Die Rückkehr zum guten alten Papier

SICHERHEIT ⋅ Angesichts der zunehmenden Cyberattacken auf staatliche und private Netzwerke werden brisante Informationen wieder öfter totem Holz anvertraut.
10. November 2017, 08:00

Im Jahr 1975 – das digitale Zeitalter deutete sich an – prognostizierte die Zeitschrift «Businessweek» den Tod des Papiers 1990. Wie man sich doch irren kann. Heute produzieren wir mehr Papier als je zuvor. 2016 wurde weltweit über eine halbe Milliarde Tonnen hergestellt.

Die eigentliche Ironie der Geschichte: Immer mehr Organisationen kehren angesichts zunehmender Cybergefahren zum Papier zurück. So lässt die US Navy ihre Marineoffiziere nach alter Seemannstradition wieder mit Kompass, Papier und Stift navigieren. Das computergestützte Navigationssystem führte in jüngerer Vergangenheit öfter zu Problemen. Im Juni dieses Jahres kam es vor der Küste Japans zu einer Kollision zwischen dem Zerstörer USS Fitzgerald und einem Containerschiff – sieben US-Marinesoldaten ertranken. Es war der vierte Vorfall dieser Art. Die genauen Ursachen sind nicht geklärt. Vermutlich fuhr das Cargo-Schiff auf Autopilot, was im Netz Spekulationen anheizte, das Navigationssystem sei womöglich gehackt worden.

Auch Unternehmen werden immer vorsichtiger

Ganz unplausibel wäre das Szenario nicht. Die Fachzeitschrift «New Scientist» berichtete unlängst, dass mutmasslich russische Cyberkriminelle Schiffe der US-Marine im Schwarzen Meer durch eine Manipulation von Navigationssystemen auf Irrfahrt schickten: Bei der Methode des GPS-Spoofing werden gefälschte GPS-Signale ausgesendet, welche den Empfänger über den genauen Standort täuschen. Um dies zu verhindern, setzt die US-Marine nun künftig auf analoge Ortsbestimmung.

Einige US-Bundesstaaten wie Virginia und Georgia kehren – entgegen dem Trend zum E-Voting – zu Papierstimmzetteln ­zurück, nachdem US-Behörden ­Cyberattacken aus Russland auf Wahlcomputer und elektronische Zählmaschinen in 21 Bundesstaaten registrierten. Viele Lokalregierungen hatten die Wahlcomputer Mitte der 2000er-Jahre angeschafft, um die alten Lochkarten-Maschinen zu ersetzen, die bei der Präsidentenwahl 2000 zu einer Neuauszählung der Stimmen in Florida führten. Computerwissenschafter hatten Zweifel an der Sicherheit der IT-Systeme geäussert.

Auch Unternehmen erwägen, angesichts der Cybergefahren hochsensible Informationen wieder papierbasiert per Boten an Empfänger zu überbringen. Das erscheint unter Sicherheitsaspekten als der beste Weg. Im Netz lassen sich durch Einschleusen von Trojanern unverschlüsselte Kommunikationsinhalte abfischen, ohne dass Empfänger oder Adressat etwas davon merkten.

Der kanadische Journalist David Sax schreibt in seinem Buch «Die Rache des Analogen», dass im Digitalzeitalter all die «analogen» Gegenstände zurückkämen, die wir vermissten: Vinylschallplatten, Notizbücher, Brettspiele. Darin mag Nostalgie mitschwingen. Doch der Autor trifft den Punkt, wenn er schreibt, dass die mechanischen Systeme die beste Versicherung gegen Cybergefahren seien.

Adrian Lobe


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