Ein T-Shirt zum Spielen

MODETREND ⋅ Mit einer Bewegung verändert sich das Motiv auf dem T-Shirt: Wendepailletten sind bei vielen Mädchen derzeit heiss begehrt.
17. September 2017, 10:03

Julia Nehmiz

Begeistert streicht sich das Mädchen über den Bauch. Nicht weil es Hunger hat. Es trägt ein T-Shirt mit einem Smiley drauf, aufgestickt aus glitzernden Pailletten. Die Hände fahren nach unten: ein Smiley mit Herzaugen. Die Hände fahren nach oben: ein Smiley mit Kussmund. Auf Youtube oder Instagram finden sich unzählige Videos, auf denen Mädchen mit einer Handbewegung das Shirtmotiv verändern. Die schwarze Glitzereule funkelt auf einmal in Pink. Das lachende Smiley fängt an zu weinen. Aus dem Einhorn wird ein Panda.

Kleine Finger zeichnen Muster in den Paillettenstoff. «Das ist so cool, Freitag ist der letzte Schultag», jauchzt ein Mädchen in die Kamera, seine Hände rascheln über die Pailletten. Aus einem weissen «Monday»- wird ein silbriger «Friday»-Schriftzug, aus dem «Daumen runter» wird ein «Victory»-Zeichen. Diese Shirts sind cool, heisst es in allen Videos. «Wenn es im Unterricht langweilig ist, kann man damit spielen», sagt ein Mädchen. «Vielleicht werden die Wendepailletten-Shirts in meiner Schule verboten, aber das glaub ich nicht.» Alle ihre Freundinnen hätten auch solche.

Schon die alten Ägypter liebten Pailletten

Kein Wunder, in allen Kleiderläden kann man mittlerweile Shirts mit Wendepailletten kaufen. «Wende» deshalb, weil man sie umdrehen kann und sie auf der anderen Seite eine andere Farbe haben. Dadurch verändert sich dann das Motiv. Aber warum sind sie bei Mädchen von Kindergarten bis Oberstufe so begehrt? Die Erklärung ist einfach: Sie sind Spielzeug und Mode in einem. Und: Es fühlt sich toll an, die Pailletten mit den Händen ­umzudrehen. In Zeiten von Smartphones, Apps und Videogames ein technikfreies Erlebnis. Etwas zum Anfassen. Ein Spiel zum Anziehen. Auch für Buben gibt es Bekleidung mit Wendepailletten, allerdings mit weniger Pink, dafür mit Superhelden-Motiven.

Pailletten sind aber keine neue Erfindung, es gibt sie schon lange. Sogar die alten Ägypter nähten sich vor ein paar tausend Jahren kleine Plättchen aus Gold auf ihre Kleider. Das war natürlich ziemlich teuer. Jahrhundertelang konnten sich das nur die Reichsten der Reichen leisten.

Die Pailletten heute sind aus Plastik und werden maschinell auf dem Stoff befestigt. Erfunden hat das quasi eine Schweizer Firma. Das Textilunternehmen Jakob Schläpfer in St. Gallen erstand 1963 das Weltpatent für die Herstellung von Paillettenstoffen auf Stickmaschinen. Zum ersten Mal mussten Pailletten nicht mehr mühsam von Hand auf den Stoff genäht werden, das erledigten nun Maschinen. Das machte die Stoffe natürlich viel billiger. Jetzt konnten sich das auch nicht ganz so reiche Leute leisten. Als das Weltpatent 1985 auslief, kopierten viele Modehersteller das Verfahren: Die Paillettenmode wurde endgültig erschwinglich.

Auch Erwachsenen gefallen sie

Nicht nur kleine Mädchen stehen auf paillettenverzierte Kleider. Auch berühmte Designer entwerfen teure Luxusschuhe mit Wendepailletten – viele Erwachsene finden die veränderbaren Paillettenmuster nämlich genauso toll.

Wenn Eltern oder Lehrerinnen nun mahnen, doch nicht so oft an diesen Wendepailletten herumzuspielen, können Kinder ganz cool antworten: lieber auf einem T-Shirt rumwischen als immer nur auf dem Smartphone.


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