Die Toten, das Geld und der Sex

ANFÄNGE ⋅ Zum Start ins Jahr stellt der Wissenschaftsjournalist Jürgen Kaube die Frage, wie wir Menschen denn zu unseren grundlegenden Errungenschaften gekommen sind. Wir greifen fünf Themen heraus.
09. Januar 2018, 09:33

Der Affe auf zwei Beinen

Fortbewegung: Die wichtigsten Errungenschaften des Menschen liegen im Dunkel der Vorzeit. Sie sind Erfindungen ohne Erfinder, und manchmal benötigten sie auch Millionen Jahre. Wie im Falle des aufrechten Gangs, mit dem der Wissenschaftsjournalist Jürgen Kaube seinen ebenso interessanten wie unterhaltsamen Streifzug durch die Anfänge dieser Errungenschaften einleitet. Denn bis der Mensch ein aufrecht gehendes Wesen ist, muss anatomisch einiges umgebaut werden.

Die Wahrheit ist komplizierter

Doch wozu das alles? Das ist die grosse Frage. Hat der aufrechte Gang es dem Menschen erlaubt, sich im Kampf um knappe Ressourcen durchzusetzen? Oder hat erst sein wachsendes Gehirn ihn auf die Idee gebracht, die Hände als Werkzeug zu nutzen? Musste er, vom Klima in die Savanne vertrieben, mehr Weitsicht gegenüber wilden Tieren aufbringen?

Die Wahrheit, wenn es sie denn gibt, ist vermutlich komplizierter. Vielleicht hat eine Trockenperiode vor 10,5 Millionen Jahren ein Wesen begünstigt, das am Boden und in den Bäumen seine Nahrung findet: uns.

Das kochende Wesen

Jäger und Sammler: Grosse Affen verbringen etwa die Hälfte des Tages mit Kauen. Der Mensch macht etwas anderes: Er kocht. So macht er sich verdaubar, was er roh nicht essen könnte. Und spart erst noch Zeit.

Doch wie kommt er auf die Idee? Am Ursprung standen mög­licherweise die Jagd und ihre Vorteile. Fette und tierische Proteine können besser verdaut werden. Ausserdem versorgte die Auf­nahme höherer Fleischanteile in den Speiseplan den Menschen mit jenen Brenn- und Aufbaustoffen, die sein immer grösser werdendes Hirn benötigte. Und weil kein ­Jäger einen Auerochsen an einem Wochenende verzehren konnte, kam das Feuer ins Spiel.

Die männliche und die weibliche Version

Das ist die männliche Version der Geschichte. Die weibliche handelt von Pflanzen, die roh ungeniessbar, gekocht aber verdaulich sind. Sie handelt vom Sammeln, nicht vom Jagen. Wer recht hat, muss offenbleiben.

Was am Fortschritt nichts ändert, den Kochen mit sich brachte. Es förderte das gemeinschaft­liche Essen und liess so die Menschen vor etwa 12 500 bis 10 000 Jahren zusammenfinden.

Aus dem Dunkel der Höhlen

Religion: In seiner Antrittsvorlesung vertritt Reverend William Buckland im Mai 1819 an der Universität Oxford die feste Überzeugung, die Erkenntnisse der Geologie liessen sich problemlos mit der Bibel in Übereinstimmung bringen. Vier Jahre später entdeckt er in Südwales Überreste eines Menschen, die dunkelrot eingefärbt sind. Und der vor etwa 26'000 Jahren bestattet worden war – weit vor dem berechneten Datum der biblischen Schöpfung im Jahr 5508 vor Christus.

Der erste Ort mit religiösem Zweck

Dass dieser Mensch in einer Höhle seine letzte Ruhestätte fand, ist kein Zufall. «Im Schutz der Höhlen entstand die Fantasie», erklärte der Philosoph Hans Blumenberg – und mit ihr die Vorstellung, dass es mehr als eine Welt gibt. Hier bilden sich in früher Zeit jene Vorstellungen heraus, die sich später als Religion festigen. Und es manifestiert sich in Höhlenmalereien ein Bewusstsein der Mensch-Tier-Beziehung.

Später werden den Toten bestimmte Orte reserviert, die zu Kultstätten werden. Göbekli Tepe in Anatolien ist vor etwa 12'000 Jahren der erste Ort, der nur religiösen Zwecken dient.

Eine falsche ­Theorie übers Geld

Münzen: Die gängige Erklärung, wie es zur Erfindung des Geldes kam, lautet: Die Menschen tauschen, weil sie nicht alles selber herstellen können. Sie treiben Handel, und um die Tausch­vorgänge zu vereinfachen, greifen sie nach einer beliebten, lager­fähigen und transportablen Ware, zum Beispiel Gold oder Silber. So entsteht das Geld.

Die Theorie ist gut und klar. Nur stimmt sie nicht. Noch Homer, dessen «Ilias» um 660 vor Christus geschrieben wird, kennt zwar Gold als Tauschmittel, aber kein Geld in Form geprägter Münzen. Zwanzig Jahre später existieren diese Münzen, und innert 150 Jahren wandelt sich in Griechenland und der Türkei die Wirtschaft zur Geldwirtschaft.

Der Staat kommt auf die Idee, nicht die Wirtschaft

Allerdings, und daran krankt die Theorie: Die ersten Münzen haben einen vergleichsweise hohen Wert, und sie kursieren lokal und nicht im Fernhandel. Weil ihr Edelmetall-Gehalt schwankt, werden sie mit Prägestempel versehen. Nicht Händler bringen sie in Umlauf, sondern politische Autoritäten. Deshalb sind es wohl politische Schulden, die so be­glichen werden.

Mann und Frau: Warum nur?

Monogamie: Lange hat man geglaubt, die Vögel täten es uns gleich und lebten treu zusammen als Männchen und Weibchen. Doch DNA-Analysen zeigen: Sie gehen öfter fremd. Und unter den Säugetieren leben nur drei bis fünf Prozent der Arten monogam. Polygamie dagegen kommt häufig vor, auch unter Menschen: Von rund 1200 ethnischen Kulturen, die um 1980 katalogisiert worden sind, hatten in gut der Hälfte die Männer mehrere Frauen. Allerdings vor allem bei Sammlern und Jägern und weit weniger bei sesshaften Völkern. Mit dem Ackerbau werden Mann und Frau stärker voneinander abhängig. Immer weniger Frauen wollen da Zweitfrau sein.

In städtischen Verhältnissen schliesslich verringert die monogame Heirat als Norm den Konkurrenzkampf unter den Männern. Wie es ein römischer Beamter schon 100 vor Christus formulierte: «Die Ehe ist, wie wir alle wissen, eine Quelle des Verdrusses, dennoch muss man heiraten, und zwar aus Bürgersinn.»

Rolf App

Jürgen Kaube: Die Anfänge von allem, Rowohlt Berlin, 445 S.

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