Wenn das Blut im Schuh dazugehört

TANZEN ⋅ Die Bühne und die Ballerina – um hohe Kunst zu zeigen, muss eine Tänzerin Schwerstarbeit leisten. Verletzungen und Schmerzen sind dabei beinahe unvermeidlich.
Aktualisiert: 
15.04.2018, 12:00
15. April 2018, 08:19

Lajos Schöne

Ballerinen strahlen in Tüll und Tutu Grazie und Eleganz aus, Ballerinos imponieren durch ihre geschmeidige und kraftvolle Männlichkeit. Doch wenn sich der Vorhang nach dem verdienten Applaus schliesst, erstirbt oft auch das professionelle Lächeln: Tänzer zahlen für ihre wundervolle Kunst immer häufiger mit starken und wiederkehrenden Schmerzen.

«Körperliche Beschwerden sind Teil der Berufsausubung», schreiben Lucia Baumgartner (Bern) und Karin Hostettler (Köniz) in ihrer Bachelorarbeit an ­ der Fachhochschule Nordwestschweiz, Hochschule für Angewandte Psychologie. Wegen ­Prellungen, Verrenkungen, Gelenk- und Muskelverletzungen oder auch wegen einer Über­beanspruchung, die zu Entzundungen fuhrt, müsse jede fünfte Tänzer- oder Tänzerinnen-Karriere beendet werden.

«Die Ausübung des Tanzberufes ist mit hohen physischen und psychischen Anforderungen verbunden», wissen auch die deutschen Autorinnen Jasmin Lampe von der HAWK Hochschule Hildesheim und Eileen M. Wanke von der Goethe-Universität Frankfurt am Main. «Die wachsende berufliche Belastung resultiert zum einen aus steigenden choreografischen Ansprüchen, welche die Beherrschung diverser Tanzrichtungen bis hin zu Akrobatik beinhalten, zum anderen aus Arbeitsmarktveränderungen im Tanzbereich, die durch Stellenabbau bei konstanten Vorstellungsanzahlen gekennzeichnet sind.»

Die gelernte Physiotherapeutin Jasmin Lampe hat für ihre Masterarbeit an der Hildesheimer Hochschule Freizeittänzer über ihre Schmerzerfahrungen befragt. Eileen M. Wanke ist Fachärztin für Plastische Chirurgie und Sportmedizin und Gründungsmitglied von «tamed», einer auch in der Schweiz tätigen Organisation für Tanzmedizin. Sie betreut als Ärztin professionelle Tänzer an verschiedenen Theatern Norddeutschlands. Lampe wie Wanke betonen: Professioneller Tanz sei mit Hochleistungssport gleich­zusetzen. Muskeln und Knochen von Tänzern würden täglich so stark belastet, dass das Berufs­leben ständig von Schmerzen begleitet sei. Doch sind Tänzer in erster Linie Künstler, in zweiter Sportler. Ihr Beruf erfordert Ausdauer, Selbstdisziplin und eine hohe Frustrationstoleranz. Ihr Arbeitspensum ist enorm, die Ausbildung lang und die Karriere extrem kurz.

Blaue Flecken durch den Tanzpartner

«Im professionellen Tanz bleibt innerhalb eines Jahres kaum ein Tänzer oder eine Tänzerin schmerzfrei», berichten Lampe und Wanke im Fachjournal «Zentralblatt für Arbeitsmedizin, Arbeitsschutz und Ergonomie». Als Folge der extremen Streckbewegungen, Hebungen und Sprungbelastungen sind unterer Rücken und Füsse besonders von Schmerzen betroffen.

Stauchungen, Zerrungen und Prellungen zählen bei beiden Geschlechtern zu den häufigsten Verletzungsarten, unabhängig von der Stilrichtung. Bei Tänzerinnen werden Prellungen häufig als Folge von Hebungen vom Partner durch Greifen oder Festhalten verursacht. Männliche Tänzer verletzen sich dagegen häufiger an Händen und Armen und an der Wirbelsäule.

Bei entsprechenden Befragungen gaben 60,3 Prozent der Tänzerinnen und Tänzer im klassischen Tanz mittlere bis starke Schmerzen an. Im zeitgenössischen Tanz (Modern und Contemporary Dance) waren es sogar 78 Prozent. Obwohl Schmerzen im professionellen Tanz nahezu unvermeidbar sind, gelten sie in der Tanzkultur immer noch als Tabuthema, ähnlich den Essstörungen: Die meisten Tänzerinnen und Tänzer neigen dazu, ihre quälenden Beschwerden zu ignorieren und zu bagatellisieren.

Glückshormone bei jeder Pirouette

Grund dafür könnten veränderte Schmerzwahrnehmungen sein, meinen Jasmin Lampe und Eileen M. Wanke. So ergab eine Untersuchung im Rahmen eines experimentell erzeugten Schmerzreizes bei professionellen Balletttänzern und Balletttänzerinnen eine signifikant höhere Schmerztoleranz gegenüber der Kontrollgruppe. Die Ursache vermuten die Expertinnen in der Produktion von Endorphinen. Wie bei jedem Sport werden beim Tanzen körpereigene Glückshormone ausgeschüttet.

