Digitales Wohlbefinden

Schweizerinnen und Schweizer halten sich für gewiefte und selbstbestimmte Internetnutzer.
09. November 2017, 08:20

Ferienbilder posten, Katzenvideos auf Youtube oder Pornos gucken. Das Internet kann für viele Zwecke verwendet werden. Das Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung der Universität Zürich wollte genauer wissen, wie es um die Internetnutzung in der Schweiz steht. Dies im Rahmen des World Internet Project (WIP), einer vergleichenden Internet-Langzeitstudie in 30 Ländern.

Wer im Zug sitzt und sieht, dass die meisten Mitfahrer kaum mehr von ihrem Smartphone ­lassen können, fragt sich, ob da nicht ein digitaler Überkonsum eine Belastung sein könnte. Bei jungen Menschen und Personen mit niedrigem Bildungsstand sei Überkonsum und das Gefühl, dadurch wichtigere Dinge zu versäumen, häufig, werde aber gar nicht als grosses Problem empfunden, schreibt die Universität Zürich. Acht von zehn Nutzern glauben, wichtige von unwichtigen Internetaktivitäten gut unterscheiden zu können. Sie glauben auch, selbst bestimmen zu können, welchen Informationsquellen oder Personen sie online folgen. Ein anderes Thema ist der Erwartungsdruck: Denn immerhin die Hälfte der Internetnutzer in der Schweiz hat das Gefühl, dass von ihnen im Alltag erwartet wird, schnell auf Nachrichten zu antworten. Dieser Druck, online und verfügbar zu sein, beschäftigt vor allem Gebildete und ­Junge. Bei der Social-Media-Nutzung fühlen sich vermehrt Junge und Niedriggebildete unter Druck.

Überwiegend halten sich die Befragten für gewiefte Internetnutzer, die Männer noch mehr als die Frauen. «Das digitale Wohlbefinden ist in der Schweiz gross», bilanziert Michael Latzer, Professor an der Universität Zürich. 90 Prozent der Bevölkerung sind im Internet, 80 Prozent auch unterwegs. Seit 2011 hat sich die Nutzungszeit verdoppelt auf 25,5 Stunden pro Woche. Am meisten online sind Junge und Niedriggebildete. Nur noch rund 360000 Menschen in der Schweiz nutzen das Internet nie.

Von den Interaktionsangeboten sind Texten/Chatten (83%) und Internettelefonie (67%) in den vergangenen Jahren am stärksten angestiegen – beide haben sich verdoppelt. Twitter wird aktiv von 8 und passiv von 15 Prozent genutzt. Bei der Unterhaltung dominieren der Musik- (69%) und Videokonsum (65%). Zeitversetztes TV (50%) stieg seit 2011 am stärksten an. Ein Drittel spielt online, ein Viertel gibt an, erotische Inhalte zu betrachten. Das Internet sei zur bedeutendsten Informationsquelle geworden, gefolgt von Zeitungen und TV. Allerdings sei das Vertrauen in die Internetinhalte seit 2013 erheblich gefallen, sagt Latzer. Für viele sei das Internet kein sicherer Ort für politische Meinungsäusserung.

Bruno Knellwolf


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