Hightech-Leuchtpyjama hilft Babys mit Gelbsucht

NEONATOLOGIE ⋅ Drei von fünf Babys leiden an Gelbsucht. Besonders häufig sind davon Frühgeborene betroffen. Eine Lichttherapie hilft gelbsüchtigen Babys. Die Empa hat dafür ein Hightech-Leuchtpyjama entwickelt.
15. November 2017, 07:38

Bruno Knellwolf

Gelb kann eine schöne Farbe sein – für Blumen, aber nicht unbedingt für unsere Haut oder in unseren Augen. Von Gelbsucht spricht man dann. Eine Erkrankung, die viele Neugeborene heimsucht. «Etwa 60 Prozent der Neugeborenen haben Gelbsucht», sagt Andreas Malzacher, Leiter der Neonatologie, der Frühgeborenenstation am Kantonsspital St. Gallen. Noch häufiger als Normalgeborene haben die empfindlichen Frühchen Gelbsucht.

Ikterus wird die Gelbverfärbung der Haut genannt und «ein Stück weit ist diese bei Neugeborenen normal», sagt Malzacher. Das liegt daran, dass die Föten im Mutterleib weniger Sauerstoff im Blut haben. Deswegen streben sie gleiches wie Leistungssportler an: Sie brauchen viele rote Blutkörperchen, welche den Sauerstoff von der Lunge in die anderen Organe transportieren. Mit den vielen roten Blutkörperchen tragen die Föten viel roten Blutfarbstoff mit sich, das Hämoglobin. «Deshalb haben Babys eine solch quietschrote Farbe», sagt der Neonatologe.

Ein Abbauprodukt des Hämoglobins

Beim Abbau der alten roten Blutkörperchen entsteht neben anderen Substanzen wie zum Beispiel Eisen das Bilirubin – ein Abfallprodukt, das sich in der Haut ablagern kann. Normalerweise wird Bilirubin in der Leber abgebaut und über den Darm ausgeschieden. Bei weisshäutigen Menschen führt das abgelagerte Bilirubin zu einer Gelbverfärbung der Haut und Augen, bei dunkelhäutigen nur zu einer Gelbverfärbung der Augen. Das sieht zum einen nicht schön aus, aber noch viel wichtiger: Das Abbauprodukt Bilirubin im Blut ist in hohen Konzentrationen giftig und kann unter Umständen ungehindert die Blut-Hirn-Schranke überwinden und das Hirn schädigen.

Neugeborene, die wenig Eiweiss und eine zu geringe Flüssigkeitszufuhr haben, also Hungerbabys wie sie in den ärmsten Gegenden der Welt leider immer noch zu finden sind, können das Bilirubin dann nur unzureichend im Blut binden. Das freie und giftige Bilirubin schädigt dann direkt Nerven- und Gehirnzellen. In westlichen Ländern werden solche Schädigungen allerdings kaum mehr gesehen. Damit das so bleibt, wird der Bilirubin-Wert eines Neugeborenen kontrolliert.

Hat das Kind einen Gelbstich, interessiert den Arzt somit eigentlich nur das freie und giftige Bilirubin. Das lässt sich aber nicht direkt messen. Ausser man würde mit einer Nadel ins Gehirn stechen, was man natürlich nicht macht. Messbar ist nur die totale Menge des Bilirubins im Körper, also das harmlose am Eiweiss gebundene und das freie und gefährliche Bilirubin zusammen.

Zeigt die Messung, dass das Bilirubin rasch ansteigt und hohe Konzentrationen vorliegen, muss etwas gegen die Gelbsucht unternommen werden. Bei schweren Fällen der Gelbsucht kann die Hirnschädigung nur durch einen Blutaustausch verhindert werden. So weit will man es nicht kommen lassen. Wird der Grenzwert überschritten, werden Kinder deshalb mit kurzwelligem Licht behandelt, einer Fototherapie. Dank des blauen Lichts verwandelt sich das giftige Bilirubin in der Haut in eine lösliche Form, die auch der unreife Organismus des Neugeborenen abtransportieren und ausscheiden kann.

Während der Fototherapie liegen die Neugeborenen nackt, nur mit einer Augenklappe geschützt, im Brutkasten. Um die Zeit ohne Mamas Berührung, die gerade in den ersten Lebenstagen so wichtig ist, nicht zu verkürzen, haben Materialforscher der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt Empa ein Leuchtpyjama entwickelt. Dieser Schlafanzug gibt das Licht direkt auf die Haut des Babys ab, auch wenn er in Mamas Armen liegt. In das Gelbsuchtpyjama sind optisch leitende Fasern eingewoben. Batteriebetriebene LEDs dienen als Lichtquelle für die lichtleitenden Fäden. Das Satingewebe des Leuchtpyjamas sei geschmeidig, reibe nicht am Babykörper und sei gut waschbar, sagt die Empa-Forscherin Maike Quandt zu ihrer Neuentwicklung, welche sie vor kurzem vorgestellt hat.

«Eine schwere Gelbsucht trat früher noch viel häufiger auf», sagt Malzacher. Unter anderem, weil es recht häufig Blutgruppen-Unverträglichkeiten des Rhesus-Blutgruppensystems zwischen Mutter und Kind in der Schwangerschaft gegeben hat. Im Ex­tremfall musste eine Bluttrans­fusion an das Kind im Mutterleib gemacht werden. Heute wird diese Unverträglichkeit routinemässig mehrmals während der Schwangerschaft kontrolliert. Und das Auftreten einer Rhesusunverträglichkeit kann durch eine Antikörpergabe an die Schwangere verhindert werden.

Fehlende Muttermilch kann zu Gelbsucht führen

Heute noch kann es zu starker Gelbsucht kommen, wenn ein Baby zu wenig Flüssigkeit erhält, also Muttermilch. Diese Gefahr habe sich vergrössert, weil die Mütter heute schneller mit ihren Babys das Spital verlassen. Die höchsten Bilirubin-Werte hat ein Kind am vierten und fünften Lebenstag. Bemerkt dann weder die Hebamme noch die Mutter zu Hause den Flüssigkeitsmangel, kann das im schlimmsten Fall zu Hirnschädigungen führen.

Auch der Neonatologe Andreas Malzacher ist an einem Forschungsauftrag mit der Empa ­beteiligt. Um das Bilirubin zu messen, müssen die Kinder gestochen werden. Entwickelt werden soll deshalb ein schmerzloses Messgerät, das die Bilirubin-Werte über die Haut messen kann, um den gelben Babys Stiche zu ersparen.

Gelbsucht kann auch Erwachsene treffen. Unsaubere Tattoos und Piercings können zum Beispiel zu Infektionen und Gelbsucht führen. Hepatitis-A wird dementsprechend als infektiöse Gelbsucht bezeichnet. Auch die Hepatits-Viren B und C können Gelbsucht auslösen und je nach Patient zu leichten, aber auch sehr schweren Erkrankungen führen. Zudem können Alkohol, Pilze, Schlafmangel und Stress die Leber stören und einen Ikterus auslösen.


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