Die Fluten verändern sich

FLÜSSE ⋅ Der Klimawandel verschiebt die Hochwasserperioden im Frühjahr. Das hat Auswirkungen auf die Natur und auch auf die Wirtschaft. Wetterlagen mit extremem Sommerregen sind nicht häufiger, aber ergiebiger.
13. August 2017, 04:38

Roland Knauer

 

«Der Klimawandel beeinflusst die Hochwasser in Europa bereits heute deutlich», erklärt Günter Blöschl von der Technischen Universität Wien. Zwar argwöhnen viele Menschen Ähnliches, wenn sie die Bilder der Fluten der jüngeren Vergangenheit betrachten oder eine solche Katastrophe sie sogar direkt getroffen hat. Günter Blöschl und 45 Kollegen aus allen Teilen Europas aber konnten dem Ganzen mit Hilfe eines mit 2,5 Millionen Euro dotierten Forschungspreises des Europäischen Forschungsrates ERC (European Research Council) wissenschaftlich auf den Grund gehen. Die Daten von 4262 Messstationen in 38 Ländern Europas haben die Forscher für die Zeit von 1960 bis 2010 ausgewertet, wie sie in der Zeitschrift «Science» (Band 357, Seite 588) berichten. Dabei konzentrierten sie sich mit guten Gründen aber nicht auf Pegelstände oder Wassermengen, die in einer Sekunde an einer Messstation vorbeischiessen. Solche Daten zeigen zwar sehr gut, wie stark ein Hochwasser war, sie werden aber nicht nur vom Klima, sondern auch von anderen Zusammenhängen beeinflusst.

Werden zum Beispiel Wälder entlang der Flüsse abgeholzt oder Flächen aufgeforstet, werden Deiche verschoben und das Wasser bekommt mehr oder weniger Platz, verändern sich auch die Hochwasser. «Aus dieser Mischung den Einfluss des Klimas herauszufiltern ist sehr schwierig», sagt Blöschl. Tatsächlich sind bei bisherigen Untersuchungen dazu zum Teil recht widersprüchliche Ergebnisse herausgekommen.

Hochwasser nach der Schneeschmelze schwächer

Um eine klare Aussage zu bekommen, gingen Günter Blöschl und seine Kollegen daher einen anderen Weg. Sie schauten sich nicht die Ausmasse der Fluten an, sondern untersuchten, in welchen Zeiten sie zwischen 1960 und 2010 auftraten. Dabei kristallisierte sich ein klares Ergebnis her­aus: «Der Klimawandel beeinflusst die Zeiten deutlich, in denen Hochwasser auftreten, trifft die verschiedenen Regionen Europas aber unterschiedlich», fasst Günter Blöschl zusammen.

So speichern im Nordosten Europas von den baltischen Staaten und Russland bis nach Skandinavien die langen und kalten Winter die Niederschläge in Form einer Schneedecke bis zum Frühjahr. Dann steigen die Temperaturen, der Schnee schmilzt rasch und die gesammelten Niederschläge der kalten Jahreszeit schiessen als Frühjahrshochwasser in den Flüssen zum Meer. Seit der Klimawandel im Nordosten Europas die Temperaturen steigen lässt, schmilzt der Schnee früher und die Hochwasser rauschen eher als sonst die Flüsse hin­unter. Das zeigen die Daten von 81 Prozent der untersuchten Stationen. Im Durchschnitt kommen die Fluten dort an der Hälfte der Stationen seit 1960 mehr als eine Woche früher.

Frühere Hochwasser bedeuten auch, dass der Schnee im Winter kürzer liegen bliebt und so auch die darin gespeicherte Wassermenge sinkt. Die Hochwasser nach der Schneeschmelze sollten also schwächer werden. Das klingt zwar zunächst nach einer guten, ist aber tatsächlich eine schlechte Nachricht: Sind doch die Ökosysteme an den Flüssen auf die grossen Wassermengen der Frühjahrshochwasser angewiesen. Bei schwächeren Fluten könnten sie sich deutlich verändern. Davon sind auch die Wasserkraftwerke an den Flüssen betroffen. Für sie bedeutet weniger Hochwasser auch weniger Energie. Auch die relativ nachhaltige Wasserkraft muss sich also an die Folgen des Klimawandels anpassen.

Vb-Wetterlagen in Mitteleuropa

Erheblich komplizierter als im Nordosten sind die Verhältnisse im Westen Europas zwischen dem Süden Englands und Portugal. Dort trocknet die Sommersonne die Böden häufig aus und der Grundwasserspiegel sinkt. Die Herbstniederschläge füllen die Böden dann langsam wieder auf. Da die Speicherkapazität aber gross ist, können sie starke Niederschläge lange puffern. Normalerweise erreicht der Grundwasserspiegel erst im Winter wieder die Oberfläche, die Zeit der Hochwasser beginnt. Allerdings haben sich die Niederschläge seit 1960 in diesem Gebiet verstärkt, die Böden füllen sich schneller mit Feuchtigkeit, und die Hochwasser kommen inzwischen an vielen Stationen im Westen des Kontinents mehr als zwei Wochen früher als bisher.

In Mitteleuropa wiederum sind vor allem feuchtwarme Luftmassen aus dem östlichen Mittelmeerraum gefürchtet, die in sogenannten Vb-Wetterlagen im Sommer extrem ergiebige Niederschläge und verheerende Hochwasser nach sich ziehen können. Die Oderflut 1997, die Elbefluten 2002 und 2013 sowie auch die Extremniederschläge im Juni und Juli 2017 entstanden durch solche Wetterlagen. In einem weiteren Projekt hat Günter Blöschl auch diese Vb-Wetterlagen unter die Lupe genommen: «Häufiger sind sie in den letzten 20 Jahren nicht geworden, aber rund fünf Prozent ergiebiger.»


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