Tanz ist mehr als nur Beruf. Ein Leben ohne Tanz ist für Tänzer meist kaum vorstellbar. Deshalb wird alles instinktiv gemieden, was den Tanz als Profession in Frage stellen könnte. Darunter fällt auch die medizinische Versorgung. Das erklärt die Neigung vieler Tänzerinnen und Tänzer, bei Schmerzen und Verletzungen auf ärztliche Behandlung zu verzichten und sich lieber selbst zu therapieren. Tatsache ist: Tänzer nehmen medizinische Hilfe – aus Angst vor schwerwiegenden Diagnosen – erst spät in Anspruch.

Für das Verdrängen von Schmerzen gibt es indes noch weitere Gründe: der Leistungsdruck durch Choreografen und durch Konkurrenz, ein Hang zu Selbstdisziplin und Perfektionismus oder das Streben, tänzerisch-­ästhetische Ideale zu erreichen.

Tänzer haben eine extrem lange Phase der Berufsausbildung, der eine verhältnismässig kurze Zeit der Berufs­ausübung gegenübersteht. Die Karriere im Bühnentanz endet in der Regel noch vor dem 40. Geburtstag. Mit Anfang dreissig gehören Tänzer vielfach bereits zu den Senioren. Die Sorge um die Karriere ist somit allgegenwärtig.

«Nebst Verletzungen oder Krankheit sind kurze Vertragszeiten, sehr hoher Leistungsdruck, Compagniewechsel und das Wissen um die kurze Berufsausübungszeit sehr hohe Stressfaktoren fur Tanzende», erläutern die Schweizerinnen Lucia Baumgartner und Karin Hostettler in ihrer Bachelorarbeit. «Konkurrenz, Übermudung, Druck bei Proben und Vorstellungen sind weitere Belastungen mit psychischen Folgen. 15 Prozent der Tanzenden konsumieren Antidepressiva und Beruhigungsmittel.»

Tänzerinnen und Tänzer neigen allerdings dazu, die gesundheitsbezogenen Vorschläge von medizinischem Fachpersonal zu ignorieren, betonen Jasmin Lampe und Eileen M. Wanke. Sie sind nicht bereit, ihre Tanztechnik langfristig zu verändern oder zur Abheilung ihrer Verletzungen Trainingspausen einzulegen. Sie fürchten ausserdem, in ihren existenziellen und künstlerischen Bedürfnissen missverstanden zu werden und so eine unangepasste Behandlung durch medizinisches Fachpersonal zu erfahren.

Der Körper als einziges Kapital

Abweichend von anderen Berufsgruppen gibt es für Tänzer keine Arbeitsmittel, die ihren Körper während der Arbeit unterstützen: Der eigene Körper stellt gleichsam Arbeitsmittel und einziges Kapital der Karriere dar. Die wichtigsten Hilfsmittel der Tänzer sind ihre Schuhe. So unterschiedlich die verschiedenen Tanzstile, so unterschiedlich sind auch die verwendeten Tanzschuhe. Tänzer des klassischen Balletts tragen Schläppchen und Spitzenschuhe. Der moderne Tanz findet oft barfuss oder in Socken statt. Im Jazz-Tanz wird vom bequemen Sneaker über leichte Jazz-Schuhe bis hin zu Pumps alles getragen, was Choreografie und Show verlangen.

In kaum einer anderen ­Sportart wird der Fuss so sehr ­belastet wie beim Tanz. Die Hälfte aller verletzungsbedingten Ausfälle haben ihre Ursache im Fussbereich. Maximale Beweglichkeit bis hin zu den kleinsten Fussgelenken, kaum Stabilisation und Stütze durch das Schuhwerk und oft harte, ungeeignete Böden sind einige der zahlreichen Ursachen für Verletzungen im Fussbereich. Trotz der im Tanz geforderten Extrem­bewegungen mit aussergewöhnlichen Belastungen des Fusses schützen Tanzschuhe meist nur wenig. Das ist eine der Ursachen für die vielen Verletzungen und Überlastungsschäden am Fuss und am oberen Sprunggelenk.

Blasen und Blutergüsse unter den Nägeln

Das Tragen von Spitzenschuhen erhöht das Risiko für die Entstehung akuter Verletzungen und chronischer Fehlbelastungen und Überlastungen. Haut und Nägel leiden: Es kommt zu Schwielen und Blasen. Fusspilz vermehrt sich durch Schweissbildung, unter den Zehennägeln bilden sich Blutergüsse. Viele Tänzerinnen werden von entzündlich veränderten eingewachsenen Zehennägeln geplagt.

Vor dem ersten Tragen müssen Spitzenschuhe personalisiert werden. Dazu gehören das Vorbiegen der Sohlen, das Annähen von Satinbändern sowie das Weichklopfen zu harter Stellen der Zehenbox, je nach Bedürfnis. Diese Präparation kann bis zu einer Stunde pro Schuh dauern und wird durch die Tänzerinnen selbst durchgeführt. Der durchschnittliche Spitzenschuhverbrauch liegt bei vier Paar pro Woche. Eine zeitaufwändige Arbeit im Leben jeder Tänzerin.

Die Haltbarkeitsdauer von Spitzenschuhen ist kurz: Es ist nicht ungewöhnlich, dass Solistinnen mehr als ein Paar Spitzenschuhe pro Vorstellung durchtanzen. Die Ballettkompanie im Londoner Royal Opera House Covent Garden verbraucht jedes Jahr je nach Spielplan zwischen 6000 und 12 000 Paar Spitzenschuhe. Für die 27 Vorstellungen des Balletts «Der Nussknacker» werden über 1000 Paar Schuhe benötigt.


Anzeige: