Beim Kiffen ist der Tabakrauch das Problem

CANNABIS ⋅ Langjähriger Cannabiskonsum wurde mit Ablagerungen in Herzarterien in Verbindung gebracht. Nun konnte nachgewiesen werden, dass dafür nicht der Konsum an sich, sondern Tabakrauch die Ursache ist.
13. April 2018, 05:00

Dass das Rauchen von Tabak Plaques in unseren Blutgefässen bildet und dadurch das Herzinfarktrisiko erhöht, ist hinlänglich bekannt und nicht umstritten. Da widerspricht der stärkste Raucher nicht. Bis anhin ist allerdings nicht untersucht worden, ob der Cannabiskonsum die gleiche Wirkung hat.

Nun gibt eine Langzeitstudie über 25 Jahre unter der Leitung von Professor Reto Auer vom Berner Institut für Hausarzt­medizin darüber Auskunft. Die Forscher haben nachgewiesen, dass regelmässiger Cannabiskonsum nur dann schädlich für die Herzarterien ist, wenn Cannabis zusammen mit Tabak konsumiert wird.

«Unsere Studie bestätigt die starke und konsistente Verbindung zwischen Tabakkonsum und der Bildung von Ablagerungen», sagt Reto Auer. «Cannabiskonsumentinnen und -konsumenten rauchen viel Tabak und erhöhen dadurch ihr Risiko für Herzinfarkte.» Allerdings: Gibt es bei uns in Europa überhaupt Kiffer, die Nichtraucher sind? Tatsächlich stammt die Studie mit über 5000 Teilnehmern aus den USA. Und dort sei der Konsum von Cannabis deutlich anders als in Europa, erklärt Auer. «In den USA rauchen viele nur Cannabis, ohne Tabak. Bei den Teilnehmern der Studie waren es 50 Prozent, die keinen Tabak und nur Cannabis rauchten.»

In Europa wäre eine solche Studie schwierig

Für die Studie war das wichtig, denn nur so konnten die unterschiedlichen Auswirkungen von Tabak und Cannabis überhaupt wissenschaftlich untersucht werden. «Solche Analysen wären sehr schwierig in Europa, wo die meisten Cannabis mit Tabak ­mischen, um es zu rauchen», sagt Auer. Über 25 Jahre hinweg wurde der Tabak- und Cannabiskonsum der Studienteilnehmer erhoben.

Im 25. Jahr wurde mit Computertomografie das Kalzium in den Herz- und Baucharterien gemessen. Die Forscher untersuchten anhand der Messungen den Zusammenhang zwischen diesem jahrelangen Konsum und der Arterienverkalkung. Wie die Forscher erwarteten, gab es einen starken Zusammenhang zwischen der Tabakrauchexposition in der Vergangenheit und dem Aufbau der Ablagerungen in den Herz- und Baucharterien.

Bei denjenigen Cannabiskonsumenten, die niemals Tabak geraucht hatten, war dieser Zusammenhang jedoch nicht nachweisbar. Nur bei Personen mit sehr hohem Cannabiskonsum wurde ein Trend zu einem erhöhten Risiko für Atherosklerose gefunden. Insgesamt hatte häufiger Cannabiskonsum einzig eine schwache Wirkung auf die Verkalkung von Baucharterien.

Verkalkung in Herz- und Baucharterien

Bereits in früheren Studien konnte gemäss den Forschern der Universität Bern gezeigt werden, dass Cannabis und Herzinfarkte keinen Zusammenhang haben. «Hingegen sehen wir deutlich die nachteiligen Effekte des Tabakkonsums – oder mit anderen Worten: Die Begleiteffekte, wenn Cannabis mit Tabak konsumiert wird, sind nicht zu unterschätzen», sagt Auer.

Der Freispruch für Cannabis, was Herzinfarkte betrifft, könnte leicht zur Verharmlosung des Rauschmittels führen. Generell gebe es einfach zu wenige wissenschaftliche Daten, um genau zu beurteilen, inwiefern Cannabis gesundheitliche Folgen habe, sagt Auer. Der Cannabiskonsum sei aber auf keinen Fall harmlos. «Er kann bei Jugendlichen zum Beispiel das Gedächtnis verschlechtern und hat psychosoziale Auswirkungen. Wir brauchen mehr unabhängige Daten, um die Bevölkerung besser über die Folgen des Cannabiskonsums zu ­informieren.»

Bruno Knellwolf


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