichzeitig übten sie Druck auf den Staat aus, zur Abschaffung der Kinderarbeit. In der Schweiz organisierten sich Textilarbeiter im späten 19. Jahrhundert und gründeten 1908 den Schweizerischen Textilarbeiterverband (STAV), der für bessere Arbeitsbedingungen und Löhne eintrat. 1919 hatte er 23 991 Mitglieder, und durch deren Einsatz verbesserte sich die Situation in den Fabriken sehr.

Stichwort Kriegskapitalismus: Was hat Europas Indus­trialisierung mit der US-Plantagenökonomie zu tun?

Baumwolle wächst im Grossen und Ganzen nicht in Europa, musste also aus anderen Weltregionen herbeigeschafft werden. In den USA gab es Land, das den Ureinwohnern gewaltsam entrissen wurde, und es gab Millionen versklavter Arbeitskräfte, die auf Baumwollfeldern eingesetzt wurden. Dies ermöglichte es den USA, weltweit wichtigster Baumwollexporteur zu werden. Die Sklaverei wurde Kernbestandteil der industriellen Umwälzungen in Europa, auch der Schweiz.

Europäer raubten den amerikanischen Ureinwohnern das Land und liessen es durch afrikanische Sklaven urbar machen. Liverpool war wichtigster europäischer Umschlagplatz für Baumwolle und Stützpunkt des Sklavenhandels. Welche Städte noch?

Viele Städte verdankten ihren Reichtum ursprünglich der Sklaverei – New York und New Orleans, aber auch London, Bris­tol, Amsterdam, Le Havre und Nantes. Auch bereicherten die Effekte von Sklaverei und Landnahme weit vom Meer entfernte Städte, in denen sklavenproduzierte Baumwolle verarbeitet wurde: St. Gallen, Mulhouse oder Augsburg. Darüber hinaus waren Schweizer Kaufleute im Sklavenhandel aktiv und verdienten gut am Handel mit sklavenproduzierten Gütern. Die Sklaverei hat überall Spuren hinterlassen. Der gewaltsame Transfer von zwölf Millionen Afrikanern in die Neue Welt und die unbezahlte Arbeit von Generationen versklavter Arbeiter begründeten den Reichtum Europas mit.

Hinweis: Harvard-Professor Sven Beckert hält heute Dienstag einen öffentlichen Vortrag: 18.15 Uhr, Uni Luzern, Hörsaal 5. «King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus». C. H. Beck, 2014.

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