Beirut: Die Elizabeth Taylor unter den Städten

NAHER OSTEN ⋅ Der Krieg in Syrien ist alles andere als ideal für das Ferienland Libanon. Und dennoch: Wer heute nach Beirut reist, ist überrascht von der pulsierenden und friedlichen Stadt am Mittelmeer. Die Jungen feiern Partys, und wer an Kultur und schöner Landschaft interessiert ist, kommt im Libanon an vielen Orten auf seine Rechnung.
17. September 2017, 09:42

Markus Rohner

Jad Ballout lässt sich so schnell nicht aus der Ruhe bringen. Der 28-jährige Libanese, der seit rund drei Jahren in Beiruts Ausgehviertel Mar Mikhayel eine der angesagtesten Bars im Nahen Osten führt, wäre froh um mehr Gäste. «Seit dem Krieg in Syrien glauben viele, hier bei uns in Beirut sei der Teufel los», sagt er mit Bedauern. Dabei sitzen wir in einer Trendbar, wie sie auch in London, Paris oder Zürich stehen könnte. Bekannt wurde das Lokal mit seinen Cocktails, für die es schon mehrfach international ausgezeichnet worden ist. Die «Central Station Bar» liegt nur wenige hundert Meter vom Meer entfernt, unweit von Downtown Beirut. Dort, wo die schicksten Kleider-, Schmuck- und Uhrenläden auf die reiche Kundschaft aus Nahost warten. Auch Akris aus St. Gallen hat in Beirut seinen eigenen Shop.

Oberschicht frönt dem Luxus, Flüchtlinge suchen Zuflucht

Wenn Rolex, Hermès, Armani und ­Porsche hier ihre Schauräume haben, kann es um dieses Land so schlecht nicht bestellt sein. Oder anders gesagt: Im ­Libanon und seinen Nachbarländern gibt es eine reiche Oberschicht, die sich jeden Luxus leisten kann. Daneben lebt eine grosse Anzahl armer Menschen, die sich alles vom Mund absparen muss. Als Tourist aus dem reichen Europa kann man in Anbetracht dieses sozialen Gefälles, der Flüchtlinge, die irgendwo in der Millionenstadt Zuflucht gefunden haben, oder des Abfalls, der sich an manchen Orten immer noch türmt, ins Grübeln kommen. Aber dann müsste der gleiche Globetrotter eine Vielzahl anderer Destinationen ebenfalls aus seinem Reisekalender streichen.

Wer in seinen Ferien fremde Kul­turen kennen lernen und von herzlichen und offenen Menschen empfangen werden möchte, wer die lokale Küche liebt und sich an einem Hotspot zwischen ­Okzident und Orient wohlfühlt, der ­sollte unbedingt ins «Paris des Nahen Osten» reisen. «Beirut ist eine Stadt mit unglaublich vielen Gesichtern», sagt der Barman von der «Central Station». ­Kirchen stehen hier neben Moscheen. Es wird Arabisch, Französisch und Englisch gesprochen. An der Hamra, Beiruts Shoppingmeile, lässt sich schön flanieren. An der Corniche trifft man auch schicke Strand-Restaurants und auf ­Bikini-Schönheiten, die neben Shisha rauchenden Frauen im Hidschab ins Meer steigen. Beirut sei die Elizabeth Taylor der Städte, hat der Schriftsteller Rabih Alameddine einmal geschrieben. «Wahnsinnig, schön, heruntergekommen, zerfallend, alternd und ständig voller Drama.»

Besuch bei der Bildhauerin

Künstlerin Mona Saudi muss schmunzeln, wenn sie von der angeblich gefährlichen Stadt hört. Die 72-jährige Palästinenserin lebt seit Jahrzehnten in Beirut. Wir besuchen sie in ihrem Atelier, einer grünen Oase inmitten der Grossstadt. «Beirut ist so pulsierend und inspirierend, ich könnte in keiner anderen Stadt im Nahen Osten leben», sagt die Bildhauerin. «Nur hier finde ich die für meine Arbeit notwendige Inspiration und eine entsprechende Kunst- und Galerie­szene.» Mit ihren Steinskulpturen, die in der ganzen Welt ihre Käufer gefunden haben, gehört Saudi in Nahost zu den ­renommiertesten Bildhauerinnen.

