Bordellkönig freigesprochen

TESSIN ⋅ Der Ex-Gerant des bekanntesten Puffs von Lugano musste sich vor dem Strafgericht wegen Förderung der Prostitution und Wuchers verantworten. Die Anklage scheiterte vollständig.
10. Februar 2018, 11:40

Gerhard Lob, Lugano

Bar Oceano. Dieser Name ist im Tessin bestens bekannt. Nachts leuchtet der Wohnblock rot getüncht an der Autobahnausfahrt Lugano Süd. Seit Jahren wird hier das horizontale Gewerbe praktiziert. Doch geht alles mit rechten Dingen zu? Das war die grosse Frage, die gestern im Strafgericht von Lugano debattiert wurde. Der ehemalige Gerant, Ulisee ­Albertalli (68), musste sich gemeinsam mit seiner 47-jährigen Tochter wegen Wuchers und Förderung der Prostitution verantworten. Albertalli hatte über Jahre das Grossbordell gemanagt, seine Tochter die Bar betrieben.

Für Generalstaatsanwalt John Noseda lag Wucher vor, weil die über der Kontaktbar gelegenen Zimmer im fraglichen Zeitraum zwischen 2010 und 2012 für 160 bis 180 Franken pro Nacht an ­junge Prostituierte vermietet wurden. Im Mittel waren 45 Frauen im Haus. Das machte pro Monat einen Mietzinsertrag von 4800 bis 5400 Franken pro Zimmer. Laut Anklage war dieser Preis zu hoch, zudem wurde die Bedürftigkeit der Frauen ausgenutzt. 90 Prozent der Damen kamen aus Rumänien.

Albertalli sprach von üblichen Ansätzen, die auch Spesen für ­Sicherheit, Bettwäsche, TV und Putzdienste beinhalteten. «Ich habe das Haus wie ein Hotel geführt – als Bordellbetreiber, nicht als Zuhälter – und nie ein Mädchen angefasst», so der beschuldigte Ex-Manager, der heute von einer kleinen Rente lebt. Im Milieu war er bekannt, weil er einst das Bordell Gabbiano in Lugano ­führte, das Giuliano Bignasca, dem Gründer der Lega dei Ticinesi, gehörte.

Keine Beweise für Druck auf Prostituierte

Während der Staatsanwalt mindestens zwei Jahre Haft ver­langte, davon 6 Monate unbedingt, plädierte der Verteidiger auf Freispruch. Und kam damit auf der ganzen Linie durch. Denn für das Gericht gab es keinerlei Beweise, dass Druck auf die Prosti­tuierten ausgeübt wurde. Für die hohen Sicherheitsvorkehrungen seien sie bereit gewesen, diese Preise zu bezahlen. Alle seien regulär angemeldet gewesen und hätten aus freien Stücken entschieden, dort zu arbeiten.

Fraglos hat die Verhandlung ­aufgezeigt, welche hübschen Summen sich in diesem Gewerbe verdienen lassen. Albertalli erhielt ein Salär von mindestens 10 000 Franken monatlich oder 25 Prozent des Umsatzes. «Manchmal konnten es auch 20 000 oder 25 000 Franken sein», sagte er. Der Eigentümer des Wohnblocks erhielt den Rest.

Mit John Noseda vertrat der Tessiner Generalstaatsanwalt höchstpersönlich die Anklage. Und dies nicht zufällig. Denn er hatte sich vor einigen Jahren zum Ziel gesetzt, gegen illegale Machenschaften im Gewerbe radi­kal vorzugehen, auch wenn er – wie sich jetzt zeigt – manchmal über das Ziel hinausschoss. Das grosse Aufräumen im Tessiner Sexmilieu fand im Jahr 2012 statt.

Damals lancierten die Ermittlungsbehörden die Operation Domino. Etliche Lokale wurden geschlossen und Strafverfahren eröffnet. Zählte man vor dieser Aktion rund 600 Prostituierte und 35 Etablissements, so sind es mittlerweile nur noch 320 Frauen und 7 Bordelle. Wegen der vielen Kunden aus dem benachbarten Italien ist das Tessin auch als «Bordell der Lombardei» bekannt. In Italien findet die Prostitution auf der Strasse statt, Bordelle sind verboten.

Im Nachgang der Operation Domino hat der Kanton Tessin sein Prostitutionsgesetz revidiert, um Prostituierte besser zu schützen und das Gewerbe klarer zu ­regeln. Das Gesetz gilt seit Januar und beinhaltet auch einen Artikel gegen Menschenhandel.

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