Die Krux mit dem Glück

PODIUM ⋅ In der NZZ-Gesprächsreihe in Zürich diskutierte Christoph Blocher mit den beiden Autoren Adolf Muschg und Katja Petrowskaja über die Frage, was denn Glück sei.
01. Dezember 2017, 07:18

Brigitte Schmid-Gugler

«Glück – Wunsch, Wahn und Wirklichkeit». Die Schlag- oder besser Reizwörter des Abends sind auf eine Malerei des französischen Rokoko-Malers Jean-­Honoré Fragonard gedruckt. Eine Dame in sich bauschenden Röcken, zauberhaft, imaginär, schaukelt inmitten von wilden hohen Gewächsen über den schmachtenden Blicken von Anbetern und geschlechtslosen Puschen. Ein Bild zwischen Traum und Wirklichkeit, in einer Zeit, als der Künstler noch nichts davon gewusst hatte, dass er dereinst verlumpen wird.

Inwiefern sich dieser Hintergrund ableiten lässt auf das Thema des Abends im Schauspielhaus Zürich lässt sich nicht festmachen. Es geht ja auch nicht ums Verlumpen. Sondern um die Frage, wie sich das – in geistiger und materieller Hinsicht – am besten vermeiden lässt. Wie und in welcher Form man als Mensch des Glücks habhaft werden kann und was das mysteriöse Wort für das Individuum überhaupt bedeutet. Dass da die Meinungen tatsächlich weit auseinandergehen, stellt sich schnell heraus.

Wer Schwein hat, hat nicht immer auch Glück

Es beginnt damit, dass Katja Petrowskaja gleich zu Beginn des Abends die Frage stellt, weshalb von vier Teilnehmenden am Podium nur einer, nämlich Adolf Muschg, ein Glas Wein serviert bekommen habe. Grosses Gelächter unter den Zuhörenden – die Lücken in den rotbezogenen Sitzreihen würden satt für ein Schweizer Kreuz reichen. Nicht, dass ihr persönliches Glück davon abhängig sei, resümiert sie, der Begriff sei in ihrem Denken sowieso nicht von Bedeutung. Aufgewachsen in der Ukraine, erhielt die Literaturwissenschafterin und Schriftstellerin vor vier Jahren den Ingeborg-Bachmann- Preis für ihren Erzählband «Vielleicht Esther». Darin folgt sie den Spuren ihrer traumatisierten Familie. Für Christoph Blocher, der die Einladung zum Glücksdiskurs offensichtlich als Plausch empfindet, ist es keine Frage: Er ist glücklicher Unternehmer, glücklicher Arbeitgeber, glücklicher Familienvater, glücklicher Politiker. Er reiht Anekdote an Anekdote, bringt die Leute zum Lachen, wenn er, wie früher beim Nachtgebet mit der Mutter – ein Glücksmoment –, die Namen seiner zehn Geschwister wie ein gut geöltes Räderwerk herunterleiern kann.

Und dann erzählt er von dem 25-Jährigen, dessen Suizidgedanken er neulich abgewendet habe. Nämlich indem er jenem, der den Verleider gehabt und dem Leben keinen Sinn abgewinnen konnte, gesagt habe, das Leben müsse keinen Sinn machen, es genüge, einfach zu leben. Ja, wenn das so einfach wäre, scheint es hinter der etwas grimmig gefalteten Stirn von Muschg zu brodeln. Rhetorisch brillant wie immer, kontert er mit Proust, Schiller, Schopenhauer und stellt die vertiefende Frage, ob Glück eine Fügung, eine Gnade sei, die einem zufalle. Die Messlatte im statistisch ausgependelten Glücksranking führe zum Narrentum, das der verblendeten Selbstzufriedenheit Vorschub leiste.

Die vielen Nuancen des Glücksempfindens

Moderator Martin Meyer versucht – sein Humor wirkt Wunder – das Thema des Abends nicht wiederholt ins Politische kippen zu lassen. Blocher hatte zuvor die verlorene Marignano-Schlacht und die dort ein für allemal begrabenen Schweizer Grossmachtgelüste ins Spiel gebracht. Petrowskaja packte die Gelegenheit und warf Blocher skandalösen Populismus vor.

«Wie viel Unglück der anderen verträgt unser Glück»?, fragt Adolf Muschg und vergleicht unsere Behaglichkeit mit dem Pharisäertum in der Bibel. Ob es nicht ein Klischee sei, die Schweizer als heimli feist zu bezeichnen, wirft Meyer fragend in die Runde. Und es liegt in der Natur der Sache, dass es darauf weder eine wahnwitzige noch eine wunschlos glückliche Antwort gibt.

Anzeige: