«… bin voll im Stress»

PHÄNOMEN ⋅ Wem immer man zuhört: Fast alle haben offenbar Stress. Warum? Was tun? Und stimmt es auch wirklich, oder reden wir bloss von Stress – so häufig, dass das Wörtchen Stress auch bereits wieder stresst?
16. Juli 2017, 08:46

Alexandra Fitz

Man mag es bald nicht mehr ­hören. Auch wenn man es selbst immer mal sagt. Wenn das Gegenüber von Überlastung spricht, denkt man nicht selten: Ja, ja, du hast einfach immer Stress. Man unterstellt: Du hast Minderwertigkeitskomplexe, daher tust du dich so hervor. Oder man kontert: Mir geht es genau gleich.

Stimmt das? Haben wir wirklich alle so viel zu tun? Druck auf der Arbeit? Chaos im Privat­leben? Schicksalsschläge noch und noch? Die Freundin, die seit Monaten auf Jobsuche ist, erklärt abends beim Glas Wein, dass sie im Stress ist. Die Bekannte, die seit Wochen im Ferienhaus verweilt und dort (freiwillig) die Wände streicht, sagt: «Es ist so stressig.» Das Gejammer prasselt unablässig auf einen ein, während man selber gerade Überstunden schiebt.

Statt etwas gegen den schleichenden Stressismus zu tun, ­lassen wir uns von den Wellen überfluten. Kommen wir zum Luftschnappen, fällt uns nichts Besseres ein, als vom Wasser, das uns um den Hals schwappt, zu berichten. Eine verzwickte Lage.

Stress als Lebensnotwendigkeit

Ja, heisst es bei «Stressperten» einstimmig, wir haben mehr Stress als früher. Aber nur negativ sollte man das nicht sehen.

«Stress ist ein Ungleichgewicht zwischen den Belastungen und den eigenen Möglichkeiten, sie zu bewältigen», sagt Patricia von Moos. Die Psychologin spricht von Reizüberflutung.

Dr. Stress – ja, sie nennt sich wirklich so – ist ebenfalls dieser Meinung. Unser Leben habe sich beschleunigt und verdichtet. Schuld sind Digitalisierung, Mobilität, Flexibilität und die ständige Erreichbarkeit. Das fordere uns stark, «und wer sich nicht ­abgrenzen und gezielt erholen kann, wird immer weniger belastbar», sagt Dr. Stress.

Hinter dem Pseudonym steckt Martina Schonert-Hirz. Die ­deutsche Ärztin lehrt Menschen in Vorträgen und Seminaren, mit Stress umzugehen. Dabei fallen Mantras wie: Lieben Sie Ihren Stress! Denn Dr. Stress ist überzeugt: Stress ist positiv. «Es ist die Fähigkeit unseres Gehirns, uns in Leistungsbereitschaft zu versetzen, wann immer es nötig ist. Das sei gut so und helfe uns, unser Leben zu bestehen.

Auch Nina Zumstein vom Verein Gesundheitsförderung Schweiz erklärt, dass kurzfristi-ger Stress zur Weiterentwicklung ­beitragen kann. Sie macht den Muskelvergleich. Einen Muskel muss man belasten, um ihn zu stärken. Meistern wir eine be- lastende Situation gut, haben wir Erfolg, das stellt uns zufrieden, wir vertrauen auf unsere Fähigkeiten. Stress gibt uns auch das Gefühl, wichtig zu sein, Dinge richtig zu machen. Positiv gestresste Menschen sind zu- friedener und lösen Aufgaben kreativer und fokussierter. In der Fachwelt spricht man von Eustress.

Negativer Stress macht krank

Das negative Stressgefühl nennt man Distress. Von Letzterem ist die Rede, wenn sich jemand dauerhaft und intensiv über­fordert fühlt. Dr. Stress: «Die ­negative, gereizte Stimmung nimmt dann überhand. Man motzt alle an und findet alle blöd. Man macht häufig Fehler, schläft schlecht, und die Konzentration wird schwächer.» Schliesslich kommt es zu gesundheitlichen Beschwerden bis hin zu psychischen Erkrankungen.

