Bummeln unter Palmen

COSTA BLANCA ⋅ Lange stand Alicante im Schatten von Valencia, der berühmten ­Schwester zwei Autostunden nördlich. Inzwischen hat sich die Stadt zu einer eigenständigen Destination entwickelt.
08. Oktober 2017, 09:29

Angela Allemann

Aussichten und Ausblicke sind etwas vom Schönsten, wenn man eine bis anhin unbekannte Stadt bereist; sie schaffen Überblick und Orientierung. So auch in Alicante, wenn man auf dem Monte Benacantil am Ostrand der Altstadt steht, mitten im Castillo de Santa Bárbara. Die maurische Burg wurde in ihrer heutigen Form im 16. Jahrhundert unter König Philipp II. errichtet. Von hier oben, in luftiger Höhe von knapp 200 Metern, hat man einen grandiosen Blick über die Stadt, ihre Aufteilung in Alt und Neu, den Yachthafen und das Meer. Ein Lift führt in einer knappen Minute nach oben. Wieder unten, will man die verwinkelten Gassen der Altstadt entdecken, im Barrio de la Cruz. Man isst und trinkt hier an weissgedeckten Tischen zu fast jeder Tageszeit, am liebsten Pinchos und Tapas, jene feinen Häppchen. Brunnen plätschern, Katzen streunen umher, Händler preisen Nougat und Schnäpse an, und hier kann es auch bis in alle Nacht hoch zu- und hergehen.

Geschäftiger Höhepunkt am Vormittag nördlich vom Centro ist der im Jugendstil erbaute Mercado Central, gross, blitzblank und dreistöckig. Frische Fische finden im Untergeschoss den grössten Zuspruch, vor allem Meeresfrüchte, von denen viele Binnenländler noch nie gehört haben. Vor dem Markt ergiesst sich dekorativ eine Orgie von Blumen über den Asphalt. Ebenso ein Fest für die Sinne ist das Freudenfest des heiligen Johannes, Hogueras de San Juan, das alljährlich vom 20. bis 24. Juni stattfindet. Kunstvoll gefertigte Pappmaché-Figuren (Ninots), die mit satirischem und politischem Hintersinn gefertigt wurden, werden in den Strassen von Alicante aufgebaut, bewundert, aber auch belächelt, begleitet von viel Tanz, Allotria und den Königinnen der Fiestas. In der Nacht vom 24. auf den 25. Juni schliesslich geht in einem riesigen Feuerwerk die ganze Pracht in Flammen auf. Und wie ein Wunder werden jedes Jahr ein paar Figuren gerettet, die dann im Museum Hogueras de Sant Joan landen. Zum Glück; es ist bereits eine schöne Sammlung vorhanden und ein guter Ersatz, wenn man an diesem spektakulären Sonnenwendefest nicht teilnehmen kann.

Zudem locken andere Museen in der Stadt, jenes für Zeitgenössische Kunst (MACA) in einem alten Kornspeicher, das für Schöne Kunst Gravina (MUBAG) sowie das Archäologische Museum der Provinz Alicante (MARQ). Das sind nur die wichtigsten, werden doch auch Weihnachtskrippen, Stierkämpfe und Zigarren stilvoll in Szene gesetzt. Kunstsin­niges setzt sich an der Explanada de ­España fort, der berühmten Meeres­promenade. Sie liegt über der ehemaligen Hafenmole und bietet Bummeln unter Palmen. Die Explanada entstand 1867 nach den Plänen des Stadtarchitekten Jose Guardiola Pico. Seither strahlt der wellenförmig angelegte Marmorboden dreifarbig: rot für Alicante, weiss für Elfenbein und schwarz für Marmor. Sechs Millionen und 600 000 Bausteine, jeder 4x4 cm gross, wurden damals gelegt.

