Bostons Held wider Willen

KINO ⋅ In «Stronger» spielt Jake Gyllenhaal den Mann, der beim Attentat auf den Boston Marathon beide Beine verloren hat. Ein Film, an dem Gyllenhaal viel gelegen ist. Und das nicht nur, weil er als Produzent mitwirkte.
17. April 2018, 08:16

In «Stronger» spielt der 37-jährige Hollywoodstar Jake Gyllenhaal («Brokeback Mountain», «Nightcrawler») zum ersten Mal eine reale, noch lebende Person: Jeff Bauman hat beim Bombenattentat auf den Boston Marathon im April 2013 beide Beine verloren. «Stronger» erzählt die Geschichte eines einfachen ­Mannes, der seine Freundin Erin zurückgewinnen wollte. Doch Boston brauchte nach dem ­Anschlag einen Helden. Mit ­Bauman, dessen Foto um die Welt ging, war er gefunden.

Jake Gyllenhaal, mit Tatiana Maslany, die Ihre Freundin spielt, und Miranda Richardson als Mutter haben Sie in «Stronger» tolle Frauen an Ihrer Seite.

In der Tat, besonders mit Tatiana. Jeff und Erin sind zusammen durch eine sehr schwierige Zeit gegangen. Und ich denke, Erin war enorm wichtig für sein Überleben. Wir beide sahen und wussten das und fühlten eine riesige Verantwortung Erin und Jeff gegenüber, ihre Geschichte ehrlich und menschlich zu erzählen. Aber auch nicht vor Dingen zurückzuscheuen, die wirklich passiert sind. Tatiana und Miranda sind aussergewöhnliche Schauspielerinnen, unerschrocken und authentisch. In diesem Business sagt das etwas aus über ihre Stärke, insbesondere bei Frauen. ­Tatiana ist nicht furchtlos, aber extrem mutig.

Sehen Sie sich selbst nicht als mutig?

Doch, in gewisser Weise schon. Aber es ist nicht vergleichbar mit dem, was Jeff Baumann durchgemacht hat. Meine Rollen ermöglichen mir, emotional an Orte vorzudringen, die mir Angst machen. Dementsprechend wähle ich meine Filme aus. Aber «mutig» ist nicht das erste Adjektiv, das ich verwenden würde, um mich zu beschreiben.

Welches würde passen?

(Lacht) Eins wird wohl nicht ­genügen. Ach herrje. (Überlegt lange) In Bezug auf diese Rolle würde ich sagen «hingebungsvoll». Ich musste Jeffs Geschichte einfach richtig erzählen. Dass er den Film mag und ihn für aufrichtig hält, war das Einzige, was für mich zählte.

Wie war es, einen lustigen Kerl wie Jeff zu spielen? Ihre Figuren sind sonst eher ernst.

Was ich an meiner Figur am liebsten mag, ist, dass sie trotz unüberwindbarer Schwierigkeiten ihren Humor nicht verliert. Das ist eine wunderbare Lektion, nicht nur für mich.

Sie sagten einmal: «Ich bewundere Schauspieler und Künstler, die ihrem Leben genauso viel Zeit widmen wie ihrer Arbeit.» Wie sieht es damit aus?

Im Moment steht’s nicht zum Besten mit meiner Work-Life-­Balance (lacht). Was ich damit meinte, ist, dass ich Leute bewundere, die in neue Sphären vordringen. Ich möchte mehr Zeit in mein Leben stecken, habe aber auch gemerkt, dass die ­Arbeit für mich ein wesentlicher Teil davon ist. Man muss hart arbeiten in diesem Geschäft, wissen Sie, aber ich mache das mit Hingabe und grosser Dankbarkeit. Das hat mich meine Familie gelehrt. Was auch immer sie tun oder getan haben – meine Grossmutter war Chirurgin, mein Grossvater Arzt –, alle haben sie immer hart gearbeitet. Diese Arbeitsmoral ist mir sehr wichtig.

Jake Gyllenhaal spricht lieber über die Leistungen anderer als über sich selbst. Man spürt die Verantwortung, die als Produzent und Hauptdarsteller auf seinen Schultern lastet. Jeff Bauman, Boston, ja ganz Amerika gegenüber. Bauman gefiel es nicht, zum Helden stilisiert zu werden – das zeigt «Stronger» ungeschönt. Schwierige Situationen werden nicht ausgespart, auch wenn die Kamera nie lange drauf bleibt. Und doch ist es ein Heldenepos. Die Story eines Kämpfers für sich und für andere, der über sich ­hinauswächst und die Terroristen nicht gewinnen lässt. Aber auch eine wundervolle Geschichte über Liebe, Freundschaft und ­Familie.

 

Interview: Regina Grüter


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