Doch selbst alltäglicher, «normaler» Stress kann uns belasten. Studien zeigen, dass uns alltägliche Ärgernisse (Zug verpasst, Knatsch mit Kollegen) das Leben schwermachen. Sie sollen gar schädlicher sein als grosse ­Lebensereignisse. Es ist diffuser Stress, der am Ende des Tages zu einem Berg anwachsen kann. Zu Hause angekommen, lässt sich eine konkrete Ursache für die Überforderung oft nicht mehr erklären.

Um mit Stress richtig umzugehen, sprechen die Experten von der Balance zwischen Anspannung und Entspannung. Patricia von Moos gibt an: «Unter Stress ist es wichtig, dass sich die Phasen der An- und der Entspannung regelmässig abwechseln.» Energiemanagement nennt man das. Bei allen Gesprächen mit den Stress-Experten fällt immer wieder das Wort «Ressourcen». Gleichzusetzen mit Schutzfaktoren. Um den Belastungen standzuhalten, müssen wir genügend Ressourcen parat haben.

Wir müssen flexibler sein

Diese Ressourcen kann angeblich jeder für sich aufbauen und stärken. Wenn sich schon in unserer Umwelt alles wandelt, müssen wir für Stabilität in unserem Inneren sorgen. Den völlig nervigen Chef kann man sowieso nicht gross beeinflussen, und wenn, benötigt man dafür viel Energie. Und die sollte man besser in sich selbst investieren. Wie das geht, weiss von Moos. Sie ist Resilienztrainerin. Resilienz ist gerade sehr «in Mode». Dabei geht es um unsere psychische Widerstandsfähigkeit.

Während der eine aufgrund einer kleinen Kritik völlig aus dem Gleichgewicht gerät, weiss der andere mit Herzinfarkt in der Familie oder einem Hausbau ­locker umzugehen. Warum ist das so, fragen wir Patricia von Moos. Ihre Antwort: 1. Charaktersache, die auch genetisch bedingt ist. 2. Elternhaus. 3. Lebenserfahrung, Kompetenzen und Strategien.

Zumindest bei Punkt 3 kann jeder ansetzen, um widerstandsfähiger und somit stresstoleranter zu werden. Wir können unser psychisches Immunsystem trainieren. Erst sich des Problems ­bewusst werden, dann gegensteuern. «Wir können lernen, uns selbst zu regulieren», sagt von Moos. Menschen, die das können, sind nicht härter, sondern flexibler.

Irgendwann glaubt es niemand mehr

Aber verwenden wir den Begriff «Stress» nicht doch inflationär? «Teilweise schon. Zeitdruck etwa wird oft mit Stress gleichgesetzt, obwohl kurzfristiger Zeitdruck noch lange nicht schädlich ist», sagt Nina Zumstein. Das merkt auch die Kollegin an: Wir sagen einfach immer, dass wir Stress haben. Aber eigentlich haben wir bloss viel zu tun, sind ausgelastet.

Wenn wir aber bei jedem Arbeitsaufwand, bei jeder For­de­rung das Unwort Stress in den Mund nehmen, glaubt uns irgendwann keiner mehr. Und das Schlimmste: Wird die Überlastung dauerhaft und selber gesteht man sich das nicht ein, merkt es auch sonst niemand.

«Wir reden heute mehr über Stress als früher. Das Thema ist salonfähig», erklärt Zumstein. Das sei sinnvoll, denn so könne man auf Signale achten – bei sich und bei anderen. Klar, gebe es Leute, die allein darauf zielen, Aufmerksamkeit zu bekommen und mit ihrer Verantwortung zu hausieren. Doch wenn jemand angestrengt wirkt oder wieder einmal sagt «ich bin im Stress», sollte man nicht antworten «boah, ich auch» oder «du bist doch immer im Stress». Sondern zuerst einmal fragen: «Was ist denn genau los? Wie kann ich dir helfen?» Dann merkt man, ob es Gestöhn oder tatsächlich ernst gemeint ist.


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