Schweden und Norweger interessieren sich für Regatta

Alicantiner lieben ihre Promenade, denn an den Kiosken gibt’s die beste Glace der Stadt, und wie in jeder südlichen Stadt mag man das Spiel vom Schauen, Handeln und Vergleichen. Gleich hinter der Altstadt befindet sich das elegante Rathaus und die Kathedrale San Nikolas de Bari. Die Stadt wirkt gepflegt und unaufgeregt charmant. «Alicante hat seit gut einem Jahrzehnt einen enormen Aufschwung erlebt», sagt Raquel Hernández Carbonett, Tourismusverantwortliche für Alicante. Die spanische Billig-Airline Vueling habe seit 2004 ihren Teil dazu beigetragen, ebenso die Regatta Volvo Ocean Race, die «längste und härteste» laut Eigenwerbung. Von hier aus geht’s am 22. Oktober zum vierten Mal los und endet nach elf Stopps durch die mehrheitlich südlichen Ozeane am 30. Juni 2018 in Den Haag. Volvo hat sich im Hafen von Alicante ein interaktives Museum errichtet, das nicht nur für Segler interessant ist. Schweden und Norweger liegen denn auch an der Spitze der Besucher. Zahlreiche Kreuzfahrtschiffe gehen hier vor Anker. Wenn vier Traumschiffe an einem Tag im Hafen liegen und sich Hunderte oder gar Tausende Passagiere über die eigentlich recht kleine Altstadt ergiessen, kann es eng werden. Obwohl Alicante einen eigenen Stadtstrand hat, zieht es die meisten auch an die Badeorte der Costa Blanca. Nach Altea zum Beispiel, keine Stunde von Alicante entfernt. Ein Ort wie aus dem Bilderbuch: weissgekalkte Häuser, blaugestrichene Fensterläden, rosarote Bougainvilleas. Die malerische Pracht liegt auf einem Hügel, auf dem die Pfarrkirche Nuestra Señora del Consuelo mit einem blauen Kuppeldach thront. Schmale Treppengassen sorgen für ein ständiges Auf und Ab. In winzigen Häuschen mit schmiedeeisernen Balkonen verstecken sich Kunstgalerien und Läden mit erlesenem Kunsthandwerk. Die Strände erstrecken sich über einen acht Kilometer langen Küstenabschnitt, sind allerdings teilweise mit faustgrossen Kieselsteinen bedeckt. Dafür lädt eine schöne Uferpromenade am Ort zum Flanieren ein.

Bars ohne Stylinganspruch in Benidorm

Ganz anders Benidorm, das für Massentourismus steht. 300 Wolkenkratzer beherbergen Apartments und Hotels, die an die 60 000 Feriengäste aufnehmen können. Wahrzeichen ist der 185 Meter hohe Hotelturm des Gran Hotel Bali, mit 776 Zimmern und 52 Stockwerken das höchste Hotel Europas. Inmitten des Trubels verblüfft die gut erhaltene Altstadt auf der felsigen Landzunge zwischen den beiden Stränden Playa de Levante und Playa de Poniente. Diese mit der grossen Kelle angerichtete Entwicklung war vom damaligen Bürgermeister, Pedro Zaragoza Orts, schon in den Fünfziger- und Sechzigerjahren geplant und gewollt. Und einheimische Gäste, solche aus Grossbritannien und Deutschland finden hier immer noch ein grosses Freizeitangebot mit Tanztees, Bridgeabenden, Bars ohne Stylinganspruch; der Liter Sangria für fünf Euros lässt Studentenaugen leuchten.

Wo die Küste noch ­ursprünglich ist

Oft noch ursprünglich präsentiert sich die Costa Blanca in der Umgebung von Calpe, ein paar Kilometer weiter nördlich. Der markante 332 Meter hohe Felsen Penyal d’lfac, Wahrzeichen der Gegend, wurde 1987 zum Naturpark erklärt. 80 nistende Vogelarten teilen sich den Felsen mit ein paar wenigen tüchtigen Wanderern. Doch spannend wird’s im Hafen jeden Werktag, wenn in der Fischauktions­halle der Fang der calpinischen Fischer versteigert wird. Kein Wunder, gibts an der Mole ein paar nette Restaurants, die Fisch und Paella anbieten. Die Warteschlangen sind beträchtlich. Auch das bergige Hinterland hat seinen Reiz. Jeden Samstagmorgen ist in Jalón, das auf Valancianisch Xaló heisst, Flohmarkt. Doch wenn im Frühjahr Xalónia angesagt ist, weitet sich der Flohmarkt zum Volksfest mit Tanz und folkloristischen Darbietungen aus. Bauern tischen auf, was Feld, Garten und Stall hergeben. Wurstspezialitäten gibt’s in vielen Varianten, und ein Besuch bei den Weinhändlern der Kooperative Bodegas Xaló ist ein Muss. Schon seit Jahrhunderten werden im Tal von Xaló Trauben angebaut; neben Rot- und Weisswein werden Muskateller, Mistelas, ein süsser Dessertwein, Wermut, Liköre und Cavas angeboten.

Dazwischen ruhen hoch am Berg schmucke Dörfer. Polop, am Rande der Sierra de Aitana, ist besonders attraktiv. Gassen mit weiss getünchten Häusern und üppigem Blumenschmuck charakterisieren die ruhige Altstadt. Hier hat der spanische Schriftsteller Gabriel Miró (1879–1930), bekannt geworden durch seine poetischen Romane, ein paar Jahre verbracht. Sein damaliges Wohnhaus ist heute ein kleines Museum. Und gleich um die Ecke plätschert der originelle Brunnen Fonts dels Xorrets, der einer landwirtschaftlichen Kooperative als Bewässerungsanlage dient. Munter sprudelt es aus 221 bronzenen Löwenköpfen in einen hufeisenförmig um einen Platz verlaufenen Kanal. Davor eine Bank, auf der man gern dem Rauschen des Wassers lauscht. Was für eine Idylle.


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