Ein ökumenischer Heiliger?

BRUDER KLAUS ⋅ Für den reformierten Pfarrer Fritz Gloor ist er nicht einfach eine katholische Heiligenfigur. Er sieht den Eremiten als vorreformatorischen Zeugen und bedeutende Integrationsfigur zwischen den Konfessionen.
10. November 2017, 08:07

Benno Bühlmann

redkation@luzernerzeitung.ch

Fritz Gloor, zwei grosse Jubiläen stehen in diesem Jahr im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit: Zum einen wird das 600-Jahr-Jubiläum von Niklaus von Flüe gefeiert, zum anderen 500 Jahre Reformation. Sehen Sie da einen Zusammenhang?

Auf den ersten Blick stehen die beiden Jubiläen natürlich in einem etwas asymmetrischen Verhältnis zueinander. Bei näherer Betrachtung können wir hier aber durchaus einen Zusammenhang erkennen. Denn Niklaus von Flüe gehört am Rande bereits in die Epoche der Reformation, die ja nicht erst 1517 mit Martin Luthers legendärem Thesenanschlag begann. So standen seine ersten Biografen als Humanisten den reformatorischen Anliegen sehr nahe. Heinrich Wölfli, der im Auftrag der Obwaldner Regierung eine Lebensbeschreibung des Einsiedlers verfasste, war Zwinglis Lateinlehrer und später dessen Freund.

In Ihrem Buch mit dem Titel «Bruder Klaus und die Reformierten» schreiben Sie, dass es sich bei Niklaus von Flüe um einen «vorreformatorischen Zeugen evangelischer Wahrheit» handelt. Was wollen Sie damit sagen?

Aus verschiedenen Quellen geht hervor, dass die Reformatoren in Niklaus von Flüe nicht einen «Andersgläubigen» sahen, sondern einen authentischen Zeugen des Evangeliums, der mit den von ihnen angeprangerten Missständen in der Papstkirche nichts zu tun gehabt hatte. So nahm beispielsweise Huldrych Zwingli in verschiedenen Schriften und Predigten Bezug auf ihn. Er war für ihn weit mehr als nur ein Gleichgesinnter in seinem Kampf gegen das Söldnerwesen. Zwingli und sein Nachfolger Heinrich Bullinger waren überzeugt, zu glauben, wie Bruder Klaus geglaubt hatte. Sehr früh haben sodann deutsche Lutheraner in dem bekannten Gebet von Bruder Klaus – «Mein Herr und mein Gott» – eins zu eins die Rechtfertigungslehre von Martin Luther wiedergefunden. Den entscheidenden Anknüpfungspunkt sahen sie in der Überzeugung, dass der Glaube an Christus keine menschliche Leistung ist, sondern sich allein der Gnade Gottes verdankt.

Haben Sie sich auch schon gefragt, was Niklaus von Flüe selber dazu sagen würde?

Die Frage, auf welche Seite er sich selber geschlagen hätte, ist müssig. Ihn als «Katholiken» oder als «Protestanten» zu vereinnahmen, verbietet sich schon deshalb, weil es zu seiner Zeit eine katholische Kirche im späteren, konfessionellen Sinn so wenig gab wie eine evangelische. Letztlich wissen wir aber doch relativ wenig über Bruder Klaus. Unbestritten ist, dass er von seinen Zeitgenossen als aussergewöhnliche Persönlichkeit wahrgenommen wurde, dessen Enthaltsamkeit ihm schon früh den Ruf der Heiligkeit eingetragen hatte.

Bekanntlich ist der berühmte Landesheilige in der bewegten Wirkungsgeschichte der Reformation von beiden Seiten vereinnahmt worden. Wie beurteilen Sie diesen Umstand aus reformierter Perspektive?

Seine Vermittlung auf der Tagsatzung von Stans machte Niklaus von Flüe – unabhängig von der Konfessionszugehörigkeit – in der Eidgenossenschaft dauerhaft zu einer nationalen Integrationsfigur und zu einem Symbol des Friedens und der Versöhnung. Weil ihn die Gegenreformation zugleich zur Leitgestalt des Katholizismus machte, personifizierte Niklaus von Flüe vom 16. bis ins 20. Jahrhundert jedoch auch die konfessionelle Zweiteilung der Schweiz. Dabei blieb seine Friedensbotschaft nicht selten auf der Strecke. Gerade im Gedenkjahr 2017 wäre es unehrlich, zu verschweigen, dass Bruder Klaus immer wieder zwischen die konfessionellen Fronten geriet. Wir stehen heute vor der Aufgabe, die kontroverse Geschichte aufzuarbeiten und eine ökumenische Erinnerungskultur zu fördern.

Könnte man Bruder Klaus heute gewissermassen als «ökumenischen Heiligen» bezeichnen?

Das halte ich für irreführend. Heiligenverehrung ist nun einmal kein Element evangelischen Glaubens. Durch die Diskussionen im Zusammenhang mit seiner Heiligsprechung ist der Begriff «Heiliger» ausserdem vorbelastet. Im ökumenischen Dialog gibt es zentralere Themen.

Was fasziniert Sie persönlich an der Figur von Niklaus von Flüe, mit dem Sie sich anlässlich der Recherche für Ihr Buch ja über längere Zeit intensiv auseinandergesetzt haben?

Mich interessiert in erster Linie seine aussergewöhnliche Wirkungsgeschichte. Von Anfang an faszinierte mich die enorme Ausstrahlung, die Niklaus von Flüe bei all seiner Fremdheit bis auf den heutigen Tag ausübt. Dieses Phänomen manifestierte sich ja auch während des aktuellen Gedenkjahres wieder in überraschender Weise. Er hat auf den verschiedensten Ebenen erstaunlich viele Impulse vermittelt. Obwohl er einer anderen Zeit und einer anderen Welt zugehört, gibt es viele Menschen, die unabhängig von ihrer religiösen Ausrichtung in Bruder Klaus eine Gestalt wahrnehmen, die ihnen persönlich viel bedeutet.

Hinweis

Pfarrer Fritz Gloor spricht am Mittwoch, 15. November, um 18.15 Uhr an der Universität Luzern zum Thema «Unterwegs zu einer ökumenischen Erinnerungskultur. Bruder Klaus und die Reformation im gemeinsamen Gedenkjahr 2017».

Buchhinweis: Fritz Gloor, Bruder Klaus und die Reformierten. Der Landesheilige zwischen den Konfessionen. TVZ Theologischer Verlag , Zürich 2017. 135 Seiten.


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