Kopf des Tages

Der eigenwillige Star

FILMDIVA ⋅ Die italienische Schauspielerin Claudia Cardinale ist 80 Jahre alt. Sie spielte in über 170 Filmen mit und steht heute noch auf der Theaterbühne.
16. April 2018, 05:03

Es gibt Schauspielerinnen, vor allem amerikanische, die dank den Errungenschaften der plastischen Chirurgie mit achtzig Jahren immer noch wie fünfzig aussehen. Claudia Cardinale sieht man ihr Alter an – und sie findet das in Ordnung: «In meinem ganzen Leben habe ich nie ein Lifting gemacht, das hat mich nicht interessiert. Die Zeit vergeht, es ist absurd, zu denken, dass man sie aufhalten kann», betonte die Diva schon vor einem Jahr. Sie habe keine Angst vor dem Altern und auch keine Angst vor dem Tod. Ihr 80. Geburtstag sei ihr schlicht «egal», sagte sie in einem Interview mit der Nachrichtenagentur AFP.

Claudia Cardinale war am 15. April 1938 in Tunesien geboren worden, als Tochter eines Sizilianers und einer Französin. Sie habe eigentlich nicht Schauspielerin werden wollen, sondern Lehrerin oder Naturforscherin, schreibt Cardinale in ihrer Autobiografie «Das Paradies». Doch dann wurde sie mit 17 Jahren bei einem Schönheitswettbewerb zur «schönsten Italienerin in Tunis» gewählt und gewann eine Reise zum Film­festival in Venedig. Kurz darauf hatte sie ihre erste Rolle – in dem Film «I soliti ignoti» von Mario Monicelli.

Es war der Beginn einer grossen Karriere – zusammen mit Sofia Loren, Brigitte Bardot und Catherine Deneuve zählte sie zu den schönsten Frauen ihrer Zeit. Claudia Cardinale spielte unter anderem in Filmen von Luchino Visconti, Federico Fellini und Sergio Leone. Insgesamt spielte sie in über 170 Filmen mit – zu ihren Filmpartnern (und Verehrern) zählten unter vielen anderen Marcello Mastroianni, Alain Delon und Jean-Paul-­Belmondo.

Auch als Star ist Claudia Cardinale immer unangepasst und eigenwillig geblieben; sie en­gagierte sich früh für Frauenrechte, gegen die Todesstrafe, für die hungernden Kinder in Kambodscha und für den Kampf gegen Aids. Als der US-Schauspieler Rock Hudson wegen seiner Homosexualität in Hollywood keine Rollen mehr bekam, täuschte sie mit ihm für längere Zeit eine Liebesbeziehung vor. Ihre grosse und einzige Liebe sei aber der italienische Regisseur Pasquale Squitieri gewesen, ein überzeugter Kommunist, der sich aktiv in der Politik betätigt hatte, sagt Cardinale. Mit dem vor einem Jahr verstorbenen Squitieri lebte sie 27 Jahre lang zusammen; das Paar hatte eine Tochter, Claudia.

Bereits mit 18 Jahren hatte die Schauspielerin schon einmal einen Sohn zur Welt gebracht – nachdem sie in Tunesien von einem älteren Mann vergewaltigt worden war. Sie hatte sich geweigert, ihr Kind abzutreiben, und reiste zur Entbindung heimlich nach London. Ihren Sohn gab sie in die Obhut ihrer Familie – und Patrick wurde in der Folge jahrelang als ihr jüngerer Bruder ausgegeben. «Die Vergewaltigung war grauenhaft – aber aus der Gewalt ist mein wunderbarer Patrick geboren», sagte Claudia Cardinale in einem Interview.

Ihren 80. Geburtstag feierte die Schauspielerin gestern auf der Bühne des Augusteo-Theaters in Neapel. Sie spielt in der Komödie «Ein seltsames Paar» – einer italienischen Adaption des gleichnamigen Stücks von Neil Simon.

Dominik Straub, Rom


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