Ein Leben in Kaffeemaschinen

TRINKEN ⋅ Kaffee ist eine koffeinhaltige Brühe, um die zurzeit viel zu viel Aufhebens gemacht wird, findet die Autorin. Doch ein Blick in ihren Küchenschrank beweist, dass die eigene Kaffee-Biografie voller Irrungen, Moden und steigender Ansprüche ist.
16. April 2018, 08:05

Katja Fischer De Santi

 

Es begann unschuldig und mild. Ich war neun Jahre alt, als ich im Skilager in Sedrun mit Koffein angefixt wurde. Kinderkaffee nannten die Leiter das Incarom-Wasser-Milch-Gemisch. Ich mochte das Aufgussgetränk aus gerösteten Zichorien und löslichem Kaffee nicht besonders, aber fühlte mich mit jedem Schluck davon wichtiger. So müssen sich Genusssüchtige auch heute fühlen, wenn sie ihren Kaffee durch angesagte japanische Slow-Coffee-Sets sickern lassen. Ich trank nach diesem Skilager sehr lange keinen Kaffee mehr.

Die Moka-Bombe

Gerade volljährig geworden, hielt ich in meiner ersten Wohnung Instant-Kaffee (ohne Zichorie) für eine gute Wahl, das Skilagererweckungserlebnis wirkte wohl unbewusst nach. Zumindest bis meine Mitbewohnerin in die Küche kam und eine achteckige Kanne aus Aluminium auf den Gasherd stellte: eine Bialetti Moka Express. «Damit macht man richtigen Kaffee», sagte sie. Ich wollte ihr gerne glauben. Bis heute verklärt sie die kochend heisse, schwarze Brühe aus der Moka als den wahren Kaffee. Ich weiss nicht mehr, wie oft unsere Caffettiera zischend übergekocht ist. Ich weiss nicht mehr, wie oft ich vergessen habe, Wasser einzufüllen, und die Kanne auf dem Herd fast verglüht wäre. Ich weiss aber noch sehr genau, wie es schepperte, wenn meine Mitbewohnerin in der Früh die eingetrockneten Pulverreste aus der Kanne klopfte. In zwei Dingen ist die italienische Bialetti aber jeder anderen Zubereitungsmethode überlegen: Es ist vollkommen egal, was für ein Kaffeepulver man hineinfüllt, heraus kommt immer ein rabenschwarzer Brutalkaffee. Und nichts duftet morgens besser, als eine leise vor sich hinblubbernde Moka Express.

Das Kaffee-Drücker-Prinzip

Die Wege meiner Mitbewohnerin und mir trennten sich, und mit ihr verschwand auch die Moka aus meinem Leben. Eine French Press schien mir die zeitgemässere Variante des Kaffeemachens. Schuld daran ist Bodum. Die dänische Firma hatte es in den Nullerjahren geschafft, das Kaffee-Drücker-Prinzip richtig chic zu machen. Ein Marketing-Wunder. Ich habe bis heute nicht herausgefunden, wann der richtige Zeitpunkt gekommen ist, um mit ganz viel Gefühl den Kolben runterzudrücken. Die Bodum-Kanne verschwand schnell im Küchenschrank. Ich zog wieder mit meiner früheren Mitbewohnerin zusammen und verbrannte mir zwei weitere Jahre lang die Zunge am Brutalkaffe aus der Moka.

Die Monster-Maschine

Irgendwann galt es ernst. Fertig studentische Flegeljahre, hallo Arbeitsleben. Und wo ein Lehrerzimmer oder eine Redaktion war, da standen früher auch diese Kaffee-Vollautomaten. Riesige Ungetüme, die seltsame Laute von sich gaben, unkontrolliert zischten, unsinnig viele Knöpfe hatten und doch nur eine braune Brühe zustande brachten. Getrunken haben diese trotzdem alle. Für das Bohnenkaufen und Nachfüllen gab es einen Ämtliplan, an den sich niemand hielt. Die Reinigung des Kaffee-Monsters mussten Experten erledigen.

Die Kapsel-Bequemlichkeit

Menschen mit regelmässigem Einkommen trinken ihren Kaffee nicht aus irgendwelchen Kannen, liess ich mir mit knapp dreissig sagen und kaufte mir für zu Hause eine Nespresso-Maschine. So sauber, so klein, so zuverlässig und die Kapseln so unanständig teuer, eine typisch schweizerische Erfindung. Die regelmässigen Besuche in der Nespresso-Boutique gaben mir eine Ahnung davon, wie sehr man Kaffeetrinken überhöhen kann. Aber ich gebe es gerne zu, ich war glücklich mit meiner Nespresso. Kaffee in allen Stärkegraden. Kaffee ohne Sauerei. Ich begann auch die alten Kapseln zu sammeln, von wegen Ökobilanz, um sie dann, mit Schimmel überzogen, trotzdem in den Müll zu kippen.

Das Prestige-Objekt

Doch Menschen, die glückliche Kapsel-Maschinen-Besitzer sind, wird ständig ein schlechtes Gewissen eingeredet. Von Hobbybaristas, die lieber Wasser trinken, als dass eine Kapsel-Plörre ihre Lippen berühre. Wer solche Genussmenschen besucht, muss sich Vorträge über Mahlgrade, Pumpdruck und die perfekte Crema anhören. Mit fortschreitendem Alter nimmt die Dichte der Siebträgerkaffeemaschinen-Besitzer im Bekanntenkreis markant zu. Eine Bezzera (italienische Espresso-Maschine) für 2000 Franken gehört zur gepflegten Wohnungseinrichtung, und persönliche Kontakte zu Kaffeeröstern sind ein Muss. Um den Siebträger-Besitzer aus der Façon zu bringen, muss man zum Kaffee nur Zucker und viel Milch verlangen.

Der Design-Filterkaffee

Ich bin für die Bedienung einer Handhebel-Maschine nicht gemacht. Ich will mich mit meinem Kaffee nicht länger als unbedingt nötig auseinandersetzen. Ich schaffte mir trotzdem eine Chemex an. Die Bezzera für Arme. Kostete nur einen Bruchteil und soll den besten Filterkaffee auf Erden herstellen. Zudem ist die edle Glaskaraffe mit Holzmanschette sehr schön anzusehen. Was kein gutes Argument ist, wenn es ums Kaffeemachen geht. Aber was ein deutscher Chemiker erfunden und einen Platz im Museum of Modern Art hat, muss ja zu was taugen. Was ich nicht wusste, war, dass die Chemex nur was taugt, wenn man im Besitz einer Präzisionswaage und speziellen, speziell teuren Filtern ist. Wie im Chemieunterricht pröbelte ich mit Durchlaufzeiten, Wassertemperaturen (93 Grad!) und Mahlstärken. Nach drei Tagen hatte ich das perfekte Verhältnis gefunden. Der Kaffee war sehr gut und sehr schnell kalt. Die schöne Karaffe mit der Holzmanschette steht seither äusserst dekorativ, aber angestaubt im Regal. Ich betrachte sie gerne, während ich eine Kapsel in meine Nespresso-Maschine drücke und mir überlege, ob ich nicht vielleicht doch so einen japanischen Porzellanfilter bestellen muss, dass soll ja die einzig richtige Art sein, wie man heute seinen Kaffee trinkt.


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