Der beste Tausch der Musikgeschichte

PAUL MCCARTNEY WIRD 75 ⋅ Einst galt er als braves Gegenstück zum rebellischen John Lennon. Doch längst kennt man den Ex-Beatle auch noch von ganz anderen Seiten. Am Sonntag feiert Paul McCartney 75. Geburtstag.
17. Juni 2017, 05:00

Eine Trompete: Eine solche erhielt Paul McCartney zum 13. Geburtstag von seinem Vater geschenkt. Nichts gegen Trompeten, Gott bewahre: Louis Armstrong, Dizzy Gillespie, Miles Davis ... Und doch wagt man kaum daran zu denken, was passiert wäre, hätte der junge Paul brav Trompete geblasen und diese nicht bald gegen eine Gitarre eingetauscht. Oder was nicht passiert wäre ... Vielleicht wäre er dennoch im Juli 1957 auf einem Gartenfest einem gewissen John Lennon begegnet, doch der hätte ihn kaum in seine Schülerband geholt. Und die Beatles hätte es dann nie gegeben – ein Albtraum.

Aber es lief ja anders, und Paul McCartney wurde zum musikalischen Co-Kopf der berühmtesten Popband der Welt. Noch heute ist er der erfolgreichste Komponist aller Zeiten, zusammen mit den Beatles hat er mehr Platten verkauft als irgendwer sonst.

Lange war sein Image klar: Er war das rehäugige, brave Gegenstück zu John Lennon, er war der Romantiker, der Autor einiger der schönsten Popballaden. Ob er gerade deshalb im neusten «Fluch der Karibik»-­Kinofilm als schmuddeliger Piratenonkel auftritt? Doch die letzten Jahrzehnte inklusive einer auch nach den Beatles erfolgreichen Musikkarriere haben ihn ohnehin als vielseitigere Persönlichkeit gezeigt.

Dies belegt auch eine neue Biografie. Knapp 1000 eng bedruckte Seiten wusste der englische Musikjournalist Philip Norman, der auch schon Grössen wie John Lennon, Mick Jagger oder Elton John in Buchform porträtiert hat, über McCartney zu schreiben. Eine Fundgrube, die unter anderem zeigt, dass McCartney durchaus auch seine Phasen von Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll hatte. Im komplexen Verhältnis zu John Lennon war McCartney keinesfalls der harmlose Teil. Auch später pendeln seine Facetten zwischen genialem Künstler und gewieftem Geschäftsmann, Charmeur und pingeligem Perfektionisten, Familienvater und Frauenheld.

Apropos Frauen: Seine grosse Liebe war die New Yorker Fotografin Linda Eastman, mit der er drei Kinder hat und die 1998 an Krebs starb. In einen Scheidungskrieg, der ihn umgerechnet 35 Millionen Franken kostete, mündete seine Ehe mit Ex-Model Heather Mills. Heute ist er mit einer Frau verheiratet, die selber einen Haufen Geld besitzt: mit der US-Unternehmerin Nancy Shevell.

Eine der schönsten Storys seines Lebens indes dreht sich um einen Song: Mit 14 Jahren hatte Paul seine Mutter verloren. Zehn Jahre später, so berichtete er einst, sei sie ihm im Traum erschienen und habe gesagt: «Es wird alles gut, nur ruhig, lass es gut sein.» Dies inspirierte ihn zur letzten Beatles-Single, dem Jahrhundertsong «Let It Be». Ob er es mit 75 nun sein lässt? Denkste! Nächsten Monat startet seine neue USA-Tournee.

 

Arno Renggli


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