Wer einen Bummel durch Beirut macht, dem springt sogleich in die Augen, wie vielfältig und zahlreich in dieser Stadt die Galerien und Museen sind. Eine gute Adresse ist das New Beirut Art Center, etwas ausserhalb des Stadt­zentrums, in unmittelbarer Nähe zum lebhaften Armenierviertel Bourji Harmoud mit seinen Gewürzhändlern und Modeläden. Aus einer leeren Fabrikhalle ist ein Zentrum für moderne Kunst entstanden. Freakig und provokativ, ein idealer Schauplatz für junge Künstler aus dem arabischen Raum und dem Rest der Welt. Ein Muss auf dem Beiruter Kulturtrip ist das Sursock-Museum. Allein schon das prächtige Herrenhaus im Achrafieh-Bezirk lohnt die Visite. Während Jahrzehnten diente es dem reichen Nicolas Sursock als Domizil und ist nach dessen Tod 1961 in ein Museum umgewandelt worden. Nach einer Totalsanierung ist vor zwei Jahren die Ausstellungsfläche verfünffacht worden. Heute beherbergt es eine Sammlung aus dem 18., 19. und 20. Jahrhundert. Vor allem Malereien, Skulpturen und Keramik.

Idylle von Byblos

Kein Zufall, dass Jad Ballouts Bar und das Sursock-Museum nicht weit voneinander entfernt liegen. Im Quartier wimmelt es nur so von Galerien, Buchläden, Kunstwerkstätten und halt auch vielen schicken Restaurants, Bars und Nachtclubs. Hier pulsiert das kulturelle und nächtliche Beirut und der Krieg im Nachbarland ist weit weg. «Wir dürfen uns wegen dieser Katastrophe doch nicht verrückt machen lassen», sagt Ballout. Das Leben gehe weiter und er hoffe sehr, dass man endlich auch in Europa und Amerika realisiere, dass man in Beirut nicht auf einem Pulverfass sitze.

Wer aus Europa in den Libanon reist, der sollte nicht nur der Hauptstadt einen Besuch abstatten. Im Zedernstaat, viermal kleiner als die Schweiz, erreicht man von Beirut aus jeden gewünschten Ort innerhalb von wenigen Stunden – egal, in welche Himmelrichtung es einen zieht. Auf dem Weg Richtung Norden fahren wir in einer guten Stunde nach Byblos, einem Weltkulturerbe der Unesco. In der Küstenstadt sind im ­Verlaufe der Jahrtausende alle vorbei­gekommen, die irgendwann einmal in der Geschichte des Nahen Ostens eine Rolle gespielt haben. Die Phönizier und Griechen, später kamen die Römer, die ein kleines Amphitheater zurückgelassen haben. Über dem Hafen thront die Trutzburg als mächtiger Quader. Im 11. Jahrhundert erbaut von den Kreuz­fahrern, die damit die Eroberung eines geschichtsträchtigen Areals am östlichen Mittelmeer markierten.

Byblos, eine der ältesten Siedlungen der Menschheitsgeschichte, erlebte seine Hochblüte vor 4000 Jahren. Heute reiht sich in den Altstadtgassen ein Souvenirladen an den anderen. Am Hafen drunten laden Restaurants zu Speis und Trank. Der Geist von Pepe, dem legendären Wirt im Byblos Fishing Club, weht auch Jahre nach dessen Tod immer noch durch die Hafenstrasse. Seine Beiz ist ein Kuriositätenkabinett mit Schmuck­stücken, Amphoren und unzähligen Fotos von Promis und Starlets. Sie alle haben hier fröhliche Stunden verbracht. Wer an einem schönen Abend auf der Restaurantterrasse sitzt, den Blick aufs Meer schweifen lässt und einen frischen Fisch mit einem Glas libanesischen Weins geniesst, kommt spätestens jetzt in Ferienstimmung.

Zurück in Beirut ist es Nacht ge­worden. In der Central Station ist noch lange nicht Feierabend. Der DJ legt auf, der Alkohol fliesst in Strömen. Gegen zwei, drei Uhr, wenn in Beiruts Ausgangviertel die Türen schliessen, organisieren die Festfreudigen «After Partys», um dann frühmorgens am Meeresstrand die Nacht ausklingen zu lassen. So schnell kommt diese Stadt nicht zur Ruhe.


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