Die Pariser Strasse der Zukunft

VERKEHR ⋅ Lärmende und stinkende Autokolonnen sollen in Paris in wenigen Jahren der Vergangenheit angehören: Die Bürgermeisterin will bis 2030 Diesel- und Benzinmotoren aus dem Stadtverkehr verbannen.
13. Oktober 2017, 08:02

Stefan Brändle, Paris

Paris steht vor einer neuen Revolution – der stillsten seit jemals: Nur noch das Surren von Elektroautos soll in Zukunft auf den breiten Boulevards zu hören sein. Bürgermeisterin Anne Hidalgo schlägt dem Pariser Stadtrat nichts weniger als das Ende der herkömmlichen Verbrennungsmotoren binnen zwölf Jahren vor.

Bisher hatte die spanischstämmige Stadtvorsteherin nur die Absicht geäussert, Diesel­motoren bis zu den Olympischen Spielen von 2024 in Paris stufenweise – das heisst nach Alters­kriterien – aus dem Stadtbild zu verbannen. Gestern bestätigte ihr Transportzuständiger Christophe Najdovski einen Bericht des Radiosenders France Info, wonach bis 2030 mit allen, also auch benzingetriebenen Verbrennungsmotoren Schluss sein solle. Paris müsse bis dahin einen CO2-neutralen Verkehr aufweisen. «Wenn die Verbrennungsmotoren landesweit bis 2040 ausgemerzt sein sollen, wie das die nationale Regierung vorsieht, müssen die Städte vorausgehen», meinte Najdovski.

Umstrittene Politik ­ der Verkehrsberuhigung

Hidalgo will ihr Ansinnen den übrigen Parteien Anfang November unterbreiten, um zwei Wochen später die nötigen Schritte zu beschliessen. Einen städtischen Klimaplan, der 30 einschneidende Massnahmen in Bereichen wie Urbanismus oder Hausrenovation vorsieht, hat die rot-grüne Mehrheit im Stadtparlament schon beschlossen.

Am umstrittensten ist die Sparte Verkehr. Vor einem Jahr hat sie weite Teile der Schnellstrasse entlang der Seine in Fussgängerzonen verwandelt. Der Autoverkehr in Paris habe seit 2003 um 25 Prozent abgenommen, behauptet die 58-jährige Bürgermeisterin, die auch als nächste Präsidentschaftskandidatin der Sozialisten gehandelt wird. Die Konservativen und die Autoverbände wenden ein, die Luftverschmutzung habe insgesamt nicht abgenommen, sondern sich in die Wohnviertel verlagert. Am bisher flüssigen Boulevard Saint-Germain, wo sich die Autos nun vierspurig stauten, sei die Luft sogar noch schlechter als vorher. Und richtig: Beim Triumphbogen hupen die ineinander verkeilten Fahrzeuge weiter in den Pariser Himmel.

Keine autofeindliche ­Haltung

Hidalgo will aber noch weiter­gehen und, wie sie vor ein paar ­Tagen erklärte, auch die Ringautobahn um Paris vom Verkehr beruhigen. Noch bevor die hauptsächlich ­betroffenen Vorstadtgemeinden richtig protestieren konnten, geht die unbeirrbare Andalusierin noch weiter und verkündet gleich die Verbannung aller Diesel- und Benzinmotoren. Ihre rechte Hand Najdovski beschwichtigte gestern, hinter diesem Schritt stecke «keine autofeindliche Haltung, sondern das blosse Bemühen, die nationalen Vorgaben im Kampf gegen Treibhausgase einzuhalten». In den Internetforen schimpfen die Autofahrer trotzdem über Hidalgo, die sie «Notre-Drame de Paris» (Unser Drama) nennen. Ein Teilnehmer fragte zudem: «Wie viel bitte kostet ein Eselskarren?»

Selbst in der konservativen Zeitung «Le Figaro» war aber gestern der unpolemische Kommentar zu lesen, die Zukunft der Innenstädte gehöre nun einmal den Elektrofahrzeugen. Heute müsse man nicht mehr «die Stadt dem Auto anpassen», wie Staatspräsident Georges Pompidou in den Sechzigerjahren erklärt habe – sondern umgekehrt.


Leserkommentare

Anzeige: