Ein bayrisches Fest macht sich breit

O'ZAPFT IS ⋅ Ab Samstag fliesst am Münchner Oktoberfest das Weissbier wieder in Strömen. Doch längst verbreiten auch in der Schweiz Dutzende von Kopien des beliebten Anlasses bayrische Lebensfreude – «es is a Mordsgaudi.»
15. September 2017, 07:46

Christian Peter Meier

Zwei linke Hände hat Dieter Reiter zum Glück nicht. Denn erneut dürfte dem Münchner Oberbürgermeister die halbe Welt dabei zuschauen, wie er morgen Samstag um exakt 12.00 Uhr mit hoffentlich wiederum nur wenigen Schlägen ein Fass Weissbier anstechen wird. Die erste Mass geht traditionsgemäss an den Ministerpräsidenten des Freistaats; Böllerschüsse werden ertönen und weitherum kundtun, dass der wohl wichtigste bayrische Staatsakt des Jahres soeben vollzogen und damit die 184. Ausgabe des Münchner Oktoberfests eröffnet wurde. O’zapft is – und auf der Theresienwiese nimmt sodann bis zum 3. Oktober wiederum eine der populärsten Veranstaltung Europas ihren Lauf: Im letzten Jahr sollen sich laut Schätzungen der Festleitung 5,6 Millionen Besucher auf der Wiesn vergnügt haben.

Der Erfolg des Münchner Oktoberfestes widerspiegelt sich in seinen Kopien: Denn Oktoberfeste samt Weissbier, Brezen, Dirndln, Lederhosen und einer Mordsgaudi haben sich mittlerweile weltweit etabliert. Auch in der Schweiz erfreut sich die importierte bayrische Festfreude seit mehreren Jahren wachsender Beliebtheit. Wer anfänglich von einer kurzfristigen Mode ausging, lag falsch – weil immer noch weitere Anlässe hinzukommen. Oft sind sie im grossen Stil aufgezogen und dauern mehrere Tage oder gar Wochen. Wie etwa in St. Gallen, wo dieses Jahr zum ersten Mal überhaupt ein gross aufgezogenes Oktoberfest durchgeführt wird: Es findet vom 28. bis am 30. September in der offenen Kirche statt. Nicht weniger als 3000 Besucher erwarten die Organisatoren, wie OK-Präsident Reto Allenspach sagt. Schon länger etabliert hat sich das Oktoberfest in Luzern; es erstreckt sich über drei Wochenenden und ist derzeit gerade in vollem Betrieb. Im Eiszentrum finden gut 1400 Leute Platz. Laut Projektleiter Sandro Germann von der organisierenden Tavolago AG ist die diesjährige, siebte Ausgabe sehr gut angelaufen: «Zum Teil sind wir trotz der grossen Platzzahl ausverkauft. Ich bin zuversichtlich, dass wir erneut mindestens 10 000 Tickets werden absetzen können.»

Temporärer Trend, Münchner Klon oder lokale Ausprägung

Zivil gekleidet erscheint übrigens kaum jemand an einem Oktoberfest. «95 Prozent unserer Gäste tragen Dirndl oder Lederhosen», schätzt Germann. Das dürfte demnächst in St. Gallen kaum anders sein. «Denn das Oktoberfest bietet eine passende Gelegenheit, sich zu verkleiden, aus dem Alltag auszubrechen und sich gekonnt in Szene zu setzen», sagt Reto Allenspach: «Das gefällt!»

