Der Duft von Blumen und Kräutern

HOCHFEST ⋅ Am Dienstag feiern die Katholiken «Mariä Himmelfahrt». Obschon das Fest eines der bedeutendsten im Kirchenjahr ist, steht in der Bibel nichts davon. Auch gilt das Ereignis erst seit 1950 als Glaubenssatz.
11. August 2017, 08:25

Andreas Faessler

andreas.faessler@zugerzeitung.ch

Wir kennen den 15. August generell als das Hochfest «Mariä Himmelfahrt», wobei dies – will man es ganz genau nehmen – inhaltlich nicht die zutreffende Formulierung ist. Von einer («aktiven») Fahrt in den Himmel wird nur bei Jesus Christus gesprochen, der zu seinem Vater in den Himmel heimkehrt, von wo er gekommen ist. Was später folgt, ist die Aufnahme seiner Mutter Maria mit Leib und Seele in den Himmel, wo wir bei der eigentlichen Bezeichnung des Festes, das die katholische Kirche am kommenden Dienstag begeht, sind: Mariae Aufnahme in den Himmel.

In Maria soll sich der Mensch widerspiegeln, heisst, wenn der Mensch es ihr gleichtut und in enger Beziehung zu Gottes Sohn und somit zu Gott steht, so wird dem Menschen dereinst dasselbe zuteil – die Heimkehr in den Himmel. So die Interpretation der katholischen Kirche, und ergo ist die Aufnahme Mariens in den Himmel eines der höchsten Feste im Jahr – von dem in der Bibel allerdings keine konkrete Rede ist.

Von Engeln emporgetragen

Den Ursprüngen des bedeutenden kirchlichen Festes liegt eine – freilich variierende – Überlieferung zugrunde, die berichtet, wie die nach Jesu Tod in alle Himmelsrichtungen verstreuten Apostel an Marias Sterbebett nach Jerusalem gekommen sind, um ihr die letzte Ehre zu erweisen. Nach ihrem Hinscheiden legten die Apostel Marias Leichnam in eine Felsengruft in Gethsemane am Ölberg. Drei Tage vergingen, als der Apostel Thomas ans Grab kam und die Tote noch einmal zu sehen wünschte. Als die Gruft geöffnet wurde, fanden die Männer keinen Leichnam vor, sondern lediglich die Leichentücher – und eine Vielzahl an Blumen und Heilkräutern. Die ganze Höhle war erfüllt von einem himmlischen Duft. Die Muttergottes war nach dem Ruf Jesu in den Himmel heimgekehrt, wobei ihr toter Körper wieder von Leben erfüllt war. So zeigen zahlreiche kirchliche Darstellungen dieses Ereignis – von Engeln wird Maria auf einem Wolkenbett emporgetragen.

Das jüngste Dogma

Die Ostkirche feierte bereits seit dem 4. Jahrhundert das Fest von Mariae Aufnahme in den Himmel. Vermutlich war es der oströmische Kaiser Mauritius (539–602), der das Fest – man sprach je nach Teilkirche von der «Entschlafung Mariens» – auch im Westen einführte und den Termin auf den 15. August ansetzte. Der Feiertag wurde zum festen Bestandteil des Kirchenjahres. Und angesichts seiner Bedeutung ist es bemerkenswert, dass Ma­riae (leibliche) Aufnahme in den Himmel erst im Jahre 1950 durch Papst Pius XII. zur kirchlichen Glaubenswahrheit, zum Dogma erhoben wurde – dafür mit einem bombastischen Zeremoniell im Vatikan. Die reformierte Kirche stand dieser Dogmatisierung sehr kritisch gegenüber, wo nun ein Ereignis zur göttlichen Offenbarung erklärt wird, welches nicht in der Heiligen Schrift ausdrücklich festgehalten ist.

Brauchtum und Patrozinien

Die grosse Bedeutung dieses katholischen Hochfestes schlägt sich vor allem im Volksbrauchtum nieder, welches sich schon sehr früh gebildet hat. So steht der 15. August vor allem in stark katholisch geprägten Gegenden ganz im Zeichen üppiger Blumenpracht. Ob dies bezugnehmend auf die weiter oben geschilderte Legende oder doch eher hinsichtlich des Blütenreichtums im August bedingt ist – Maria als «Blume der Wiesen und Lilie der Täler» –, bleibt ungewiss. Jedenfalls werden vielerorts Blumensträusse in allen Farben gebunden, sie schmücken das Heim, Kirchen und Prozessionen. Es ist auch das Fest der Kräuterweihe – spätestens seit dem 10. Jahrhundert. Auch das Würzweihe-Fest ist im Zusammenhang mit «Mariä Himmelfahrt» verbürgt, im Tirol kennt man die folkloristische Bezeichnung «Büschelfrauentag». Die auf dem Altar gesegneten Blumen- und Kräuterbüschel sollen allerlei Unheil fernhalten.

Ebenso Zeugnis von der Bedeutung des Ereignisses legt das weit verbreitete Patrozinium ab: Eine Vielzahl an Kirchengebäuden – vor allem im Alpenraum – sind der Himmelfahrt Mariens geweiht. Einige von ihnen zählen gar zu den prächtigsten Gotteshäusern weit und breit. Hervorzuheben sind unter anderem die Klosterkirchen zu Fürstenfeld, Reichenbach, Dietramszell und Ettal, die Domkirchen zu St. Pölten und Brixen sowie das Marienmünster in Diessen oder die Dillinger Studienkirche.


Leserkommentare

Anzeige: