Restaurierung Berner Münster: Der «Himmlische Hof» ist jetzt ganz nahe

BERN ⋅ Die Restaurierung des Chorgewölbes im Berner Münster ist nach zwei Jahren vollendet. Sie diente einem einzigartigen religiösen Werk: dem Himmlischen Hof. Nun kann dieser besichtigt werden, auch digital.
02. Dezember 2017, 05:00

1517, vor genau 500 Jahren, erhält das Berner Münster einen Himmlischen Hof. Es ist ein neues Kreuzrippengewölbe im Chor des Berner Münsters. Eine dreidimensionale Figur schmückt als Schlussstein jeden Knoten des Gewölbes. 86 Figuren sind es insgesamt. Vier Münsterbaumeister bewachen den Chorbogen im Westen. Eine Taube, Sinnbild des Heiligen Geistes, sitzt als Schlussstein ganz im Osten des Chores. Dazwischen entfaltet der Himmlische Hof seine Herrschaft: Gottvater, Jesus, die heilige Mutter Maria, die Apostel, die Heiligen und Nothelfer vorreformatorischer Zeit.

Der Berner Niklaus Manuel (1484–1530) gilt neben Hans Holbein d. J. als bedeutendster Vertreter der Renaissancemalerei in der Schweiz. Albrecht Dürer und Hans Baldung waren seine künstlerischen Vorbilder. Er schuf Altarbilder, Porträts, Entwürfe für Goldschmiedearbeiten und Glasfenster, auch einen Totentanz, der später zerstört wurde.

1516 nahm er als Söldner in französischen Diensten am Mailänderfeldzug teil. Nach Bern ­zurückgekehrt, beteiligte sich ­Niklaus Manuel als Künstler am Himmlischen Hof im Berner Münster. Er malte schwarze Arabesken (Mauresken) in die weissen Gewölbekappen – freihändig, ohne Vorzeichnungen, ohne Schablonen. Zur selben Zeit arbeitete Niklaus Manuel auch am Berner Totentanz.

Niklaus Manuel Deutsch: Künstler, Soldat, Reformator

1517, im Jahre der Vollendung des Himmlischen Hofes begann die Reformation – auch in Bern. ­Niklaus Manuel Deutsch wurde kurz darauf vom Maler zum Reformator. Das Wort ersetzte den Pinsel.

Das Chorgewölbe mit den 86 Heiligenfiguren und der Dekorationsmalerei blieb in den letzten 500 Jahren weitgehend unangetastet. Vor 100 Jahren erfolgte eine auf die Statik beschränkte Teilrestaurierung. Zwischen 2014 und 2017 wurde der Himmlische Hof restauriert. Konkret: Die Figuren wurden sorgsam gereinigt. So erstrahlen die Berner Heiligen in ihren originalen Farben von 1517. Einzig der Heilige Geist, eine versilberte Taube, muss dunkel und schwarz bleiben. Das vor 500 Jahren auf den Stein aufgebrachte Silber ist seither oxidiert.

Ein Fenster in die vorreformatorische Welt

Die Restaurierung und Inventarisierung des Himmlischen Hofes brachte einen Zusatznutzen: Jede der Figuren wurde aus drei Blickwinkeln digital erfasst. Ein 3D-Drucker kann heute deshalb jeden Heiligen neu entstehen lassen – als Kopie aus Kunststoff. Die Schweizer Post hat die Restaurierung mit zwei Sondermarken ausgezeichnet.

Der Himmlische Hof im Berner Münster ist ein faszinierender Spiegel vorreformatorischer Spiritualität. Das Baugerüst im Chor des Berner Münsters wurde jüngst bis zu einer mittleren Plattform abgebaut. Noch dieses Wochenende kann man dem Himmlischen Hof nahe sein. Aus acht Metern Distanz können die 86 Heiligen besichtigt werden. Der Himmlische Hof bietet einen einzigartigen Einblick in die Reihen der Heiligen, und dies nicht nur für Katholiken. Danach verschwindet auch diese Besucherplattform. Der Himmlische Hof wird dann im Chor des Berner Münsters so weit entfernt sein wie in den letzten 500 Jahren.

Ueli Habegger*

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

Auch nach Schliessung der Besucherplattform kann der Himmlische Hof besichtigt werden, nämlich online. Via www.bernermuensterstiftung.ch besucht man das Chorgewölbe interaktiv.

* Gastautor Ueli Habegger ist Kunsthistoriker und ehemaliger Denkmalpfleger der Stadt Luzern.

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