Die Madonna bleibt zu Hause

KLOSTER EINSIEDELN ⋅ Gläubige kommen seit Jahrhunderten, um in der Gnadenkapelle zu beten. Das Landesmuseum Zürich widmet dem Wallfahrtsort und seinen reichhaltigen Schätzen nun eine grosse Ausstellung.
14. September 2017, 07:45

Bettina Kugler

Seinen Aufschwung zum Pilgerziel und Wallfahrtsort mit internationaler Ausstrahlung verdankt das Kloster Einsiedeln einem frommen Schwindel: der urkundlich beglaubigten Engelweihe. Christus selbst soll der Legende nach die Kapelle geweiht haben, in der heute das Gnadenbild der Schwarzen Madonna verehrt wird. Die päpstliche Urkunde von 984 erwies sich jedoch als Fälschung, Mitte des 12. Jahrhunderts auf der Insel Reichenau angefertigt. Abt Urban Federer nimmt es gelassen; «das Mittelalter war voller Fake-News», sagt er, «historische Ereignisse wurden für die gewünschte Botschaft passend gemacht.»

Am wahren Kern der zugrundeliegenden Botschaft halten er und seine derzeit fünfzig Mitbrüder des Benediktinerklosters fest, gemeinsam mit jährlich einer halben Million Pilgern und Gästen, die Einsiedeln besuchen. Auch heute wird gefeiert: Die Engelweihe am 14. September mit der Lichterprozession ist das grösste Pilgerfest im klösterlichen Kalender. Einen Tag später feiert das Landesmuseum Zürich Ausstellungseröffnung. Mehr als 300 Exponate aus dem Besitz des Klosters – Urkunden, Bilder und ­Objekte aus dem Zeitraum vom 9. bis zum 20. Jahrhundert – hat Kuratorin Christine Keller mit Sammlungsbeständen des Landesmuseums verbunden zur umfassenden Schau «Kloster Einsiedeln. Pilgern seit 1000 Jahren».

Blick in die Garderobe der Muttergottes

Abt Urban sträubte sich zunächst gegen die Vorstellung, museal ­zurückzublicken auf die Kloster- und Wallfahrtsgeschichte Einsiedelns. «Schliesslich ist das Kloster für mich nicht Vergangenheit; ich führe es in der Gegenwart und in die Zukunft.» Doch Markus Bamert, verantwortlich für die dokumentarische Aufarbeitung der klösterlichen Kunstsammlung, konnte den Abt schliesslich von der Idee überzeugen. Das für Einsiedeln wichtigste Objekt allerdings, das Gnadenbild, fehlt im Landesmuseum. Die Schwarze Madonna ist im Kloster geblieben; sie gehört den Pilgern, die täglich nach Einsiedeln kommen.

Dafür gewährt die Ausstellung einen grosszügigen Blick in ihren Kleiderschrank. Gleich 17 der reichgeschmückten Gewänder sind ausgestellt, darunter das älteste erhaltene Kleid aus dem Jahr 1685, ein Kleid aus St. Galler Stickerei von 1976 und zeitgenössische Stücke von Gläubigen aus Korea und Indien. Ein Film zeigt Bruder Gerold, Sakristan und «Garderobier der Madonna» beim Wechseln des Gewandes. Bis zu zwanzigmal jährlich wird sie umgekleidet, farblich jeweils dem liturgischen Kalender folgend. Zu sehen ist auch die ­älteste erhaltene Marienfigur Einsiedelns aus dem späten 12. Jahrhundert.

Der Rundgang beginnt bei der Legende um den heiligen Meinrad und den Ursprüngen der Mönchsgemeinschaft im «Finsteren Wald». Er präsentiert kostbare Dokumente aus der ersten Blütezeit des Klosters, darunter Kaiserurkunden Ottos I. und die Benediktsregel des heiligen Meinrad aus der ersten Hälfte des 9. Jahrhunderts. Für Abt Urban ist sie mehr als eine wertvolle Handschrift. Es gehört zum Ritus bei der Einsetzung eines Abtes, dass er die Hand darauflegt: noch immer ist sie das Leitbild der Mönche. «In diesem Moment hält man buchstäblich tausend Jahre Geschichte in der Hand.»

Ablässe, Devotionalien, Kerzen und Andenken

Daneben widmet sich die Schau eingehend der Kulturgeschichte des Pilgerns am Beispiel Einsiedelns. Sie erzählt von den Anfängen des Wallfahrens und der Marienverehrung, von erhörten Gebeten und Wundern, protokolliert in sogenannten Mirakelbüchern; sie zeigt Votivtafeln dankbarer Pilger und Erinnerungsstücke, die sie aus Einsiedeln mitnahmen. Oft sind es Amulette und Devotionalien, denen schützende, heilende Kräfte zugeschrieben wurden – etwa die Schabmadonnen aus ungebranntem oder gebranntem Ton.

Beleuchtet werden auch ­Krisenzeiten und Zäsuren in der Klostergeschichte: Verheerende Brände, die harsche Kritik der Reformatoren an Ablasshandel und Marienfrömmigkeit, die Plünderungen durch französische Truppen. Vor der Gnadenkapelle freilich hatten selbst die Revolutionäre Respekt: Sie zerstörten sie nicht, sondern trugen sie Stein ­ für Stein ab, um Wallfahrten zu unterbinden. Modelle und Pläne veranschaulichen den Wiederaufbau und die Diskussionen über die angemessene Präsentation des Gnadenbildes.

Prunken kann die Ausstellung mit Kostbarkeiten aus dem Klosterschatz. Allein das Verzeichnis der Schenkungen, das unter Abt Ulrich Wittwiler angelegte und bis 1785 geführte «Guttäterbuch», ist ein Bijou für sich. Geschenke adliger Gönner kommen hinzu: Kelche und Kronen, Ziborien, der bestickte «Türkenteppich» von Kaiser Leopold I., die grosse Monstranz, aus Votivgaben zusammengesetzt. Sie ist das kostbarste Stück; auf der ­heutigen Prozession muss Abt Urban darauf verzichten. «Macht nichts», sagt er lächelnd, «sie ist ohnehin ziemlich schwer.»


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