Aus Protest: Echo-Gewinner geben Preis zurück

RAP-SKANDAL ⋅ Das Duo Kollegah und Farid Bang textet judenfeindlich – und wurde trotzdem mit dem wichtigsten deutschen Musikpreis belohnt. Namhafte Preisträger lehnen den Echo-Preis nun aus Protest ab.
17. April 2018, 08:15

Philipp Bürkler, Melissa Müller

Die Empörung bricht nicht ab. Mehrere Musiker geben ihre Echo-Auszeichnung nachträglich zurück. Sie protestieren damit gegen die Auszeichnung der Rapper Kollegah und Farid Bang.

Klaus Voormann, ein Wegbereiter und Freund der Beatles, verschmäht den Echo für sein Lebenswerk, den er am Donnerstag erhalten hat. «Provokation ist erlaubt und manchmal sogar notwendig», sagte der bald 80-Jährige. Aber die Grenze zu menschenverachtenden, frauen­feindlichen, rassistischen, antisemitischen und gewaltverherrlichenden Äusserungen und Taten dürfe nicht überschritten werden. Auch die Gewinner des Echo Klassik vom letzten Jahr, das «Notos Quartett», wollen ihren Echo nicht mehr. Der Preis toleriere offenen Rassismus.

Auf dem Album der Düsseldorfer finden sich Zeilen wie «Mache wieder mal ‘nen Holocaust, komm’ an mit dem Molotow» und «Mein Körper definierter als von Auschwitz­insassen». Während Kollegah im Fitness­studio freiwillig seinen Körper trimmt, stellt er seinen Muskelfetisch abgemagerten Häftlingen im Konzentrationslager gegenüber. Die Rapper erhielten die Ehrung ausgerechnet am 12. April, dem Holocaust-Gedenktag.

«Künstler sind nur noch Statisten»

Der Echo-Ethikrat hatte im Vorfeld das umstrittene Zitat geprüft und als «Grenzfall» befunden: Es sei zwar geschmacklos, aber nicht antisemitisch. Der erste, der dagegen die Stimme erhob, war Campino. Der «Tote Hosen»-Frontmann kritisierte die Rapper direkt an der Veranstaltung auf offener Bühne. Sängerin Sophie Hunger schrieb im Nachgang einen offenen Brief an die Ethikkommission. «Katastrophal», befand sie.

Beim Echo-Preis geht es nicht um Kunst, sondern nur um Verkaufszahlen. Das kritisierte Album «Jung, Brutal, Gutaussehend 3» wurde 30 Millionen Mal ge­streamt und 200000 Mal verkauft. «Es geht um Geld, Marktanteile und Selbstdarstellung. Die Künstler selbst sind nur noch Statisten», sagt Sänger Peter Maffay, der gar einen Rücktritt der Verantwortlichen fordert. Mittlerweile kündigte der Bundesverband der Musikindustrie als Veranstalter an, das Konzept zu überarbeiten.

Bereits im Dezember gab es in der Schweiz einen Aufschrei wegen Kollegah und Farid Bang, nachdem Radio SRF 3 in den Charts ihren frauenverachtenden Song «Ave Maria» gespielt hatte. Darin heisst es: «Dein Chick ist ne Broke-Ass-Bitch, denn ich f**k sie, bis ihr Steissbein bricht».

Jurist und ­Verschwörungstheoretiker

Kollegah, mit richtigem Namen Felix Andreas Blume, ist zum Islam konvertiert. Er ist eine widersprüchliche Persönlichkeit: Einerseits hat er Jura studiert, anderseits verbreitet er Verschwörungstheorien und antiisraelische Propaganda. Der Influencer hat Hunderttausende Follower. Im 13-minütigen Musikvideo «Apokalypse» inszeniert er sich als machomässiger Retter im angeblichen Menschheitskampf zwischen Gut und Böse. Seine Idee: der Teufel kommt auf die Erde und will die Menschheit dezimieren. Der «Diener des Teufels» trägt einen Ring mit eingraviertem Davidstern. Dieses Symbol sei nicht zufällig gewählt, sagt Jakob Baier, der Kollegahs Werk am Zentrum für Antisemitismusforschung in Berlin untersucht.

Anlässlich des «Albania Festivals» sollen die Muskelprotze am 5. Mai in der BBC-Arena in Schaffhausen auftreten. Der Organisator war für eine Stellungnahme gestern nicht erreichbar. Der Veranstalter des grössten Hip-Hop-Festivals Europas, das Open Air Frauenfeld, will keine Stellung zum Rap-Skandal nehmen. Obwohl in Frauenfeld im Juli mit Rapper Haftbefehl ebenfalls ein Künstler auftritt, der schon durch antisemitische Äusserungen aufgefallen ist. «Wir äussern uns nicht zu Textinhalten von Künstlern», sagt Sprecher Joachim Bodmer.


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