Eiertanz um eine Architekturzeitschrift

KUNST ⋅ Vier nationale und internationale Künstler haben sich für eine Ausstellung im Museum Nidwalden intensiv mit alten Ausgaben der Schweizer Architekturzeitschrift «Archithese» beschäftigt. Das ambitionierte Ausstellungskonzept hinterlässt auch Fragezeichen.
10. November 2017, 08:04

Konzeptueller Ausgangspunkt der Ausstellung im Winkelriedhaus in Stans bildet das 1971 vom Nidwaldner Architekten Hans Reinhard und vom Luzerner Kunsthistoriker Stanislaus von Moos lancierte Architektur­magazin «Archithese». Die fortbestehende Quartalsschrift widmet sich je unter einem geschlossenen Themenbereich aktuellen Architekturproblemen. In der Ausstellung haben sich vier Künstler mit zwanzig im Winkelriedhaus aufliegenden Ausgaben der Schriftenreihe zwischen 1972 und 1976 auseinandergesetzt.

Künstlerische Auseinandersetzung mit Grundrissen

Auftakt der Ausstellung bildet der Videoloop «Notes on Turning» (2017) von Gregor Eldarb (*1971). Inhaltlich setzt sich die Arbeit aus Fotografien und vom Künstler gebauten Objekten zusammen, die auf Bauwerke und Parks in Brüssel verweisen. Referenzen zur vergriffenen 19. Ausgabe der «Archithese» von 1976 weist Eldarbs grossformatige Zeichnung «Poche» (2017) auf: Auf schwarz gefärbter Leinwand sind die weiss, grün und rot schraffierten Flächen als Darstellungen von Architektur in Grundriss oder Schnitt zu lesen.

Zitathaften Eingang finden Texte und Begriffe der «Archithese»-Ausgaben auch in Eldarbs Arbeit «Redite» (2016–2017). Bestehend aus einem an die Wand montierten Pseudogestell evoziert die Installation mit den auf die Regalflächen gleichmässig verteilten Bildern aus Buchbinderleinen Konnotationen an ein Büchergestell.

Einen anderen Blickwinkel auf die «Archithese» richtet die in Brüssel lebende Künstlerin Sophie Nys (* 1974). Für ihre im Pavillon ausgestellte Arbeit «Aktiv/ Gelöscht» (2017) hat Nys in den für die Ausstellung relevanten Ausgaben der «Archithese» die gedruckten Werbeanzeigen fokussiert und ist dabei der Frage nachgegangen, ob die Unternehmen der im Magazin publizierten Anzeigen aktuell noch «aktiv» sind oder bereits «gelöscht».

Fragment der Schweizer Industriegeschichte

Die Ergebnisse ihrer Nachforschungen hat Nys für die nicht mehr existenten Unternehmen in Form von Ausdrucken der Originalanzeigen an die Wand gepinnt. Die Annoncen der bis heute aktiven Unternehmen hat die Künstlerin dagegen zu einem Buch gebündelt, das im Ausstellungsraum gestapelt zum Mitnehmen vorliegt.

Was Nys mit ihrer Arbeit implizit präsentiert – ein Fragment der Schweizer Industrie- und Anzeigengeschichte – ist mehr von historischem Interesse geleitet als von ästhetischen Gesichtspunkten.

Eine historisch-dokumentarische Perspektive nimmt auch Katalin Deér (*1965) in der Arbeit «No ideas but in things» (2017) ein. Zusammengesetzt aus Keramikobjekten, Glaswaren und antiquiertem Mobiliar sowie Fotografien, die als verlängerte Papierbahnen in den Raum greifen, hat Deérs eine Rauminstallation konzipiert. Die Fotografien an der Wand nehmen dabei unter anderem zentrale Figuren der «Archithese» in den Fokus, wie beispielsweise die Schweizer Architektin Lisbeth Sachs (1914–2002). Willkürlich erscheint jedoch die konzeptuelle Entscheidung der Künstlerin, einzelne auf Mobiliar gestellte Glas- und Keramikobjekte, die sich in der Installation als fotografierte Abbildungen wiederfinden, mit den dazu dürftig korrespondierenden Fotografien, die in Bezug zu «Archithese» stehen, zu einer Installation zusammenzuführen. Mehr als neue Bedeutungshorizonte zu eröffnen, stiftet das fragwürdige Ensemble von Fotografien, Objekten und Mobiliar Verwirrung.

Mit Bleistift und Papier

Befremdlich ist angesichts des kuratorischen Konzeptes der Ausstellung Samuli Blatters (*1986) Arbeit «Strange Attractor IV» (2014–2017). In den kräftigen Bleistiftstrichen, mit denen Blatter klein- bis grossformatiges Papier in Träger abstrakter Zeichnungen verwandelt, finden sich kaum nennenswerte Anknüpfungspunkte zur «Archithese». Mit Architektur im weitesten Sinne haben Blatters Arbeiten immerhin so viel zu tun, dass sie als Zeichnungen formal auf dieselben Materialien – Bleistift und Papier – zurückgreifen, wie die Architekten in den 1970er-Jahren beim Skizzieren. Die Architektur zu sprengen, wie der Saaltext verheisst, vermögen die zu einer wandfüllenden Collage zusammengesetzten Zeichnungen deswegen noch lange nicht.

Mit den vier ausgestellten Künstlerpositionen gelingt es der Ausstellung leider nur ansatzweise, interessante Aspekte der «Archithese» mittels Kunst in den Fokus zu rücken.

Tiziana Bonetti

kultur@luzernerzeitung.ch

Hinweis

«Sammelstelle Archithese». Mit Samuli Blatter, Katalin Deér, Gregor Eldarb, Sophie Nys. Nidwaldner Museum, Winkelriedhaus. Öffnungszeiten: Mi, 14–20 Uhr, Do/Fr/Sa, 14–17 Uhr, So, 11–17 Uhr. Bis 11. 2. 2018. Infos:

www.nidwaldner-museum.ch


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