Doch warum eigentlich? Antworten auf diese Frage hat Mischa Gallati, Dozent für populäre Kulturen an der Universität Zürich. «Es reizt Menschen, sporadisch aus der Alltagsfigur heraus und in eine neue Rolle zu schlüpfen, Teil einer Performance zu werden. Das kennt man ja etwa auch vom Fussball oder von der Fasnacht», weiss der gebürtige Luzerner. Die stereotype Oktoberfestverkleidung habe einen grossen Wiedererkennungswert, was letztlich für den gesamten Anlass samt Deko und Musik gelte. «Weil alles einfach ist, kommt man schnell in einen Flow. Schon beim zweiten Reim können Sie mitsingen.» Dieses gemeinsame Erlebnis, das nur vor Ort möglich werde, sei sogar wichtig – gerade in Zeiten von Digitalisierung und Vereinzelung. «Man könnte auch sagen, dass unsere Burn-out-Gesellschaft das Festzelt braucht, für kleine Fluchten, als Ventil.» Was aber sagt Mischa Gallati zur Tatsache, dass die Festbesucher ausgerechnet in eine importierte bayrische Welt flüchten? «Es ist nichts ‹schon immer› gewesen. Auch die Fasnacht als Inbegriff von lokalem Brauchtum entstand im Mittelalter in städtischen Zentren und wurde erst allmählich an verschiedenen Orten adaptiert und zu etwas ‹Eigenem› gemacht.» Für Gallati wird es spannend sein, was aus dem Oktoberfest bei uns im Laufe der Zeit wird: «Womöglich verschwindet der Trend wieder, oder das Fest bleibt quasi ein Münchner Klon – oder aber es entwickeln sich allmählich lokale Ausprägungen.» Erste Individualisierungstendenzen sind tatsächlich schon festzustellen: Jüngst fand etwa in Altdorf ein «Ürner Oktoberfest» statt.

Der Oktober ist «kein klassischer Biermonat»

Die regionalisierten Oktoberfeste entsprechen allerdings nicht nur einem Bedürfnis des Publikums. Vielmehr wird der Trend von den Organisatoren und den beteiligten Branchen auch heftig befeuert. Urs Frei bestätigt dies als Sprecher der Brauerei Eichhof Luzern und deren Mutterfirma Heineken Switzerland: «Wir sind Mitorganisatoren von drei Schweizer Oktoberfesten – darunter von jenem in Luzern. Uns geht es dabei um die Förderung der Bierkultur und natürlich des Bierkonsums.» Das biete sich im Oktober besonders an, weil dies «kein klassischer Biermonat» sei.

An den Festen werde jeweils lokales Bier ausgeschenkt, überdies ein bayrisches Weissbier, dessen Exklusivvertretung Heineken in der Schweiz wahrnehme. Wobei es nicht beim importierten Bier bleibt, wie wiederum Projektleiter Sandro Germann verrät: «Auch unser Servierpersonal stammt aus Erding.» Die St. Galler Brauerei Schützengarten beliefert ebenfalls mehrere Oktoberfeste – etwa jenes in Frauenfeld, das an den ersten zwei Wochenenden im Oktober stattfindet. Marketingleiter Roger Tanner weiss natürlich ebenfalls um den Trend: «Er hält schon länger an und ist in der Nähe zur Schlagerwelt und des Kults um Andreas Gabalier zu verorten.»

Tanner glaubt aber auch zu wissen, warum die Mode ausgerechnet in St. Gallen bislang noch nicht so recht Fuss fassen konnte: «Unser mit Abstand grösstes Oktoberfest heisst eben Olma.» Da geht es bekanntlich mitunter auch bierselig zu und her. Aber eben ohne Münchner Couleur. Trotzdem: Die Brauerei Schützengarten hat frühzeitig gehandelt und schon 2009 ein Weissbier ins Sortiment aufgenommen, den «Weissen Engel». Tanner: «Der anfänglich recht kleine Marktanteil von Weissbier hat sich im Laufe der letzten Jahre denn auch deutlich vergrössert und liegt heute im Bereich von mehreren Prozent.» Oktoberfeste in der Schweiz dürften in der Summe mittlerweile Hunderttausende Leute anziehen. Was sagt die etablierte Gastronomie zu dieser Tatsache? Walter Tobler ist Präsident von Gastro St. Gallen – und bleibt gelassen: «Natürlich binden solche Veranstaltungen viele Gäste an sich. Doch wenn sich die Organisatoren an alle Vorschriften halten und ihr Personal recht entlöhnen, haben wir als Verband nichts dagegen.»

Zum Schluss noch dies: Wer spontan Lust auf bayrische Festfreude bekommen sollte, findet das nötige Outfit unterdessen an so manchem Ort. Sogar im Luzerner Bahnhof ist ein Dirndl, oder wenigstens die Parodie auf ein Dirndl, zu erwerben: für günstige 59.95 Franken.

 

Leserkommentare

Anzeige: