Grippewelle in der Schweiz: «Bisher haben wir Glück gehabt»

GRIPPEWELLE ⋅ Der Chefarzt der Infektiologie am Berner Inselspital schliesst nicht aus, dass sich in den kommenden Wochen ein aggressiverer Influenzatyp durchsetzt. Impfen sei auch jetzt noch sinnvoll.
13. Januar 2018, 09:11

Balz Bruder

Die Grippe kommt jedes Jahr. Doch sie ist nie die gleiche. Denn ihre Virenstämme variieren. Und das hat Auswirkungen auf die Art und Weise, wie die Grippe bei ihren Opfern wirkt. Vorläufiger Stand der Dinge: Die Grippe ist massiv auf dem Vormarsch – das Bundesamt für Gesundheit (BAG) leitete diese Woche aus dem Meldesystem der Ärzteschaft 331 Verdachtsfälle pro 100000 Einwohner ab. Die Tendenz ist in allen Regionen steigend. Die höchste Inzidenz weisen Kleinkinder auf.

Vor allem der Influenza-Typ B Yamagata ist hierzulande verbreitet. Und das ist ein Problem. Denn in der landläufigen Dreifachimpfung ist dieser Typ – im Gegensatz zur Vierfachimpfung – nicht enthalten. Das ist weder ein Fehler des BAG noch einer der Ärzte. Vielmehr ist die Welt­gesundheitsorganisation (WHO) bei der Algorithmen-gestützten Impfstoffentwicklung federführend. Dies, wenn es – Monate vor der Grippesaison – um die Festlegung jener Virenstämme geht, gegen die geimpft werden soll.

Keine Impfung bietet 100-prozentigen Schutz

Dass sich mit Yamagata ein Typ durchgesetzt hat, den die WHO nicht auf der Rechnung hatte, ist ärgerlich, aber nicht aussergewöhnlich. Keine Grippeimpfung bietet einen hundertprozentigen Schutz. Derzeit gehen gemäss BAG zwei Drittel der Grippe­symptome auf das Yamagata-Konto. Wobei Grippeviren des Typs B in der Regel zu weniger starken Symptomen führen als jene des Typs A. Gewitzigt aus den Erfahrungen dieser Saison, wird für die nächste geprüft, ob der Vierfachimpfstoff empfohlen werden soll. Dies, obwohl der ­Erfahrungshorizont mit diesem gegenüber der herkömmlichen Dreifachimpfung vergleichsweise bescheiden ist.

Dabei könnte die Grippe schon in dieser Saison noch heftiger zuschlagen: Hansjakob Furrer, Chefarzt und Direktor der Universitätsklinik Infektiologie am Inselspital Bern, macht auf den Typ A (H3N2) aufmerksam, der in der Schweiz bisher kaum gewütet, in Australien aber für zahlreiche und schwere Krankheitsverläufe gesorgt hat. «Bisher sind bei uns bloss rund 4 Prozent der Grippefälle auf diesen Typ zurückzuführen», sagt Professor Furrer, «das ist ebenso erstaunlich wie erfreulich.» Entwarnung geben kann der Infektiologe ­allerdings nicht: «Es ist offen, ob sich A(H3N2) nicht doch noch durchsetzen wird.» Jedenfalls sei nicht auszuschliessen, dass sich der Typ in einer zweiten Grippewelle manifestieren könnte. «Bisher haben wir Glück gehabt», ­bilanziert der Infektiologe.

Ist Impfen vor diesem Hintergrund zum heutigen Zeitpunkt noch sinnvoll? «Ja», sagt Furrer, mit Blick auf den Grippe-Höhepunkt, der in zwei bis vier ­Wochen erreicht sein dürfte. Insbesondere die Vierfachimpfung empfiehlt der Infektiologe aus ­Erfahrung am eigenen Spital – auch wenn sich der Stamm des gefährlichen Typs A(H3N2) auf seiner «Weltreise» verändert habe und die Impfung gegen diese Influenzaviren keinen grossen Schutz biete. Abgesehen davon, dass jeder Grippefall in Bezug auf seine Symptome individuell zu beurteilen sei: «Es kommt einerseits auf das Virus, andererseits auf den betroffenen Patienten und seine gesundheitliche Situation an.»

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