Der Weg ist das Thema

WANDERN ⋅ Witzweg, Steinbock-Paradies, mystische Erlebnisse im Moor: Touristiker lassen sich einiges einfallen, um Wanderer in die Berge zu locken. Tourismusprofis verraten die besten und langweiligsten Themenwege.
11. August 2017, 04:39

Melissa Müller

Vor 50 Jahren hatte Bahnhofsvorstand Walter Rusch eine Idee: den Barfussweg. Rusch animierte Passagiere, barfuss durch das Hochmoor im appenzellischen Gonten zu gehen. Man konnte bei ihm die Schuhe abgeben und am Ende des Spaziergangs beim Bahnhof Appenzell wieder abholen. Noch immer ist der Barfussweg ein Hit. Ohne es zu ahnen, war der Stationsvorstand ein Pionier der Wanderweg-Vermarktung. Heute beschäftigen sich ­etliche Werber mit dem Story­telling rund ums Wandern – etwa «Inszenierungs-Guru» Otto Steiner mit seinem Büro Steiner Sarnen Schweiz. Er beschäftigt in seinem Kreativteam sogar «Tatort»-Drehbuchschreiber. Die Werber gestalteten unter dem Motto «Triumph und Tragödie» etwa einen Weg beim Eiger­gletscher. Unterwegs kann man sich mit den Schicksalen der Extremkletterer an der Eigernordwand befassen.

Themenwege boomen, gegen 300 gibt es in der Schweiz bereits, zu finden unter Themen­wege.ch: Klangweg Toggenburg, Blattner Liebesweg, Käseweg, Witzweg, Lucky-Luke-Trail in Ovronnaz. In Pontresina wurde kürzlich ein «Steinbock-Paradies» am Piz Albis eingeweiht, wo eine der grössten Steinbockkolonien der Alpen lebt. Ein Weg rund um den König der Alpen – inklusive Steinbockspielplatz.

«In der Tendenz besteht ein Überfluss an Themen- und Erlebniswegen», sagt Stefan Forster, Professor für natur- und kulturnahen Tourismus an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften. Die vielen Tafeln verstellten einem bisweilen den Blick in die Natur – «eine ständige Unterhaltung und Bevormundung, wo man jetzt hinzuschauen hat und etwas erleben muss».

Planetenwege öden Wanderpapst an

Genügte es früher, einen Berg zu erklimmen, muss inzwischen eine Erlebnis-Inszenierung her. Das erfordert eine entsprechende Infrastruktur: Sitzbänke, ­Toiletten, Beizen, Grillstellen, Infotafeln. Das alles muss regelmässig gepflegt werden: Themenwege sind inhaltlich schnell veraltet und marod. Das bestätigt auch der Zürcher Wanderbuchautor Thomas Widmer, der den Spitznamen «Wanderpapst» trägt. «Die ewigen Planetenwege – gibt’s die eigentlich schon seit dem Krieg?», fragt er rhetorisch. «Das sind dann ein paar Stäbe mit verrosteten Kugeln dran, die nichts mit der Region zu tun haben.» Auch ökologische Lehrpfade findet Widmer zum Gähnen: «Wenn da so steht: ‹Es hat hier einen gestaffelten Waldrand, er ist ökologisch wertvoll und es leben hier viele Insekten›, dann finde ich das ziemlich öde.» Wenn Touristiker mit schmalem Budget einen Ort ohne Promis oder anderweitige Attraktionen bewerben müssten, komme selten etwas Gutes heraus.

«Unique» – also einzigartig und damit gelungen findet der Wanderjournalist den Radioweg auf dem Blosenberg, auf dem der alte Hauptsendeturm von Radio Beromünster steht: An sieben Hörstationen lässt sich die bewegte Geschichte des Senders verfolgen – mit originalen Ton­dokumenten und über Menschen, die dem Radio Leben einhauchten.

In bester Erinnerung ist dem Wanderprofi auch der Amiet-Hesse-Weg bei Herzogenbuchsee: Er bezieht sich auf die Maler Cuno Amiet und Bruno Hesse (Sohn des Dichters Hermann Hesse), die in dieser Gegend eindrückliche Landschaftsbilder schufen. Die Gemälde sind auf Info-Stelen zu sehen. Und die Standorte sind so gewählt, dass sie den Blick auf Hügel und Felder lenken, welche die Künstler einst gemalt hatten.

«In der Tendenz besteht ein Überfluss an Themen- und Erlebniswegen.»

Stefan Forster, Professor für Tourismus

Der Luzerner Kapellenweg lohne sich ebenfalls, sagt Wid­mer. Er führt vorbei an 17 prachtvollen historischen Kapellen – und greift die Geschichte der Gegend auf, in der Pilger schon vor Jahrhunderten Geld und Gut, Freud und Leid austauschten. Dass es so viele Themenwege gibt, hängt mit den rückläufigen Besucherzahlen zusammen, unter denen Alpenregionen im Winter infolge Frankenstärke und Klimaerwärmung leiden. Mit den Themenwegen soll im Sommer eine neue Klientel angelockt werden.

Bergbahnen kämpfen kreativ um ihre Existenz

Oft ist eine Bergbahn, die um ihr Überleben kämpft, die treibende Kraft hinter einem Themenweg. Ein gutes Beispiel ist das Moora­culum im Ferienort Sörenberg im Entlebuch. Eigentlich ist ein Feuchtgebiet für eine Bergbahn wegen der strengen Vorschriften der Naturschützer ein Hindernis. In Sörenberg machten die Bewohner aus der Not eine Tugend – und legten vor fünf Jahren das Mooraculum an. Ein Weiher mit Wasserspielen, Floss und Moorhütten für Kinder. Erwachsene können in der Kernzone der Unesco-Biosphäre Entlebuch auf dem Sonnentau-Rundweg wandern, Libellen und insektenfressenden Pflanzen begegnen – und bei interaktiven Stationen auf Knöpfe drücken, um dem Zwitschern und Blöken der Moorbewohner zu lauschen.

Die Gegend ist autofrei, wovon wiederum die Bergbahn profitiert. «Eine ökologische und ökonomische Wertschöpfung für die Region», sagt Monika Bandi. Die Leiterin der Forschungsstelle Tourismus an der Universität Bern wagt einen Blick in die Zukunft: «Der Trend geht auch beim Wandern in Richtung Digitalisierung.» Irgendwann, mutmasst sie, werden die Wander­vögel mit 3D-Brillen durch die Gegend marschieren. Auf einem Sagenweg könnte dann mittels Brille eine Fee in der Landschaft auftauchen. «Das Virtuelle hat den Vorteil, dass man die Landschaft weniger mit Tafeln möblieren muss», sagt Monika Bandi.

Die Tourismusprofis sind sich einig: Ein Themenweg ist gelungen, wenn er die Besonderheit einer Region aufgreift.


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