Ein «Update» für Gott

GLAUBE ⋅ Nur wenn die eigene Vorstellung von Gott kritisch hinterfragt wird, entdeckt man die wahre Gottesliebe. Zu diesem Schluss kommt das Buch von Frère Emmanuel aus Taizé. Nächste Woche hält er einen Vortrag in Luzern.
01. Dezember 2017, 07:25

Haymo Empl

redaktion@luzernerzeitung.ch

Dass es immer mehr Kirchenaustritte gibt, ist hinlänglich bekannt, ebenso die Gründe dafür. Kirche – als Ort der Begegnung, als Hort des Glaubens und als Institution ist ganz offensichtlich nicht mehr «en vogue». Dabei bleibt die Frage nach Gott in vielen Fällen auf der Strecke, denn «Kirche» im klassischen Sinne hat nur bedingt mit Gott zu tun. Und dennoch ist «die Kirche» ja quasi die weltliche Vertretung von Gott und muss/darf für diesen einstehen.

Da das ganze Konstrukt «Religion» ins Wanken gekommen ist, braucht es neue Wege, den Menschen Gott wieder näherzubringen – und dies funktioniert im Jahr 2017 nicht mehr mit «ora et labora», mit beten und arbeiten. Einen möglichen neuen Zugang zu Gott versucht Frère Emmanuel aus Taizé in seinem Buch «Gottes Liebe ist grösser als gedacht» aufzuzeigen. Der Bruder des ökumenischen Männerordens ist seit Jahren auf der ganzen Welt auf Lese- und Vortragsreise; mit beachtlichem Erfolg.

Die Wiederentdeckung der Präsenz Gottes

Frère Emmanuel wird am 8. Dezember auch in Luzern referieren (siehe Box). Der Titel klingt verheissungsvoll: «Braucht Gott ein Update?» Wer das Buch von Frère Emmanuel gelesen hat, weiss, dass nicht Gott ein Update braucht, sondern wir selbst in der Wahrnehmung von Gott – immer vorausgesetzt, es ist eine Art von Glaube da, ein winziges religiöses Fundament wenigstens, auf dem aufgebaut werden kann. Der Vortrag am kommenden Freitag wird von Herbert Gut, Gemeindeleiter St. Johannes Luzern, organisiert. Er fasst das Thema des Vortrags, indirekt das Buch, wie folgt zusammen: «Frère Emmanuel geht es um die Wiederentdeckung der Präsenz Gottes in der Welt, in der wir leben. Und er zeigt auf, dass es tragischerweise gerade unsere Vorstellungen von Gott sind, die verhindern, ihn im Alltag zu erkennen.» Auch Herbert Gut geht mit dieser Aussage davon aus – was er bedingt durch seine Arbeit ja auch muss –, dass Gott existiert, es hapert manchmal nur mit der Wahrnehmung: «Das, was uns hindert, Gott zu vertrauen, sind häufig Projektionen, die mit der religiösen Erziehung und mit der eigenen Lebensgeschichte zu tun haben.» Und zum Buch meint er: «Frère Emmanuel beschreibt Gott so sympathisch, dass man es fast nicht glauben kann.» In der Tat beschreibt der Bruder des Männerordens «Gott» auf verschiedene Art und Weise, letztendlich führt der Autor aber alles immer wieder auf die eigene Wahrnehmung zurück.

Frère Emmanuel schreibt etwa: «Bei den einen werden solche Projektionen zu Gottesvorstellungen führen, die Auflehnung, Ablehnung, Angst oder Gleichgültigkeit auslösen. Bei anderen werden sie Bilder hervorrufen, welche den Zugang zu Entdeckungen verhindern oder verzögern, die für die Entfaltung eines Innenlebens jedoch entscheidend wären.»

Anspruchsvolle Lektüre

Nicht immer sind die Ansichten und Thesen des Autors so einfach gehalten, in vielen Fällen sind die Aussagen dicht und brauchen Zeit, um sie zu verstehen und vielleicht auch zu verinnerlichen. Herbert Gut findet die Kernaussage des Buches für sich schlüssig: «Ist es nicht mit unseren Vorstellungen von Menschen ähnlich? Wenn ich Personen fixiere in den Bildern, die ich von ihnen habe, bin ich nicht mehr offen für anderes und Überraschendes. Unsere Beziehung bleibt stecken und wächst nicht mehr weiter.» Die Beziehung zu Gott soll also wachsen. Auch hier zeigt sich wieder ein sehr klares Bild: Wachsen kann nur, was bereits existiert.

Herbert Gut möchte aber mit dem von ihm organisierten Vortrag nicht nur diejenigen erreichen, die Frère Emmanuels Buch gelesen haben, die Zielgruppe ist breiter: «Wir versuchen, Menschen anzusprechen, die manchmal ihre Zweifel haben und noch nicht fertig sind mit Gott», erklärt der Gemeindeleiter. Den Autor und Ordensbruder Frère Emmanuel hat Herbert Gut ebenfalls schon persönlich kennen gelernt: «Ich habe ihn als bescheidenen und feinfühligen Ordensmann mit einer hohen Kompetenz im Grenzbereich von Spiritualität und Psychologie wahrgenommen.»

Grosses Taizé-Treffen in Basel

Genau dieser Grenzbereich ist es letztendlich auch, weshalb das Buch sogar mit Vorbehalt für Atheisten empfehlenswert ist.

Und dass Gott irgendwie nach wie vor «hip» ist, zeigt das kommende europäische Jugendtreffen von Taizé, welches in der Region Basel stattfinden wird. Das Treffen dauert vom 28. Dezember bis zum 1. Januar. Es wird erwartet, dass 15 000 junge Erwachsene aus ganz Europa am Anlass teilnehmen.

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